Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Bileams Eselin
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 781 - 782 (sequence 1)
- Language
- German
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781 782 BILEAMS ESELIN. Eine glaubwürdige Geschichte von Dr. Max Steif. Illustriert von John Höxter. Nachdruck verboten. Beim Zauberer zu Petor. Lange, lange Jahre hatte die Eselin des Bileam in der Einöde von Petor still und zurückgezogen, nur der Trauer um ihren grossen Gebieter gelebt. Wer es ihr auch Torausgesagt hätte, dass dieser ein solch schrecklich grausames Ende finden und sie, seine treueste Ratgeberin und Freundin, einsam zurücklassen würde! Ja, wenn sie wenigstens eine gewöhnliche Eselin, wie jede andere, gewesen wäre — sie hätte dann gewiss im Dienste eines anderen Herrn ihren Schmerz längst überwunden und vergessen. Aber so konnte sie nicht nur wie ein Mensch sprechen, sondern musste auch, wie dieser, fühlen und leiden. Und dann, wo fand sich auch leicht eine solch bevorzugte Stellung, wie bei ihrem grossen Herrn, der vor den anderen Judenfeinden auch das vorausgehabt, dass er ein angesehener, gesuchter, weit und breit berühmter Seher gewesen? Solche und ähnliche Erwägungen hatten es eben anfänglich unserer Eselin sich zuschwören lassen, den Rest ihrer Lebensjahre in wehmütiger Erinnerung an ihren einstigen Herrn zu vertrauern. Und so hatte sie es,auch die längste Zeit über getreulich eingehalten. Aber wer darf es schliesslich einer Eselin übelnehmen, wenn sie doch eines Tages das ewige Einerlei satt bekam und noch einmal den Versuch wagen wollte, die reichen Erfahrungen ihres früheren Dienstes irgendwie zu verwerten. — Froher Hoffnungen voll, suchte sie also zunächst die alte Stätte ihres einstmaligen Wirkens auf. Allein, welche Enttäuschungen harrten ihrer hier. War es möglich? Dort, wo in guter alter Zeit die Ersten und Vornehmsten, wie beispielsweise ein König Balak, den Judermass als ihre Lebensaufgabe angesehen, fristete dieser, wie sie zu ihrer tiefsten Bekümmernis jetzt wahrnehm en musste, ein ganz kümmerliches Dasein und hatte seine letzte Zuflucht nur bei einzelnen herabge- Bileams Eselin im Studierzimmer eines Archäologen. Die Reise nach Europa. kommenen Individuen gefunden. Schon bereute unsere Eselin ihr voreiliges Beginnen, als sie noch rechtzeitig nach einiger Umfrage in Erfahrung brachte, dass sie vielleichf drüben, jenseits des Meeres, namentlich in einzelnen europäischen Grossstädten das Gesuchte finden könnte. Zwar war es bei ihrem hohen Alter keine geringe Zumutung, sich in ein, ihr bis nun ganz wdldfremdes Gebiet zu wagen, aber Neugierde und frisch geweckter Tatendrangwarfen schliesslich alle aufsteigenden Bedenken über den Haufen. Und da ihr kluger Eselinnenverstand es bald auch herausgefunden, dass man bei den so gänzlich veränderten Zeitverhältnissen gut daran tue, sich nicht so zu geben, wie man wirklich sei, so hatte sie kurz vor ihrer Abreise einen alten Zauberer aufgesucht, der sie flugs in einen Gentleman umgewandelt, an dem niemand leicht etwas Eselhaftes hätte entdecken können. — Solchermassen für alle Fälle ausgerüstet, fand sich denn unsere Eselin bald darauf in dem Studierzimmer eines bekannten Archäologen, an den sie sich einige Empfehlungen zu verschaffen gewusst, und von dem sie sich um so mehr versprach, als der Gelehrte, wie sie gehört, durch mehrere Jahre in ihrer alten Heimat viele Nachgrabungen veranstaltet. — „Mit wem habe ich das Vergnügen?" klang es ihr freundlich entgegen. Unsere Eselin verbeugte sich mit jenem Anstand, wie es sonst nur das Werk guter Erziehung ist, und sagte bloss: „Ich bin die Eselin des Bileam." Ein halb überraschter, halb verwunderter Blick traf sie durch eine goldene Brille hindurch. „Ah! sieh' da, welch' seltsamer Gast! Bitte doch Platz zu nehmen!. Das trifft sich aber ausgezeichnet! Sie kommen mir jawie gewünscht. — Schon längst bin ich nämlich mit der grossen Frage beschäftigt, wieso 'es denn gekommen sei, dass ein solch wackerer Judenhasser, wie ihr ehemaliger Herr, seinen ärgsten Gegnern eine