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Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 755 - 756

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Die Taufseuche in Wien
Date
1905-12-01
Page
Seite 755 - 756 (sequence 4)
Language
German
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755 —m—G—.: Die Taufseuche in Wien. 756 — noch nicht' gewöhnt.' Daher jener dumpfe Groll, der dem brutalsten Strassenantisemitismus wie dem verfeinerten, mit Aesthetik, Gelehrsamkeit . und ' Psychologie verbrämten Salon- und Parlamentsantisemitismus zugrunde liegt. Wie lange ist es her, dass wir den Juden straflos anspeien, schlagen, brandschatzen durften — and nun sollen wir ihn als unseresgleichen achten, vielleicht auch ihm gehorchen, oder gar seine Talente, seine Tugenden, seine Verdienste bewundern? . . . Wahrlich, es ist nur menschlich, allzu menschlich, dass man sich daran nicht so leicht gewöhnt. Man rnuss den guten Leuten nachhelfen. War es nicht eine edle Mission, die den Gebildeten und Glücklichen unter uns zufiel, in ihrer Person die Treue zum Judentum mit jenem Ansehen vereinigend, welches Wissen, Verdienst oder sozialer Rang verleiht, das Judentum von Europa würdig zu repräsentieren, den Wert ihres Volkes in den Augen der Europäer zu erhöhen? Die Völker daran zu gewöhnen, dass man in uns gleichberechtigte Menschen zu sehen, uns nach unserem Wert und nicht nach einer barbarischen Schablone zu schätzen hat? . . . Leichter und bequemer freilich ist es für den braven Mann, zuerst und allein an sich zu denken, tapfer und mutvoll aus dem Getümmel des Kampfes, aus dem Felde mühseliger Arbeit die eigene liebe Person zu retten und sich den Teufel zu kümmern um alle Missionen und Aufgaben der Welt. Dort unten mühen und plagen sich Hunderttausende meiner Brüder, um ein kummervolles Dasein ringend, wollen sich zum Licht und zu einem freieren, würdigeren Dasein emporarbeiten und sind mittlerweile gezwungen sich des nackten Lebens gegen rohe Gewalten zu erwehren. Sie . bedürfen der Führung, der Ermunterung, der Hilfe, man muss mit ihnen leiden, ihnen die Last tragen helfen, ihnen von der eigenen Kraft und Fülle schenken —was kümmert's mich, wenn ich nur geborgen bin? Ich schüttele fröhlich den Ballast der Pflicht und der Gesinnung von mir, und schreite leichten Fusses auf dem Wege der Karriere dahin. . . So mancher wendet sich noch um, und wirft einen Stein oder eine Handvoll Kot nach denen, die er verlassen, Der Typus des getauften Judenhassers ist nicht neu. Unsere Geschichte kennt Josua Lorqi und Paulus Burgensis nur zu gut. Aber während diese Menschensorte vormals die jüdische Religion,' die sie verleugnet, schmähte, beschimpfen ihre Nachfolger heutzutage mit Vorliebe die semitische.-Rasse. Sie sind aus der; semitischen Rasse ausgetreten. Wenn man sucht, findet man in jedem antisemitischen Konventikel einen getauften Juden. Zu den giftvollsten Büchern, die in unseren Tagen den Beweis zu führen unternahmen, dass der Jude von Natur ein „inferiores" Wesen sei, gehören solche, deren Verfasser ehemals selber Juden waren oder von Juden abstammen. Solchen „Judenstämmlingen" öffnet der Antisemitismus gastfrei seine Pforten, hätschelt sie und hebt sie auf den Schild. Sind ja diese Auswürfe unserer Rasse, diese entarteten Söhne unseres Volkes, lebendige Beweise für seine Theorien, sozusagen abschreckende Musterstücke, an denen bequem demonstriert werden kann, wie weit unsere Verwerflichkeit reiche. Für alles, was die Ueberläufer noch begehen mögen, wird die Verantwortung dem Gesamtjudentum zugeschoben. Wir sollen dafür büssen, dass der eine getaufte Jude als Agitator des Umsturzes, der andere als Verfasser lasziver Literaturprodukte, der dritte als Gegner der Kirche auftritt. Nach christlicher Anschauung senkt sich beim Akt der Taufe der heilige Geist auf den Proselyten nieder. Der heilige Geist scheint aber in dieser Beziehungrecht wählerisch zu sein. Was können nun wir Juden dafür, dass er sich auf den einen niedersenkt und ihn zum Rat bei der Regierung, zum Prälaten, Minister, General oder Präsidenten des Katholikentages macht, ihn mit einem hohen Gehalt versieht und mit dem päpstlichen Segen von diesem Jammertal scheiden lässt, während er den anderen übergeht und ihn zum elenden Winkelredakteur oder zum armseligen Sozialistenführer werden lässt? . . . Aber tut nichts; der Jude wird verbrannt! Wahrlich, die Kirche hat einen guten Magen, und sie kann vielerlei vertragen. Ob ein jüdisches Elternpaar seinen unschuldigen Säugling, der sich nicht wehren kann, taufen oder ein getaufter Sohn dem ohnmächtig auf dem Totenbette liegenden Vater das Sakrament reichen lässt — sie gibt ihren Segen dazu. Das jüdische Elternpaar bleibt aus irgendwelchen äusseren Rücksichten ungetauft. oder hat sich, weil sich's nicht anders lohnt, bloss konfessionslos erklärt und spricht mit ungeweihtem Munde die heiligen Bekenntnisformeln des Christentums im Namen des armen Wurmes, welcher in den Windeln daliegt und greint und nichts von dem Vorgang ahnt. Der Kirche ist es recht. Oder es wälzt sich ein

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