Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 763 - 764

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren
Date
1905-12-01
Page
Seite 763 - 764 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583942-2592926--05701-2592985
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

763 Dr. Isidor Singer: Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren, 764 müssen. Um diese Tatsache, soweit sie dieses Land betrifft, den Herren Germanen, Franzosen e tutti quanti, welche eventuell geneigt sein könnten, ihre „Wirtsvölker"- undrFremden"tbeorie hier zu etablieren, einzuschärfen und Unheil zu verhindern, hat sich ein Komitee von 100 der angesehensten Juden des Landes gebildet, um anlässlich der bereits mehrfach erwähnten Feier 5000 Exemplare der Jewish Encyclopedia unter den christlichen Lehranstalter, Pfarrern, Journalisten etc. unentgeltlich zu verbreiten. Die hierfür zu verausgabende Summe von $ 336000 (= 1440000 Mark) wird einfach als Herstellungspreis für einen soliden anti-antisemitischen Wehrdamm in das Budget der amerikanischen Juden eingestellt werden. Nur wenigen.Lesern von Ost und West dürfte es bekannt. sein, dass die jüdischen Flüchtlinge aus Brasilien — die holländischen Herren des Landes hatten der Uebermacht der intoleranten Portugiesen zu weichen — gleich bei ihrer Landung im heutigen New York, im Herbste des Jahres 1654, in der Person <les Gouverneurs Stuyvesant einen Vertreter des Haman- Stöckerschen Typus vorfanden. Erst als die üutch West India Company per Reskript vom 26. April 1655 ihrem engherzigen Manda'are in derbem Du teil den Text gelesen hatte, machte der brave Herr gute Miene zum bösen Spiele und gewährte den jüdischen Ankömmlingen die wichtigsten Bürgerrechte — aber unter der ausdrücklichen Bedingung, diss sie selbst für ihre Armen und Kranken zu sorgen hätten. Diese Verpflichtung wurde von der ameiikanischen Judenheit bis auf den heutigen Tag, in Wort und Geist, auf das Jüdisches Waisenhaus, New-York. gewissenhafteste eingelöst, wie ein Blick auf die schier zahllose Reihe von jüdischen Spitälern, Waisenhäusern, Versorgungsanstalten aller Art zeigt, die sich von New York bis San Francisco, von Montreal bis New Orleans erstreckt. Und der glänzende Tribut, den der französische Akademiker Anatole Leroy-Beaulieu, der im Vorjahre die hiesigen jüdischen Verhältnisse de visu zu studieren in der Lage war, in seinem vor kurzem im Drucke erschienenen Vortrage über den Gegenstand der amerikanischen Judenheit für die Art und Weise zollt, wie sie für die Tausende monatlich hier ankommenden Glaubensgenossen Sorge trägt, ist in der Tat ein vollständig verdienter. Ob aber in Anbetracht der in geometrischer Proportion anwachsenden Immigration (während das Aufsteigen der unteren in die ökonomisch sichergestellten Schichten bloss in arithmetischer vorschreitet) an jener Politik in der Zukunft wird festgehalten werden können, ist fraglich, und gleichzeitig mag ja der Zweifel formuliert werden, ob es überhaupt ratsam wäre, in einem Lande, wo die überwiegende Mehrheit der Einwanderer schon den ganzen Schulchan Aiuch über Bord wirft, Millionen für spe zifisch jüdische Institutionen zu opfern, in denen, wie jüngsthin der hervorragendste offizielle Vertreter der konservativen Richtung bei einer feierlichen Gelegenheit feststellte, die altjüdischen Traditionen von den Direktoren und Beamten selbst unter die Füsse getreten werden. An dieser Stelle mag ein Blick auf die religiösen Verhältnisse hierzulande dem Leser willkommen sein, und da die New Yorker Gemeinde, welche von 1880 bis 1905 von 100 000 auf über 700 000 stieg, ein wahres Resume der internationalen Judenheit bildet, so will ich die hiesigen Verhältnisse in den Vordergrund der Betrachtung schieben. Das New Yorker Judenvierlel, die sogenannte East Side, von ITouston Street (N.) zu Madison Street (S.) und von der Bowery (W.) zum East River reichend, und über das in den letzen 10 Jahren so viel geschrieben und — erdichtet wurde, beherbergte in 1904 auf einem ungefähr eine (engl.) Quadratmeile deckenden Gebiete 350 000 Juden (64 268 Familien). Dass es hier, wo die russischen, galizischen, rumänischen un ungarischen Juden ihre erste amerikanischen Lehrun Wanderjahre verbringen, ei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.