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Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 785 - 786

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Bileams Eselin
Date
1905-12-01
Page
Seite 785 - 786 (sequence 3)
Language
German
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785 Dr. Max Steif: Bilearas Eselin. 7S6 -war ein armselig gekleideter Mann mit langem, grauem Barte. Wenn sie sich nicht täuschte, war das ja ein Jude! Unsere Eselin empfand bei diesem Gedanken •etwas wie Scham und strebte eiligst fortzukommen. Wohin sie sich gewandt, ob sie noch einen weiteren Versuch unternommen, sich nach einer passenden Stellung umzusehen, ist nicht bekannt geworden. Die Wahrscheinlichkeit spricht jedoch dafür, dass sie sich reumütig wiederum in die Einsamkeit von Petor zurückgezogen, denn man will in letzterer Zeit daselbst eine umherstreifende altersgraue Eselin auftauchen gesehen haben, die traurig und schwermütig hatte den Kopf hangen lassen. ZADOC KAHN, GRAND-RABBIN DE FRANCE. Die jüdischen Gemeinden Frankreichs und mit ihnen das Gesamtjudentum stehen trauernd an der Bahre eines grossen Führers. Der vor •einigen Tagen im 64. Jahre seines Lebens verstorbene Grossrabbiner von Frankreich Zadoc Kahn war eine der markantesten und hervorragendsten Gestalten des modernen Judentums. Er galt als einer der grössten Kanzelredner Frankreichs und war sicherlich einer der bedeutendsten tinter den jüdischen Kanzelrednern iranzösischer Zunge. Seine zahlreichen im Druck erschienenen Reden (Sermons et Allocutions) waren glanzvoll und elegant, in der Form sprühend von Geist und Feuer, und voll tiefer, vielumspannender Gedanken. Die französische Judenheit, die auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft so viele bedeutende Namen aufzuweisen hat, blickte zu ihm als zu einem ihrer grössten Gelehrten auf. Von seinem umfassenden und profunden Wissen legte insbesondere sein Buch über das Sklavenwesen im jüdischen Altertum ehrendes Zeugnis ab. Allein Zadoc Kahn war nicht allein ein Mann des Wortes und des Gedankens, sondern auch ein Mann der Tat. Ihm verdanken die jüdischen Gemeinden Frankreichs gar vieles, was zur Befestigung ihrer Organisation und zur Erhöhung ihres Geistes beitrug. Mit be- Zadoc Kahn. J. GABOWICZ. Nachdruck verboten. sonderer Liebe umfasste er das theologische Seminar zu Paris, dessen Zöglingen er nicht nur als Vorbild galt, sondern deren er sich in wahrhaft väterlicher WTeise in jeder Lebenslage annahm. Alle grossen jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen, die in Paris ihren Sitz haben, wie die Societe des Etudes juives, die Alliance Jsraelite Universelle, die JC'A., hatten in ihm einen der eifervollsten Förderer und der rastlosesten Arbeiter. Er war ein warmer Freund und unermüdlicher Vorkämpfer der Kolonisation Palästinas und aller kulturellen Bestrebungen, die dahin zielten, unseren Brüdern im heiligen Lande eine auf Aibcit und Bildung gegründete Zukunft zu sichern. Alles, was von Paris aus in dieser Richtung geschah, verdankte man vorwiegend seineiTnifiative und seinen weisen Ratschlägen. Dass nicht viel mehr und viel Besseres geschah, beweist nur, dass auch sein Einfluss, so gross er auch sein mochte, in dem Eigensinn, dem Besserwissen und den Vorurteilen der Geldgewaltigen seine Grenzen fand. Seines besonderen Wohlwollens erfreuten sich die jüdischen erzieherischen Anstalten in Paris. Er kannte und liebte die moderne hebräische Literatur und die jüdische Kunst, und wo er nur konnte, förderte er ihre Bestrebungen und beschützte ihre Vertreter.

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