Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 771 - 772 (sequence 6)
- Language
- German
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771 Dr. Isidor Singer: Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren. 772 der atlantischen Küste, sofern jüdische Kulturverhältnisse in Betracht kommen, in einem ähnlichen Verhältnisse steht wie etwa Pressburg zu Ungarn. Schon im Jahre 1658 ist die Anwesenheit von 15 jüdischen Familien in dem schönen Seebade, in dem sich die Creme der amerikanischen Millionäre alljährlich Rendez-vous gibt, dokumentarisch verbürgt. Der erste jüdische Friedhof wurde 1677 angelegt, während der erste jüdische Tempel mit Isaac Touro als Rabbiner erst 1763 eingeweiht werden konnte. Die erste im Druck erschienene jüdische Predigt in Amerika war die, welche Raphael Chajjim Isaac Carregal (wahrscheinlich aus Hebron in Palästina gebürtig) am 2S. Mai 1773 in Newport in spanischer Sprache gehalten hatte, und die später ins Englische übersetzt wurde. Im Jahre 1790 richtete die Gemeinde von Newport eine Huldigungsadresse an George Washington, und der Vater der amerikanischen Republik antwortete mit einem Schreiben, welches zu den wertvollsten Dokumenten der amerikanisch-jüdischen Geschichte gehört (autographischer Abdruck im IX. Bande der Jewish Encyclopedia). Von der alten Herrlichheit einer der Mutterstädte des amerikanischen Israels bleiben heute jedoch nichts mehr als der berühmte Friedhof, die nicht minder berühmte Touro-Synagoge undeine kleine jüdische Gemeinde von ungefähr 200 Seelen übrig. Aelter sogar als die Niederlassungen in den Staaten von New York und Rhode Island ist die in Maryland. Schon im Jahre 1652 begegnen wir da eibst einem Arzte, Jacob Lumbrozo, der am 10. September 1663 das Bürgerrecht erhielt. Heute zählt die Metropole der Provinz, Baltimore, ungefähr 25000 Juden, welche zu den angesehensten und konservativsten des Landes gehören. Das an Maryland grenzende Pennsylvania erhielt seine erste jüdische Einwanderung im Jahre 1655 aus New Amsterdam, aber ungleich diesem und Newport, wo die Sephardim in der Majorität waren, wurde hier das Uebergewicht bleibend von den Ashkenazim behauptet. Die erste Anlegung eines jüdischen Friedhofes in Lancaster ist aus dem Jahre 1747 urkundlich belegt. AronLevy, ein reicher Grundbesitzer, Hess sich im Jahre 1760inNorthumberlandCounty nieder und gründete im Jahre 1786 die nach ihm benannte Stadt Aaronsburg. "Was Pennsylvanias Metropole Philadelphia betrifft, welches die Geburtsstadt der amerikanischen Freiheit ist und längere Zeit die Hauptstadt der Vereinigten Staaten bildete, so war deren erster urkundlich beglaubigter jüdischer Ansiedler (1703) ein gewisser Jonas Aron, und der zweite (1726) ein gewisser Arnold Bamberger. Im Jahre 1747 vereinigte sich eine kleine jüdisch-polnische Gemeinde an den Herbstfeiertagen zum Gottesdienste in einem bescheidenen Häuschen in Sterling Alley. Während der amerikani>xhen Revolution gründete der Rabbiner Gerson Mendes Seixas mit Hilfe einer Anzahl von Flüchtlingen aus New York die erste regelrechte Gemeinde. Von 1829 bis 1868 war Isaac Leeser aus Neuenkirchen in "Westfalen der leitende Geist der Philadelphiaer Judenheit. Heute ist der jüdische Status von Pennsylvania der folgende: 921 Gemeinden,; wovon 59 eine Mitgliedschaft von ungefähr 7000 zählen und über ein Jahresbudget von •121000 Dollars verfügen; 41 Wohltätigkeitsanstalten, von denen 23 ein Totalbudget von 219324 Dollars aufweisen, 11 jüdische Clubs, 12 jüdische Literaturvereine etc. etc. Von den 100 000 Juden der ganzen Provinz kommen 75 000 auf die Metropole Philadephia zu stehen. Da ich den Lesern von Ost und West nicht zumuten kann, die Statistik der übrigen 41 Staaten der amerikanischen Republik über sich ergehen zu lassen, so will ich, bevor ich Abschied nehme, noch einige Daten über Kanada einschieben, welches zusammen mit dem einzigen Staat Texas, das ungefähr so gioss als Deutschland ist, ohne jede ökonomische Verdauungsschwierigkeit innerhalb einer Generation nicht bloss die 5 000 000 russischen, sondern auch die rumänischen und galizischen Juden vollständig aufsaugen und so ohne Palästina, Uganda, die Sinai- Halbinsel oder Mesopotamien die Judenfrage in der befriedigendsten Weise lösen könnte. Die frühesten authentisch beglaubigten Nachrichten über den Aufenthalt von Juden in der grossen englischen Kolonie stammen aus der Mitte des. 18. Jahrhunderts, wo Engländer und Franzosen um den Besitz des Landes kämpften. Im Jahre 1768 wurde die noch heute blühende sephardische Shearith-Israel-Gemeinde in Montreal gegründet, welche während vieler Jahrzehnte die einzige Gemeinde Kanadas war. 1846 oiganisierte eine Anzahl polnischer Familien eine Kehilla nach altem Stile, aber sie dauerte nur kurze Zeit; ein zweiter Versuch im Jahre 1858 war erfolgreicher, denn die Gemeinde besteht noch heute. Ebenso wie die Entdeckung (1849) der Goldminen den Ausgangspunkt der jüdischen Gemeinden in Kalifornien gebildet hatte, so war es auch mit Britisch-Kolumbia der Fall, wo in rascher Aufeinanderfolge Synagogen in Viktoria, Hamilton, Winnipeg, Halifax etc. errichtet wurden. Die Jahre 1882 et seq. übten natürlich in Kanada einen ähnlichen Einfluss auf das Wachstum seinerjüdischenNiederlassungen,wieauf die Englands und dessen übrigen Kolonien und namentlich der Vereinigten Staaten: überall verdrängte das russisch-rumänische Element das deutsche, wie dieses 1Ö48 das sephardische in den Hintergrund geschoben hatte. Die alte Geschichte vom Chad Gadya in anglo-saxonischer Uebersetzung. Weiss man nun, wie viele Juden in dem 3 315 674 Quadratmeilen deckenden Kanada leben? 25 000, d.i. der vierzehnte Teil der jüdischen Bevölkerung in der einen Ouadratmeile an der New Yorker Eastside! Mit Stolz kann heute die Judenheit Amerikas, wie selbst die vorhergehende, leider zu fragmentarisch gebliebene Studie beweist, auf ihre Vergangenheit und mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Auf amerikanischem Boden wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Entscheidung über das Schicksal des Judentums und