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Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 753 - 754

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Die Taufseuche in Wien
Date
1905-12-01
Page
Seite 753 - 754 (sequence 3)
Language
German
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753 —m—G—.: Die Taufseuche in Wfen. 754 Wie siegreich der Geist über die Materie zu triumphieren vermag! Welch eine Kraft muss doch dem Erdensohn innewohnen, wenn er seinem schrecklichsten Feind, dem Martertod, immer und immer wieder, Jahrhunderte, Jahrtausende lang, zu trotzen vermag, um nur etwas zu verwirklichen, was er für sein Ideal hält. So ungefähr sagten sich die Edlen und die Gemeinen, die Hohen und die Niedrigen, jeder in seiner Sprache, während sie unsere Vorfahren zu Zehntausenden auf die Scheiterhaufen schleppten oder über Meere und Länder in die Ferne jagten. Und das war es, was uns in der Erniedrigung Bewunderung errang, mitten in den Verfolgungen geheime Sympathien warb. Jetzt aber müssen wir ihnen als das lebendige Symbol der Untreue und der Unzuverlässigheit erscheinen, der verächtlichen Schwäche und der trüben Charakterlosigkeit. Seht euch doch diese Leute an! Um einen geringen, vergänglichen Lohn, um ein Nichts, einen lächerlichen Schatten sind sie bereit, ihre dreitausendjährigeReligion abzuschwören. Der Reiche, um einen Sitz unter den Herrenhäuslern, um das komische Privilegium, seinem Namen drei Buchstaben „von" voransetzen zu dürfen, oder von irgend einem Fürstlein zum Diner geladen zu werden. Der Unbemittelte um ein Offizierspatent, um einen armseligen Beamtenposten oder auch nur, um sich die Kultussteuer zu ersparen. Den Weiblein braucht nur ein Schnurrbart, den Männlein eine Schürze zu winken, und flugs haben sie den uralten Glauben von sich getan, ohne Seelenkampf, ohne Erschütterung, ohne Schmerz und Bedauern, ganz wie man ein Paar alte Hosen auszieht und in die Rumpelkammer schmeisst. (Weshalb, glaubt ihr, wollen die Nachkommen getaufter Juden so ungern an ihren Ursprung erinnert sein? Etwa, weil es unter Christen als eine Schande gilt, von Juden abzustammen? Nein. Jeder Christ weiss nur zu gut, dass seine ganze Religion vom Judentum abstammt. Aber es gilt in der Welt als eine Schande, von einem getauften Juden abzustammen. Es gilt als Schande, unter seinen Vorfahren einen Ueberläufer zu zählen, einen, der einer uralten, ehrwürdigen Fahne feige die Treue verleugnet hat.) . . . Sie fühlen sich seelisch von den Wahrheiten des Christentums angezogen? Das mögen sie dem naiven oder zelotischen Pfaffen vorschwatzen. „Wir", die wehlich erfahrenen Christen, wissen, was von einer solchen inneren Bekehrung zu halten ist. Wie schwer müssen die in das Christentum hineingeborenen, im Christentum auf erzogenen tieferen Geister mit ihrem Gewissen ringen, um jenen Grundwahrheiten ihrer Religion einen Sinn abzugewinnen, den sie ruhig zu bekennen vermögen. Zahllos ist die Schar derer, die sich von ihnen innerlich abgewendet haben und an ihnen nur noch kraft der Ueberlieferung hängen, als an einer liebgewordenen, teuren Erinnerung oder Gewohnheit. Aber diese neugebackenen, urplötzlichen Auch-Christen, treiben sie etwas anderes als schnöden Schacher mit fremden Heiligtümern, aus denen sie in feiger Niedertracht sich ein Mäntelchen fertigen, welches ihr Trachten nach irdischem Gewinn umhüllen soll? Wie häufig heucheln sie gar frommen Uebereifer und meistern in vordringlicher Anmassung den echten Christen, dessen Gesinnung ihnen zu lau, dessen religiöse Praxis ihnen zu frostig erscheinen will. Was ist diesen Menschen noch heilig? Können sie noch etwas ausser ihrem leiblichen Genuss, ihrem persönlichen Nutzen lieben und begehren? Gibt es etwas Hohes in der Welt, dem sie die Treue zu bewahren, wofür sie zu kämpfen, zu leiden und zu sterben fähig sind? Und solche Menschen verlangen, dass man sie zu der Kulturgemeinschaft edler Nationen zulasse, das Schicksal des Staates ihnen anvertraue, die Entscheidung über Recht und Gerechtigkeit in ihre Hände lege! .... So ungefähr urteilt die Welt über uns — und je höher die Ueberläufer aus unserer Mitte an Bildung und im sozialen Rang stehen, desto mehr tragen sie zur Befestigung dieses Urteils bei. Und doch war es gerade die Aufgabe der Höhergestellten, die Welt mit dem Judentum auszusöhnen. In der Erinnerung und der Phantasie der Völker lebte das mittelalterliche Bild des Juden fort: ein am Boden kriechender Wurm, der sein elendes Dasein vom Wucher und vom Schacher fristete, an der europäischen Bildung keinen Anteil hatte, heimatlos war und von jedem Uebermütigen getreten werden durfte. Mächtige Sphären hatten ein Interesse daran, dieses Bild immer von neuem aufzufrischen. An das Bild des modernen Juden, der aufrecht einherschreitet, mitkämpft um das Menschenrecht, mitarbeitet an der europäischen Kunst und Wissenschaft, seinen Platz am Tische des Lebens und im Rate der Völker beansprucht und behauptet — an dieses Bild hat sich der durchschnittliche Europäer ■— und der Durchschnitt reicht, ach, so hoch hinauf!

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