Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Die Taufseuche in Wien
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 751 - 752 (sequence 2)
- Language
- German
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—m—G—.: Die Taufseuche in "Wien. 752 sein —- warum soll da der „aufgeklärte" Epicier oder Kommis sich nicht mindestens konfessionslos erklären dürfen, um nur keine Kultursteuer zahlen zu müssen und seinen Kindern den Weg zum Magistratsbeamten oder Steuereinnehmer zu erleichtern? Doch das Schamloseste, Empörendste und zugleich Betrübendste ist, dass heutzutage bei uns Leute, die ihre Kinder haben taufen lassen, jüdische Gemeindeämter bekleiden, an der Spitze von öffentlichen Institutionen zur moralischen und materiellen Hebung unseres Volkes stehen dürfen, ohne dass wir erröten. Heisst das nicht, der inneren Verlogenheit gestatten, dass sie dreist und unverschämt die zartesten und empfindlichsten Gebiete des Lebens straflos vergifte? Ohne den festen Glauben an die Zukunft eines Volkes, einer religiösen Gemeinschaft, ist jede fruchtbare und gedeihliche Arbeit für dieses Volk, für diese religiöse Gemeinschaft nicht möglich. Wer aber seine unmündigen Kinder zum Taufbecken führt oder seinen erwachsenen Sprösslingen den Segen auf den Weg mitgibt, wenn sie dem Judentum den Rücken kehren, bezeugt der nicht öffentlich, dass er an die Zukunft des Judentums nicht glaubt, sich um dessen Zukunft nicht kümmert, mit dieser Zukunft durch kein inniges Band der Liebe, der Hoffnung, der Opferwilligkeit verbunden ist? Wie kann man nun von Solchen erwarten, dass sie im Interesse des jüdischen Volkes treue, hingebungsvolle Arbeit leisten, ihre ganze Persönlichkeit dafür einsetzen und, wo es not tut, Mühsal und Gefahr auf sich nehmen? Nur so erklärt es sich, dass die sogenannten „grossen Wohltätigkeitsorganisationen" in den Metropolen Europas, die mit so grossem Lärm, das Schicksal der Juden in aller Herren Ländern verwalten, so herzlich geringe Erfolge aufweisen. An entscheidender Stelle sitzt ja überall irgend einer oder ein anderer, der eine glühende Anhänglichkeit an das Judentum, seine tiefe Empfindung für dessen Schmerzen und Leiden, sein kummervolles Bangen um dessen künftiges Los dadurch bekundet hat, dass er seine nächsten Nachkommen in dem sicheren Hafen der Alleinseligmachenden geborgen hat. Für ihn selber war es vermutlich schon zu spät. Da mögen doch die Kinderchen wenigstens versichert sein. Wo aber die Tätigkeit in solchen Händen ruht, ist es erstaunlich, dass nur die Befriedigung der Eitelkeit gesucht wird, dass man lauter Flickwerk, lauterEintagsarbeit verrichtet, die nicht über den nächsten Moment hinaus vorhält und immer von vorn mit demselben kläglichen Erfolg begonnen wird? Und da schauen Hunderttausende, Millionen unseres Volkes im Osten zu jenen Stellen hinauf, wie zu einem Palladium der Hoffnung, einer Gewähr der Erlösung, einer Bürgschaft der besseren Tage — die nicht kommen und nicht kommen wollen. Was wunder? Wo Untreue regiert, da kann nichts Heilsames gedeihen. In was für einem Lichte aber lässt die stetig sich ausbreitende Taufseuche uns vor der Welt erscheinen? Was denken die Völker Europas von uns, wenn sie sehen, dass in unseren Reihen die Abtrünnigkeit sich häuft und die Fahnenflucht, namentlich unter den Repräsentanten von „Bildung und Besitz" — wie die verlogene und heuchlerische Phrase lautet —, immer mehr um sich greift? Glaubt man etwa, wir steigen dadurch in der Meinung gesitteter Menschen? Ehemals waren es eben wir Juden, die der Welt das Beispiel der unerschütterlichen Treue und der felsenfesten Ausdauer gaben. Von uns konnte die Menschheit lernen, wie man für eine reine Idee, für etwas, das sich mit keinem Sinn fassen lässt, das man nur begreifen und lieben kann, alle irdischen Güter mitsamt dem Leben selber hinopfert. Wie man aller unsagbaren Bedrängnis zum Trotz und aller Lockmittel ungeachtet, für etwas, was man für wahr und hehr hält, leidet und stirbt. Ein Gefühl, welches die Menschen aller Zeiten und Völker immerdar als eines der edelsten und höchsten priesen, welches sie als für den Fortschritt ihrer Gesittung unentbehrlich ansehen, das Gefühl der fraglosen und unbedingten Treue und Zuverlässigkeit — in unseren Vorfahren fand es während zweier Jahrtausende seine Verkörperung. Und dies war es, was uns in den Zeiten grausamster Verfolgungen und grimmigsten Hasses Respekt erzwang. Mochten unsere Peiniger noch so sehr wüten, im stillen regte sich bei ihnen das Bewusstsein, dass in unserem stahlharten Trotz eine Gefühlsweise sich äussert, die der Menschheit nicht verloren gehen darf, wenn nicht alle geistige Arbeit der Vergangenheit für die nachkommenden Geschlechter absterben, wenn nicht das Band, welches die aufeinanderfolgenden Generationen verbindet, durchschnitten und alle erworbenen Schätze der Kultur, die ein Jahrhundert dem anderen überliefert, veröden sollen. Seht, welche Macht die Idee über die Menschen haben kann!