Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 767 - 768 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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767 Dr. Isidor Singer: Eine Vogelschau über die Enlwickelnng der amerikairischen Judenheit in den letzten 250 Jahren. 76S Der alte jüdische Friedhof in Newport. aufs Kerbholz geschrieben werden. Der arme Herzl setzte grosse Hoffnungen auf Amerika, und hätten er und Nordau im Jahre 1902 die ihnen von mir damals in der jüdischen Presse nahegelegte Rundreise durch die Vereinigten Staaten unternommen — quien sabe? —, der Zionismus möchte durch Herzls und Nordaus Bekanntschaft mit dem Präsidenten Theodor Roosevelt und'dessen Premier John Hay einen unerwarteten Impuls erhalten haben. Der Sultan, der Papst und Kaiser Wilhelm IL gewährten dem edlen, leider zu früh dahingeschiedenen jüdischen Diplomaten huldvollst eine 10—30 Minuten lange Audienz; unser „Teddyu würde Herzl und Nordau im "White House zum Diner eingeladen und wahrscheinlich in Anwesenheit von Oscar S. Straus, Leo N. Levi und Simon Wolf—als Vertreter der amerikanischen Judenheit — mit ihnen Tachlis geschmust haben. Der psychologische Zeitpunkt wurde leider versäumt. Ob es mir, dem Nichtzionisten, gelingen wird, meinen vor zwei Jahren vor der Dorshei Zion Society in Brooklyn am Schekeltage (20. Dezember) auseinandergelegten Rettungsplan, der von einigen mit dem Namen Greater Zionism getauft worden ist, zum Durchbruche zu verhelfen, das liegt im dunklen Schosse der Zukunft begraben. Soviel steht jedoch fest für mich, dass die Judenfrage in ihren beiden Hauptrichtungen (Lösung des religiös-nationalen Problems; Durchführung der Auswanderung aus Russland, Rumänien und Galizien) ihre schnellste und gründlichste Lösung nur auf dem Boden der Neuen Welt finden kann. In der No. des American Hebrew vom 30. Juni d. Js. wurden die eisten 10 Thesen des inneren Befreiungsprogramms, so zu sagen, an die Türen der amerikanischen S}magoge genagelt; fast gleichzeitig wurde die J. C. A. halboffiziell mit den Details des geplanten Exodus nach der nördlichen und südlichen Küste des Stillen Ozeans durch den künftigen Panamakanal mit Hilfe der mit den Millionen des Baron von Hirsch zu etablierenden und unter ausschliesslich jüdischer Verwaltung stehenden Dampf Schiffahrtslinien Libau—Odessa in Kenntnis gesetzt . . . Doch das ist Zukunftsmusik, und ich muss zurück zur Vergangenheit und Gegenwart, um, bevor ich schliesse, wenigstens noch einige interessante Tatsachen aus dem geradezu unübersehbaren amerikanischjüdischen Geschichsmateriale dem Leser vorzuführen. Die ungeheuren italienischen Kolonien in Nord- und Südamerika weisen, so oft die ultranationalen Jingoes das Schiboleth „America for Americans" als Schutz gegen allzu grosse Einwanderung vorschieben, mit gerechtem Stolze darauf hin, dass der Entdecker des neuen Weltteiles einer ihrer Landsleute war, und dass ohne den genialen Genossen die jetzigen stolzen Yankees in dürftigen irländischen Baueinhütten vielleicht Kartoffeln und schwarzes Brot ihr regelmässiges Menu nennen würden. Wir Juden können in ähnlicher Weise uns auf die dreifache historische Tatsache stützen, dass Christoph Columbus' Reise durch die astronomischen Werke jüdischer Gelehrter und durch die finanzielle Unterstützung der Marannen Luis de Santangel, Gabriel Sanchez und Juan Cabrero, welche Königin Isabella die AA7ichtigkeit der geplanten Entdeckungsreise plausibel zu machen gewusst hatten, wesentlich erleichtert wurde; dass endlich wenigstens 5 Semiten auf dem Admiralschilfe Santa Maria waren, als dasselbe am 12. Oktober 1492 auf eine Insel der Bahamagruppe anrann; und wenn die Tradition wahr ist, war der jüdische Dolmetsch Luis de Torres der erste Europäer, der den amerikanischen Boden betrat. Ich will natürlich nicht Bürge dafür sein, aber erwähnen will iclvs doch an dieser Stelle, dass vor kurzem ein Jüdisches Hospital, New-Orleans.