Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 759 - 760

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Die Taufseuche in Wien
Date
1905-12-01
Page
Seite 759 - 760 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583942-2592925--05697-2592983
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

759 —m—G—.: Die Taufseuche in Wien. 760 vornehmen und redlichen Naturen das Bewusstsein von dem schandhaften Charakter der Abtrünnigkeit. Allmählich beginnt man, es als selbstverständlich zu betrachten; dass, wer eine gewisse Höhe an Bildung, an Reichtum oder an sozialer Stellung erreicht, berechtigt ist, die Reihen des Judentums zu verlassen. Und selten wohl gibt Sich jemand Rechenschaft davon, wohin dieser Prozess, wenn er fortschreitet, führen, was für verhängnisvolle Folgen er lür unser Volk in seiner Gesamtheit haben muss. Die Geschichte kennt Beispiele, dass kleine, zumal unglückliche Völker von grösseren und glücklicheren, wenn auch nicht notwendig wertvolleren,aufgesogen wurden und als Volksgemeinschaften zu existieren aulgehört haben. Den Betrachter historischer Vorgänge erfüllt dieses Trauerspiel mit Wehmut, aber er beugt sich davor, -wie vor einem unabwendbaren Verhängnis des Schicksals. Ananke! Das Volkstum verschwindet, aber die Individuen, die doch am Ende das einzig Reale, die lebendigen Träger von Glück oder Unglück, von Kultur oder Barbarei auf Erden sind, sinken nicht notwendig von ihrer Höhe herab, verlieren nichts von ihrem geistigen und moralischen Wert; sie ändern nur, friedlich und schmerzlos, oder unter Kampf und Leiden, ihre kulturelle und volkliche Daseinsform. Aber ein kleines Volk kann von grösseren und glücklicheren nicht nur aufgesogen, sondern unter Umständen auch ausgesogen werden. Das grössere und glücklichere Volk absorbiert die tüchtigsten und lebenskräftigsten Teile des kleineren und minder glücklichen, zieht seine wirtschaftlich und kulturell begabtesten Glieder an sich und lässt in seinerMitte nurdieschwächeren, schlechter ausgerüsteten und weniger befähigten. Und dieser Prozess, wenn er eine längere Periode andauert, ist unaufhaltsam. Immer mehr wächst und erstarkt das starke Volk auf Kosten des schwächeren, immer mehr erschlafft und verarmt das schwächere, welches sein innerstes Knochenmark an jenes abtritt. Es stirbt nicht, es verkommt nur. Die Masse, ihrer natürlichen Führung beraubt, ohne die geistige Befruchtung durch die aus ihrer eigenen Mitte hervorgegangenen Köpfe, verliert nach und nach den Halt, verlernt es, den durch Geschlechter angehäuften Besitz an Kulturgütern nutzbar zu machen, sinkt immer tiefer und tiefer, bis sie auf dem Niveau völliger Unfruchtbarkeit anlangt. Dann beginnt die Zersetzung; in menschlichen Dingen gibt es nämlich keinen Stillstand. Das von seiner einstigen Höhe herabgesunkene Volk fällt der Verrohung, der geistigen Verkümmerung anheim. Und dieses Schicksal des Ausgesogenwerdens harrt des jüdischen Volkes, wenn die Abtrünnigkeit unter seinen bevorzugten Schichten fortschreitet. Ein Volk gleicht einem Ackerboden, und bedarf, gleich diesem, der immerwährenden Zufuhr von Säften, auf dass sich seine Fruchtbarkeit stetig verjünge. Wenn die dem Boden entsprossenen Früchte ihn nicht immer von neuem düngen, wenn man der Scholle Ernte nach Ernte abringt, ohne sie zu pflegen, so muss sie schliesslich verdorren, brach werden und veröden. Nur noch Disteln und Dornen können auf ihr gedeihen. Und solch einem Zustand wird uns die überhandnehmende Taufseuche entgegenführen, wenn sieT ohne von uns eingedämmt zu werden, ungestört immer grössere Verheerungen in den Reihen der höheren Kreise des Volkes anrichten wird. Die für den ökonomischen Wettbewerb gut Ausgerüsteten häufen Reichtümer an, erregen als Juden den Hass und den Neid gegen uns, oft bringen sie unsere Gesamtheit in Verruf durch protziges Gebahren. durch Prunklust und Genusssucht. Schliesslich wenden sie uns den Rücken, bringen sich selber in Sicherheit und überlassen es -uns, die Folgen ihrer Handlungen zu tragen. Die durch Bildung, Wissen und Können Ausgezeichneten, die doch die tiefsten Wurzeln ihrer Natur, die geheimen Quellen ihrer Kraft dem Volke, dem sie entstammen, verdanken, verlassen unsere Reihen, zerreissen die Bande, die sie mit uns verknüpfen, ohne ihre Pflicht zu erfüllen, die Massen zu sich emporzuziehen, an ihrer Veredlung, an der Erhöhung und Mehrung ihrer geistigen Güter zu arbeiten. Muss nicht, beim Fortschreiten dieses Prozesses der retrograden Zuchtwahl, das Volk schliesslich herabkommen und versinken? Das jüdische Volk kann nicht untergehen, das hat seine zweitausendjährige Geschichte zur Genüge bewiesen. Mögen noch so viele Blätter und Zweige von ihm abfallen, der Stamm kann nicht sterben. Aber er kann verderben. Nicht „sein, oder nichtsein" ist für uns die Frage. Wir können gar nicht aufhören zu sein. Aber wir können aufhören, ein Dasein als Kulturvolk zu führen. Wir können nicht vom Erdboden verschwinden, aber wir können aus der Liste der zivilisierten Völker gestrichen werden. Wir können zu einer Volksruine herabsinken, zu einem Trümmerhaufen, einem Agglomerat von zusammenhanglosen Individuen, materiell und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.