Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 773 - 774 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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773 Dr. Isidor Singer: Eine Vogelschau über die Entwicklung der amerikanischen Judenhcit in den letzten 250 Jahren. 774 General Uriah P. Levy Emma Lazarus Amerik. Marine-Offizier Amerikan. jüdische während des Bürgerkrieges. Dichterin. des jüdischen Volkes gelroffenwerden. Eine der wichtigsten Rollen hierbei wird unzweifelhaft der jüdischen Presse und Literatur zufallen, da leider die Synagoge aus in den Zeitumständen liegenden Gründen einen grossen Teil ihres Einflusses auf unsere Glaubensgenossen eingebüßt hat. Warum nicht den Mut besitzen, den Dingen Idar ins Auge zu sehen? Die alten jüdischen Gemeinden in Europa und zum Teile auch in Amerika deckten sich bis zum Jahre 1848 mit der Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung der betreffenden Städte, welche innerhalb der letzteren eine Art religios-sozial-ökonomisclien Imperiums in imperio bildeten. Niemand wird behaupten wollen, dass z. ß. die heutigen jüdischen Gemeinden von Berlin, Wien und Budapest dieselbe Homogenität besitzen als etwa Posen, Nikohburg und Pressburg vor 60 Jahren. Hierzulande, wo Staat und Kirche absolut getrennt sind und die weiteste individuelle Freiheit herrscht, stellen einzelne Gemeinden oft bloss die Laune und eventuell den Ehrgeiz eines halben Dutzend vermögender Herren dar, welche unter dem Ansporne eines stellungsbedürftigeu, energischen Rabbiners irgend eine alte Kirche oder einen Tanzsaal in eine Synagoge verwandeln und 100—150 Familien der Nachbarschaft für die Mitgliedschaft werben. Hier muss die jüdische Presse eingreifen und Wandlung schaffen. Leider besitzen wir aber, so befremdend es klingen mag, hierzulande kein einziges Blatt, dass sich auch nur annähernd mit dem Jewish Chronicle von London vergleichen kann, dass denn auch in der Tat von hiesigen massgebenden jüdischen Persönlichkeiten emsiger gelesen wird als die einheimischen Organe von New York, Philadelphia und San Francisco. Ferne sei es von mir, dem American Hebrew, dem seit 26 Jahren bestehenden halboffiziellen Organe der New Yorker Gemeinde — wenn dieser Ausdruck hier überhaupt gebraucht werden kann —, dem von einem Schwiegersohne des verstorbenen Baltimorer Rabbiners, Dr. Benjamin Szold, publizierten Jewish Comment, dem von Dr. Isaac M. Wise in Cincinnati vor 51 Jahren gegründeten und seinem Sohne fortgeführten American Israelite oder dem von dem ultraradikalen und genialen Heisssporne Dr. E. G. Hirsch in Chicago The Reform Advocate (um aus den zwei Dutzend von in englischer Sprache erscheinenden Blättern und Blättchen bloss diese vier hervorzuheben) ihre individuellen Verdienste Isaac Lesser Amerik. Rabbiner (1806—1868). abzusprechen. Aber der grosse Zug fehlt ihnen allen, und sie üben demgemäss weder auf die Hunderttausende von russischen, rumänischen und österreichischen Em wandere] n jüngeren Datums noch, wie bereits angedeutet einen nennenswerten Alte Broadway-Synagoge San Francisco. wurde, auf die leitenden Kreise Einüuss aus. Was die Jargonpresse betriflt, welche von der Familie Sarasch in New York gleichsam monopolisiert wurde, so gestehen deren Herausgeber mit echter Yankeeoifenheit, dass ihre Blätter ganz gewöhnliche politische Zeitungen sind, welche nur deshalb in hebräischen Lettern und im Jargon gedruckt werden, weil ihre Kundschaft weder Deutsch noch Englisch lesen kann. Man braucht in der Tat bloss den meisten Redakteuren und Mitarbeitern dieser in Zehntausenden von Exemplaren verbreiteten Tagesblätter in die Augen zu schauen, um zu wissen, dass für sie die Niederlage Rojestvenskys oder der Aufruhr in Odessa grösseres Interesse habe als die Einweihung zweier Dutzende von S}rnagogen oder die Installierung eines halben Bataillons junger Rabbiner aus den Seminarien von New York oder Cincinnati. Morris Rosenfeld, Abraham Tannenbaum und Peter Wiernik — um bloss diese drei repräsentativen Jargonjournalisten New Yorks zu nennen — haben mehr die politische Wohlfahrt der 900 000 russischen und rumänischen Juden in den Vereinigten Staaten,, und noch mehr die unserer 6 000 000 Stammes- und Glaubensgenossen in Russland und Rumänien am Herzen, als die Fortentwickelung der Religion des Judentums. Dass weder unsere konservativen noch unsere hiesigen Reformrabbiner bisher vermochten, diese psychologische Charakteristik der agnostischen russisch-rumänischen Maskilim zu begreifen und ihnen Rechnung zu tragen, wird wahrscheinlich den frühen Untergang des deutschen Judentums in Amerika verschulden. Mit diesem caveant consules will ich diese feuilletonistische Causerie schliessen, für die ausschliess- % lieh der Herausgeber von Ost und West den Lesern gegenüber verantwortlich ist, denn mir fiel es schwer, sogar in diesen heissen Sommerwochen und während der Vorarbeiten zum XI. Bande der Jewish Encyclopedia und dem I. der Encyclopedia oi Religions der schmeichelhaften Aufforderung der grössten jüdischen Monatsschrift Mitteleuropas zu widerstehen.