Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Jüdische Nationalkunst
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 777 - 778 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583942-2592930--05715-2592992- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
777 Jlja Gttnzburg: Jüdische Nationalkunst. 778 Hütte ihre Kinder mit Kartoffeln oder Grütze füttern, nicht aber für Bilder, auf denen eine arme iüdische Hütte und verhungerte jüdische Kinder dargestellt wären. Der Jude Levy, ein talentvoller französischer Maler, tat ebenfalls sein möglichstes (obgleich er, übrigens, keine Medaille erhielt), um in den verschiedenen Sälen des neu aufgebauten französischen Kathauses verschiedene pietistische katholische Sujets darzustellen, wobei er gar nicht daran dachte, dass sich für diese Arbeit auch ohne ihn zahlreiche fähige Maler unter den Franzosen und Jesuiten selbst finden würden. Ebenso talentvolle jüdische Architekten, nach ihrem gegenwärtigen Vaterlande Franzosen und Deutsche, stellten auf der Weltausstellung jüdische Synagogen aus, die, ohne jegliche Scham, im Stile der französischen oder deutschen Renaissance dargestellt waren. Der talentvollste von all diesen Künstlern zusammengenommen — unser Antokolsky erhielt die erste Medaille der Ausstellung für seinen „Christus", welcher zwar in der Tat schön, ja herrlich ist und zum erstenmal in jüdischem Kostüm erschien, dennoch aber kein Jude und keine historische Persönlichkeit ist, sondern sentimental und matt, in der Art verschiedener allgemein-europäischen Elegien. Und das war derselbe Antokolsky, welcher so prächtig, so originell mit seiner echt-nationalen, echthistorischen „Inquisition", mit seinem „Streit um den Talmud in der Schenke", mit seinen wahrheitsgetreuen Genrebildern: „Der jüdische Schneider" und „Der jüdische Geizling" begonnen hatte. Wo war das frühere starke, originelle jüdische Element in seinen Sujets, in seinen Schöpfungen geblieben? Durch welch ein Wunder war es unter den herrlichen, schönen, doch entkräftenden und entartenden Strahlen der italienischen Sonne so schnell dahingeschmolzen! — Wo war alles Frühere geblieben? . . ." „Was waren das in meinen Augen für traurige Beispiele von Verrat an seiner Nationalflagge, an seinem eigenen Volke! Ich weiss nicht, was für einen Eindruck derartige Produkte einer farblosen anti-nationalen Kunst auf andere machten — mir erschienen sie als etwas Kaltes und Zweckloses, fast Feindliches ..." „Warum ist alles das denn so vielen neuen jüdischen Künstlern fremd und unbekannt? Erscheint ihnen etwa die jüdische Nation nach alter, allgemeiner Gewohnheit immer noch arm oder armselig? Oder bietet sie etwa in ihrer alten und neuen Geschichte, vom grauen Altertum bis zu den heutigen Tagen, wenig Thema? Weist sie etwa keine Typen auf, keine Schönheit des Körpers und des Geistes? Gesetzt, dem wäre so. Warum haben dann aber europäische Künstler, alte sowie neue, anders gedacht, Künstler, die eben grosses Talent besassen, deren Talent origineller, eigenartiger war als das Talent all ihrer zeitgenössischen Künstler? Nehmen wir Rembrandt, nehmen wir Knaus — zwei Maler durchaus ungleicher Grösse: der erstere — eins der grössten Kunstgenies der Welt, der letztere — nur ein herrliches Talent. Beide jedoch haben, der eine vor zwei Jahrhunderten, der andere zu unserer Zeit, klar eingesehen, welch reiches, welch für die Kunst dankbares Material in dem sie umgebenden Judentum liegt, und haben mehrfach statt der jüdischen Künstler das getan, was diese letzteren hätten tun sollen, die ihre Grundaufgabe vergessen oder verachten. ..." „Es hätte schwer gefallen, im vorigen Jahre zur Weltausstellung sich nicht mit demselben Vorwurf auch an die zahlreichen jüdischen Künstler zu wenden, welche damals vor dem Weltpublikum in Paris auftraten. Wie viele jüdische Musikanten waren dort, wie viele jüdische Komponisten, Pianisten, Violinisten, Sänger und Sängerinnen, die mit ihrem Talent (wahrem, tiefem Talent) glänzten, jedoch ihr Volk, ihre Rasse vergessen hatten! Da war kein einziger jüdischer Zug, kein einziger jüdischer Ton; alles war bereits ins Allgemein-Europäische, Nationallose, Charakterlose und Unpersönliche umgewandelt! Wie viel Kratt ging hier verloren!" „Wenn man bedenkt, wie diese europäisierten Juden imstande wären, der übrigen Welt originelle Melodien, eigenartige Rhythmen, charakteristische Ausdrücke und von keinem berührte Seelentöne zu geben! . . ." „Es ist sonderbar, wie die jüdischen Künstler ihren eigenen Nutzen und Vorteil nicht sehen, nicht verstehen. Uebrigens — nicht sie allein." „Es wird wohl aber eine Zeit kommen, da in dieserHinsicht keinem mehr ein Vorwurf zumachen sein wird, weder den Juden, noch den Nicht-Juden." „Obgleich ich kein Jude bin, hielt ich es doch für interessant und wichtig, auf die Rechte und Pflichten des jüdischen Volkes näher einzugehen." „Es schien mir, dass irgend jemand von den Nicht-Juden sich damit abgeben muss, wenn schon die Juden nicht das tun, was sie tun sollten. Dabei hege und he^te ich keinerlei ausschliessliche Sympathie speziell für die jüdische Kunst. Im Laufe meines langen Lebens, das ich dem Erforschen der Geschichte der Kunst und der Künstler gewidmet, habe ich mehrfach in der Presse meine Meinung über viele Kunstschulen dargelegt. Besonders interessierten mich stets diejenigen Schulen, welchen es endlich nach langem, frostigen Dahinstumpfen zu unserer Zeit gelungen ist, wieder neu aufzuleben. Dieses war der Fall bei der neuen spanischen, ungarischen, polnischen, Tiroler, schwedischen, amerikanischen Schule und bei allen neuen italienischen, endlich und mehr als bei allen änderen — bei der russischen. Die jüdische Schule ist nur eine von diesen letzteren. Wie kann man denn von ihr nicht reden, wie kann man sie nicht näher untersuchen?. . ." („Nach der Weltausstellung".) Und so hörte denn dieser Nicht-Jude im Laufe seines ganzen Lebens nicht auf, alles das, was sich auf die Kunst bei den Juden bezieht, zu erforschen, zu untersuchen. Wir haben soeben