Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 769 - 770 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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769 Dr. Isidor SiDger: Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Jmloi.heit in den letzten 250 Jahien. 770 hervorragender spanischer Historiker und Mitglied der Madrider Akademie der Wissenschaften ernstlich die Theorie vertreten hat, dass Christoph Columbus jüdischer Abstammung sei. Wie dem auch sein mag, soviel steht fest, dass sein Reisejournal mit der Erwähnung der Tatsache beginnt, dass er an dem Tage nach der Vertreibung der Juden aus Spanien (2. August 1492) den Hafen von Palos verlassen hatle, um eine neue Welt zu entdecken, und dass sein erster Bericht die Form eines Briefes an einen Juden annahm. Nur wenigen Lesern dieser Zeitschrift dürfte es bekannt sein, dass Brasilien das erste Land des amerikanischen Kontinents war, in dem Juden sich niederliessen. Schon im Jahre 1548 hatten portugiesische Juden das Zuckerrohr aus Madeira nach Brasilien importiert und im Jahre 1636 wurde die erste liturgische Schaalah an den Rabbiner von Salonichi, Chajjim Schabbetai, gesandt. Heute leben ungefähr 3000 Juden in Brasilien, ohne jedoch, obwohl vollständige religiöse Freiheit allen Bewohnern der Republik gewährt ist, eine einzige regelmässig konstituierte Gemeinde zu besitzen. Aehnlich verhält es sich in Peru, wo ungefähr 500 Juden wohnen, und den übrigen südamerikanischen Staaten mit Ausnahme der Argentinischen Republik, auf deren jüdische Verhältnisse, da sie allgemein bekannt sind, hier nicht näher eingegangen werden soll. AVas Mexiko betrifft, so wird bereits in dem Jahre 1642 anlässlich eines Inquisitionsprozesses von 86 „Scheinjuden" gesprochen. In jüngerer Zeit hatte sich eine ziemliche Anzahl von Juden, namentlich in der Hauptstadt des Landes, niedergelassen, wo sogar ein jüdisches Blatt während einiger Monate erschien. So interessant es auch sein mag, die Geschichte der jüdischen Niederlassungen auf Surinam (das im Jahre 1890 1560 Juden und zwei Synagogen, eine sefardische und eine mit aschkenazischem Ritus, zählte), Cavenne und Cura<;ao (wo sich Juden bereits im Jahre 1650 befanden), den Barbados-Inseln, ferner auf Jamaica, Cuba etc. näher einzugehen, der mir zugemessene Raum gestattet mir leider diesen Luxus Synagoge in Richmond, Virginia. Jüdisches (Grand-)Theater, New-York. nicht und ich muss die Leser hierfür entweder am die bereits erschienenen Hände der Jewish Encyclopedia verweisen oder auf eine deutsche Uebersetzung dieses Werkes vertrösten, welche meinen Verlegern und mir selbst von verschiedenen Seiten aus Deutschland, Oesterreich und Ungarn in den letzten drei Jahren angeboten wurde, vor deren Inangriffnahme jedoch die Herren im lttit n Augenblick zurückschraken. Es gibt, um in runden Ziffern zu sprechen, 6l 0000 Juden in Deutschland, eine Million deutschsprechender Juden in Oesterreich-Ungarn und 5 000 000 in Russland, Rumänien und den übrigen Ländern Europas. Unter diesen 400000 Familien können sicherlich 10 000 gefunden werden, welche, sagen wir, für eine 6 bändige jüdische Encyclopädie den Preis von 100 Mark zu zahlen imstande und willens wären. Lv.d wenn ich mir eine Suggestion in dieser Hinsicht erlauben dürfte, ich glaube, dass kein besserer Chef-Redakteur für ein derartiges Unternehmen gefunden werden könnte als Professor Wilhelm Bacher aus Budapest, der von allem Anfang an Revisionseditor der Jewish Encyclopedia war und, wie bereits erwähnt wurde, seit fast einem Jahre dem Werke als Chef des talmudischen Departements angehört. Doch dies bloss en passant. . . Wenden wir uns jetzt von jenen mehr exotischen jüdischen Niederlassungen Süd- und Zeotralamerikas zu den jüdischen Kolonien in den Vereinigten Staaten selbst, die ja für die meisten Europäer identisch mit dem amerikanischen Kontinente sind. Von New York sprachen wir bereits. Wir können daher sofort nach dem benachbarten Rhode Island gehen, dessen berühmte Hauptstadt Newport zu den Städten an