Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Jüdische Nationalkunst
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 775 - 776 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583942-2592930--05714-2592991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
775 776 JUED1SCHE NATIONALKUNST. (Gedanken eines gelehrten russischen Kritikers.) Mitgeteilt von Jlja Gi'mzbuvg, Petersburg. (Schluss.)1; Nachdmck verboten. In bezug aut die Weltausstellung des dieses Ganze durch Jahres 1878, auf welcher die berühmte Kollektion jüdischer Gegenstände von S(rauss ausgestellt war, schreibt W. Stassow: „Jedem Juden, welcher seine Nationalität wert hält und um den Erfolg seines Volkes besorgt ist, muss die Weltausstellung des Jahres 1878 teurer sein als alle Weltausstellungen, welche überhaupt bisher existiert haben. Noch nie hat das jüdische Volk eine so glänzende, eine so hohe, wichtige Rolle gespielt wie dieses Mal. Das ist denn auch, wenn auch nicht vom ganzen Judentum, so doch wenigstens von seinen wichtigsten Organen sehr wohl erkannt worden. ..." „Es würde viel Platz einnehmen, wollte jemand alles das ausführlich aufzählen, was auf der Pariser Weltausstellung des Jahres 187S von den Juden Bemerkenswertes auf den verschiedensten Gebieten menschlicher Tätigkeit, sowohl intellektueller und künstlerischer als auch industrieller, ausgestellt worden ist. Die Resultate der Tätigkeit verschiedener Erziehungsanstalten, wie z. B des Waisenhauses von Rothschild, des jüdischen Arbeitshauses, verschiedener Schulen, die sowohl nach ihrer Idee als auch nach allen Einzelheiten der Ausführung als vorzüglich zu bezeichnen sind; die Zeichnungen und Pläne zahlreicher neuer Synagogen, deren Bau in allen Weltteilen begonnen worden ist, und zwar in einem Stil, welcher die wahre jüdische Architektur zu reproduzieren sucht; die Bilder und Statuen jüdischer Künstler, die sich immer mehr und mehr an jüdische Sujets wenden, nachdem Jahrhunderte hindurch den Stempel eines höchst sonderbaren Faktums getragen hatte: des absoluten Mangels an jüdischen Künstlern, an einer jüdischen, nationalen Kunst; prächtige Ausgaben von Melodien der alt-jüdischen Musikkunst und endlich die tätige Mitarbeiterschaft der Juden an allem, was in der jüdischen Industrie Bemerkenswertes geschaffen worden ist und geschaffen wird, sei es auf dem Gebiete der Fabriktätigkeit, auf den grössten wie auf den kleinsten Fabriken, sei es auf dem Gebiete der Bearbeitung verschiedener Metalle, vom Gold bis zum Eisen, oder der Bearbeitung von Holz und Glas, von Fa^-ence oder Gips, von Seide, Wolle oder Baumwolle und so weiter bis ins Unendliche, — alles dies war auf der Weltausstellung in so zahlreichen und wertvollen Mustern vertreten, dass, wollte man diese jüdische Masse aus der allgemeinen europäischen Masse ausscheiden, in welcher das Judentum sich aufgelöst hat, geschmolzen ist, wie ein Stück Zucker im Glase Tee — fürs Auge unsichtbar, doch in jedem Schluck fühlbar — wollte man die ganze jüdische Masse als ein besonderes Ganzes ausscheiden, l) Siehe „Ost und West« Heft 10/11, 1905. seine Grösse, durch seine Bedeutung Bewunderung erregen würde. Streichet, vernichtet diese energische jüdische Initiative, diese talentvolle, vielbegabte jüdische Tätigkeit — und Europa, ja die ganze Welt wird um viele, viele Grade ihren Glanz verlieren. Es gibt jedoch auch solche — und zwar nicht nur in der bunten Volksmenge, sondern auch unter Schriftstellern und Publizisten, d. h. unter Leuten mit Bildung und klarem Kopf — welche trotz alledem vom traditionellen Widersinn und beschränkten Unsinn nicht lassen und nicht nur jegliche technische, industrielle Manufaktur- und andere materielle Tätigkeit der Juden tief missachten, wie gut, nützlich und neu sie auch sein mag, sondern selbst die geistige, künstlerische und schöpferische Tätigkeit der Juden mit Füssen treten. Sie schreien: „Wir brauchen nicht die Juden! Wir brauchen nicht ihre Intelligenz! Wir werden auch ohne sie auskommen. Was sind uns ihr Heine, ihr Börne! Wir werden eigene Heine's und Börne's finden!" Die beispiellose Gedankenarmut und verfehlte Gedankenrichtung, diese tiefe Unwissenheit, dieses unsinnige Mitfüssentreten der Geschichte sind weniger empörend als lächerlich. Wir Russen haben uns solcher Schriftsteller nur zu schämen." („Nach der Weltausstellung.") Doch nicht nur die Antisemiten waren, nach der Meinung von Stassow, die Ursache dessen, dass, trotz aller zugunsten der Juden sprechenden Fakta, überall die Ueberzeugung herrschte, dass die Juden zu den bildenden Künsten nicht befähigt seien: es ist, als hätten die Juden selbst diese Ansicht unterstützt, teils aus blindem Glauben an das, was in Europa gesprochen wurde, teils aber auch aus Feigheit und Schüchternheit, welche stets denjenigen eigen sind, welche sich infolge jahrhundertelanger Einschränkungen und Verfolgungen in niedergedrücktein Zustande befinden. „Neben der neu erstehenden, einstweilen noch nicht zahlreichen Gruppe von Juden", schreibt Stassow in seinem Artikel „Nach der Weltausstellung des Jahres 187S* in bezug auf die jüdische Abteilung, „neben den übrigen Völkern, welche in den Formen eigenartiger Kunst ihrem Gefühl, ihrer Phantasie Ausdruck zugeben suchen, sieht man hier eine Menge Juden, welche vollkommen vergessen haben, class sie Juden sind, und, wie es scheint, ihr möglichstes tun, um jedem Ersten Besten zu beweisen, dass in ihnen durchaus nichts Jüdisches ist, dass auf ihnen auch nicht im geringsten dieser unglückliche Stempel liegt. Der Jude Israels, ein talentvoller holländischer Maler, hat gleichsam nie die Tausende von Juden gesehen, von denen Holland wimmelt; er strengt alle seine Kräfte an, um die goldene Medaille für solche Bilder zu bekommen, auf denen holländische Bäuerinnen in einer armen