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Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 757 - 758

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Die Taufseuche in Wien
Date
1905-12-01
Page
Seite 757 - 758 (sequence 5)
Language
German
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757 —m—G—.: Die Taufseuche in Wien. 758 Sterbender in den Schmerzen der Agonie. In der letzten Lebensstunde erwachen die Bilder der Kindheit in ihm, längst vergessene Worte des Gebetes tauchen in seiner Erinnerung?auf und drängen sich ihm auf die ermattenden Lippen, er i denkt an seine Väter und den Glauben, welchen sie ihn gelehrt, der ihn so oft im Leben getröstet und gestärkt; er empfindet Heimweh nach den Brüdern, nach der grossen, über die Erde verstreuten Familie der Glaubensgenossen, denen ihn das Leben vielleicht entfremdet hatte. Er möchte als Jude die Augen schliessen. Aber der Sohn ist längst getauft und hat es in der neuen Religion weit gebracht. Er hat Karriere gemacht. Er schämt sich in der Seele, dass. sein Vater auf den jüdischen Friedhof hinausgetragen werde. Und nun steht . er am Sterbebette des totkranken Greises und verkündet ihm, dass er getauft werden und die heiligen Sakramente empfangen müsse. Den Alten erfasst eine namenlose Seelenangst, er wehrt sich, sträubt sich mit Händen und Füssen, bietet den Rest seiner entschwindenden Kräfte auf, um sich zu verteidigen. Hat er auch aus Mattherzigkeit mit dem abtrünnigen Sohn nicht gebrochen, so schreckte er doch das ganze Leben davor zurück, ihm zu folgen .... Er weint . . . : Vergebens. Im anstossenden Zimmer wartet der Geistliche mit dem Weihwedel und den heiligen Oelen. Der Leichnam ist Christ geworden. Der Kirche ist es recht. Die Kirche kanns vertragen. Sie hat einen guten Magen. Es ist unnütz, sich damit zu trösten, dass die Eroberungen, die die Kirche an den neugewonnenen Seelchen macht, sehr fragwürdiger Natur sind. So sehr es wahr ist, dass nur moralisch Minderwertige sich zum Abfall verleiten lassen, dass die Entfernung dieser Individuen aus unserer Mitte im Grunde für uns einem Akt moralischer Desinfektion gleichkommt, der gewissermassen eine Forderung sozialer Hygiene bildet, so gefährlich wäre es andererseits für die Zukunft unseres Volkes, wenn wir mit verschränkten Armen, ohne lauten Protest und energische Abwehr zusehen würden, wie die Gesinnung, aus der der Abfall erwächst, stetig um sich greift. Jede Seuche wirkt ansteckend, wenn der damit Behaftete nicht gründlich isoliert wird. Jeder Getaufte wirkt in seiner Familie, in seinem Kreise zersetzend, seine innere Verlogenheit und Verworrenheit teilt sich der Umgebung mit. Es verbreitet sich eine schlaffe Gleichgültigkeit, eine verwaschene, charakterlose Promiskuität, Heuchelei und Falschheit, welche die Lauterkeit der Gesinnung untergräbt. Aber die Lauterkeit der Gesinnung, die treue, uninteressierte Ergebenheit seiner Bekenner ist die einzige Schutzwehr des Judentums, über die wir mit fanatischem Eifer wachen müssen. Wehe uns, wenn diese einzige Grundveste, auf der sich unsere Gemeinschaft aufbaut, ins Wanken gerät! Und doch bekunden wir gerade in dieser Richtung eine beklagenswerte, strafwürdige Leichtfertigkeit. Man hat sich daran gewöhnt, dass die verwerfliche Unsitte, Symbole des christlichen Kultus zu gebrauchen, rein christliche Feste mitzufeiern, in jüdischen Familien sich immer mehr einbürgert. Man glaubt, in den Augen des christlichen Nachbars oder wenigstens des christlichen Dienstboten unendlich zu gewinnen, wenn man z. B. am Weihnachtsabend einen Christbaum aufstellt. Mit Recht sind ernste Christen über diese gedankenlose Nachäffung der Bräuche ihrer Religion empört. Was für den Christen, sei er gläubig oder nicht, ein hehres Symbol, ein Merkzeichen weihevoller Stimmungen ist, wird in den Händen des Juden, für den sich daran keine Erinnerung, kein erhebender Gedanke knüpft, zur jämmerlichen Karikatur. Der Jude, der christliche Embleme und kultliche Gebräuche nachahmt, deren Bedeutung ihm gleichgültig, deren innerer Gehalt ihm fremd ist, entwürdigt und entweiht die Heiligtümer seiner christlichen Mitbürger zu einer leeren Komödie, die nur dem Ergötzen der Sinne dient. Wenn Juden sich an einem christlichen Feiertage versammeln, um ein Zechgelage zu halten, zu schmausen und sich zu belustigen, so schänden sie nur würdelos den christlichen Feiertag und verdienen redlich die Verachtung und den Zorn wohlmeinender Christen. Was würden wir dazu sagen, wenn Christen es sich einfallen Hessen, an unserem Neujahrsfest oder Versöhnungstag irgend einen Mummenschanz aufzuführen, unsere Zeremonien zu travestieren, sich Tafelfreuden zu bereiten und sich zu betrinken? .... Aber unsere „gute" Gesellschaft, unsere Vornehmen und Aufgeklärten betrachten wohl derartige Alfanzereien als Vorstudien, als Uebungen und Proben zu dem Satyrspiel, welches sie sich anschicken zu agieren, indem sie schliesslich die Taufe nehmen. Und je mehr sich das Uebel ausbreitet, je grösser die Zahl der Familien wird, die von der Taufseuche angesteckt sind, desto mehr stumpft sich der Sinn ab, desto mehr schwindet auch bei

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