Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 765 - 766 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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765 Dr. Isidor Singer: Eine Vogelschau über die Entwicklung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren. 766 überraschen Leser Ton wird es Ost und Dutzend regelrechter Tempel, 200-300 Privathäuser und ungefähr ebenso viele rituelle Restaurants gibt; dass daselbst beinahe 400 Cbedarim mit einem Jahresbudget von $ 120000 (480 000 Mark) erhalten werden; dass die grosse Talmud Torakschule, die Machazikei Hadat (No. 225 East Broadway), der Herr Jacob H. Schiff vor kurzem einen Scheck von $25 000 (100 000 Mark) sandte, ungefähr .1000 Schüler zählt; dass die sogenaanten Hebrew Free Schools, welche unter der Oberverwaltung der riesigen jüdischen Arnerikanisierungsanstalt des Ghetto, der Educational 1 Alliance, stehen, 2800 Schüler (ungefähr 80 % Mädchen) zählen, ist geradezu selbstverständlich. Aber peinlich sicherlich die konservativen West, zu erfahren, dass es in jenem anscheinenden Zentrum der Orthodoxie kaum ein Dutzend bedeutender Handelshäuser gibt, welche am Sabbat geschlossen sind; dass Tausende junger Arbeiter und Arbeiterinnen jeden Sabbatmorgen aus dem Judenviertel nonchalant in die Fabriken wandern; dass die vornehmsten jüdischen Restaurants sogar das Koscherinsignum von ihrem Schilde entfernt haben und offen Schinken und Austern und während des Pessachs Brot veräussern; dass sich keine einzige jüdische Buchhandlung von einiger Bedeutung in den ungeheuren jüdischen Gemeinden von New York befindet; dass 81,5 % Familien ausserhalb des Judenviertels ohne jede Synagogenverbindung sind und demgemäss ihr häusliches Familienleben eingerichtet haben, und dass diese Zustände entsprechend schlimmer werden, je weiter man nach dem Westen zieht, wo sie in dem Aron ha-Kodeshlosen Sinaitempel von Chicago gipfeln, der am Sonnabend gesperrt und bloss am Sonntage geöffnet ist, und wo der beredtste und einflussreichste Prediger Dr. Emil G. Hirsch als Apostel der radikalsten Reform auftritt. Wenn unsere Konservativen hierzulande dieselbe Vogel-Strauss-Politik spielen als ihre Brüder in Europa, so beweist dies einfach, dass es Leute gibt, die nicht imstande sind, den Dingen klar ins Auge zu blicken und logische Konklusionen aus gegebenen Zuständen zu ziehen. Es kann natürlich nicht meine Aufgabe sein, die Frage der wahrscheinlichen Weiterentwickelung des Judentums als Religionssystem auf dem amerikanischen Jüdisches Krankenhaus, Philadelphia. Boden hier näher zu untersuchen; soviel aber steht für jeden unparteiischen Beobachter fest, dass, obwohl die letzten 3 Jahre manche schöne Erwartung auf eine unmittelbar bevorstehende jüdische Renaissance in den Vereinigten Staaten geknickt haben, der amerikanische Zweig Israels berufen ist, in der Zukunft die führende Rolle in der Gestaltung der Schicksale des jüdischen Volkes zu spielen. Die Vollblut-Zionisten unter meinen Lesern haben sich wahrscheinlich bereits schadenfroh über den melancholischen Ausblick des Kulturzionismus und des rabhinischen Judentums in der grossen transatlantischen Republik die Hände gerieben. Da ich jedoch nicht zu den Beschwichtigungshofräten gehöre und Ost und West nicht das Regierungsorgan des Zionismus ist, so will ich den Heiren reinen Wein einschenken. Die dreifache Tatsache, dass die hiesigen Zionisten nicht imstande oder willens waren, ihren offiziellen Monitor, die Monatsschrift The Maccabaean ($1 per annum) durch ihre Abonnements aufrecht zu erhalten; dass sie einen erbärmlich geringen Beitrag zum Herzlfonds beisteuerten und dieselbe Opferwilligkeit bezüglich der Ugandakommission an den Tag legten, beweist, dass etwas faul im Yankeezionismus sein müsse. Dass es den Anhängern Herzls während der letzten 7 Jahre nicht gelungen ist, mehr als die platonische Liebe von kaum einem halben Dutzende angesehener Reform- Rabbiner (Max Heller in New Orleans, Maurice H. Harris in New York) und Gemeindevorstehern (Cyrus L. Sulzberger in New York)für ihre Sache zu gewinnen, soll nicht ihnen, sondern den hartnäckigen Opponenten und den Landesverhältnissen