Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Jüdische Nationalkunst
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 779 - 780 (sequence 3)
- Language
- German
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779 Jlja Günzburg: Jüdische Nationalkunst. 780 einige Zitate aus seinen Artikeln über die Weltausstellung angeführt, auf welcher die jüdische Kunst eine solche wichtige Rolle gespielt hatte. "Wladimir Wassiljewitsch nahm regen Anteil an der Erörterung der Frage über den Bau einer Synagoge in St. Petersburg und war Mitglied der zu ihrem Bau eingesetzten Kommission. Im Journal „Jüdische Bibliothek" (russ.) schrieb er bereits im Jahre 1872 einen Artikel über dieses Thema; daselbst erschienen auch seine Forschungen unter dem Titel „Das jüdische Volk in den Schöpfungen der europäischen Kunst" (manches aus diesen Artikeln habe ich hier angeführt). Welch ungeheure Gelehrsamkeit, welch grosse Liebe gehört dazu, um in der Kunst alles das aufzusuchen und zu finden, was das Judentum, welches nur wenige interessiert, betrifft! Dieser Freund der Menschheit begnügte sich jedoch nicht mit dem blossen Konstatieren von Fakten und mit deren Beleuchtung; er ging noch weiter: er fand neue Fakta und schuf eine neue Ansicht über einige Seiten der europäischen Kunst. Seine neuen Forschungen in bezug auf das jüdische Ornament („Das jüdische Ornament", verfasst von W. Stassow und Baron D. Günzburg und herausgegeben auf Kosten des letzteren) bilden eine der bewunderungswürdigsten Arbeiten dieser Art. In seinem Vorwort zu diesem Werke, das in diesen Tagen im Druck erscheinen muss, schreibt Baron D. Günzburg, der Mitarbeiter Stassows, folgendes darüber: „Als Stassow, dieser unermüdliche, klarsehende Geschichtsschreiber, dieser Erforscher und Förderer der russischen Kunst in allen ihren Arten, dieser feine Kenner und gelehrte Erforscher des Ornaments bei den Slaven und im Orient, einen Einblick getan hatte in die herrlichen Bücher und die armseligen Ueberbleibsel, welche aus den Synagogen und ferner Genisoten Länder gebracht worden waren, fasste er sofort den Entschluss, die einzelnen Teile dessen, was er gleich von Beginn als „jüdisches Ornament" bezeichnet hatte, in ein Ganzes zu sammeln. Er begann mit Wort und Beispiel tätig zu sein, er machte dem jüdischen Volke zum Vorwurf, dass es sich durchaus teilnahmslos zu den Erzeugnissen des eigenen Geistes verhalte, er forschte, stritt, erläuterte, rüttelte die Geister auf und beschloss von vornherein, seinen fruchtbaren Gedanken durch die Herausgabe echter Zeichnungen und die Darlegungen seiner hinreissenden Lehre zum Ausdruck zu bringen . . . Die Wahl der Vignetten, der Plan des Werkes, seine Grundidee gehören Wladimir Wassiljewitsch; ich freue mich, dass auch mir die Aufgabe zugefallen ist, zur Realisierung des edlen Gedankens meines gelehrten Freundes beizutragen, welcher davon träumte, das „jüdische Ornament" endlich im Drucke zu sehen. („L'Ornement Hcbreu" von W. Stassow und Baron D. Günzburg.)" Nicht nur allgemeine Fragen über jüdische Kunst beschäftigten W. Stassow; jedes einzelne Faktum, jede einzelne Erscheinung lenkte seine Aufmerksamkeit aui sich. Wie viel hat er über Rahel, über Sarah Bernhardt und viele andere geschrieben, die, nach seiner Ansicht, hervorragendes Talent besassen! Noch mehr hat er über den Bildhauer Antokolsky geschrieben. In diesem Falle musste er für das hervorragende Talent dieses Künstlers eintreten und ihn vor den elenden Angriffen verteidigen, denen Antokolsky nur auf Grund seiner jüdischen Abstammung ausgesetzt war. „Antokolsky kann man nicht auf eine Stufe mit unseren übrigen Künstlern stellen, selbst nicht mit den talentvollsten. Man muss nicht vergessen, dass er ein Jude ist, und folglich, bevor er irgend etwas erreichte, soviel ertragen und erdulden musste, als kein Künstler eines anderen Volkes bei uns zu ertragen und zu dulden hat. Möge sich unser Leser nur unsere abscheulichen, unsinnigen Beziehungen zu den Juden vorstellen und sich in Berührung mit derartigen Beziehungen einen Jüngling denken, der, fast noch ein Knabe, ohne jede Mittel und Verbindungen, ohne Schutz und Hilfe dasteht und sogar die russische Sprache schlecht kennt. Was musste beständig geschehen? Schändliche Vorurteile, Misstrauen, Antipathie, Spott — das war die Umgebung, in welcher Antokolsky in den sechziger Jahren anfangen musste. Und noch dazu als erster unter den Juden: bis dahin hatte noch keiner von diesem fähigen Volke gewagt oder gekonnt, bei uns mit Ansprüchen auf künstlerisches Talent, so wie andere Sterbliche, aufzutreten. Die Kühnheit von Antokolsk}^ war um so grösser, als er, statt seine Lage zu vertuschen, sie vergessen zu machen, sie im Gegenteil laut verkündigte. Zum erstenmal bereits trat er vor die akademischen Richter und das russische Publikum mit echt jüdischen Sujets und Typen. Zu jener Zeit begann jedoch zum Glück die russische Gesellschaft, wenn auch nicht die ganze, so doch die gute Hälfte derselben, von der schmählichen Denkungsart früherer Epochen zu lassen. Die Worte Pirogows im Kampfe für die Rechte der Juden erklangen durch ganz Russland und fanden in vielen Seelen Widerhall. Selbst die Akademie blieb diesmal nichthinter denanderen zurück und verlieh Antokolsky im Jahre 1864 die zweite silberne Medaille für sein Hautrelief aus Holz: „Der jüdische Schneider". Mir fiel die Aufgabe zu, früher und energischer als alle unser Publikum in der Presse auf das Erscheinen eines neuen, vollkommen eigenartigen Talents hinzuweisen." Seine Beschreibung der Werke von Antokolsky schliesst Stassow mit den folgenden Worten: „Das jüdische Volk sowie das übrige Europa kann auf solch einen Künstler und solche Werke' stolz sein." (25 Jahre russischer Kunst.) Wir Juden aber können sagen, dass das russische Volk sowie das übrige Europa stolz sein kann auf einen so humanen Mann, welcher solch hohe Ansichten über die Kunst eines jeden Volkes hat wie Wladimir Wassiljewitsch Stassow.