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Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 749 - 750

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Die Taufseuche in Wien
Date
1905-12-01
Page
Seite 749 - 750 (sequence 1)
Language
German
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749 750 DIE TAUFSEUC Von —: Selten wohl war das ideale Mäntelchen, mit dem menschliche Feigheit und Niedertracht sich gern drapiert, so fadenscheinig, wie das, welches die: modernen Taufsüchtigen sich umhängen. Selten schreitet grober Zynismus mit einer so frech erhobenen Stirn einher. Ist es nicht klar, dass jeder, der heutzutage dem Judentum den Rücken kehrt, ein gutes Geschäftchen macht? Wenn er auch nicht unmittelbar _ einen Profit daraus zieht, so hat er ja schon dadurch viel gewonnen, dass er die Bande der Zugehörigkeit zu den Verleumdeten, Verfolgten und Bedrückten entzweigeschnitten hat. Ist es auch zuweilen nicht mit einem unmittelbaren Vorteil verbunden, das Christentum anzunehmen, so ist es doch stets mindestens sehr bequem, das Judentum zu verlassen. Und allen denen, die einzig und allein die Religion der persönlichen Bequemlichkeit, des animalischen Behagens bekennen, kann nur dringend geraten werden, so schnell als möglich das Joch unserer Religion abzuschütteln. Wahrlich, es ist nicht sonderlich bequem, Jude zu sein. Das war stets ein schweres Stück Arbeit und stellte an die moralische und intellektuelle Leistungsfähigkeit, an die Widerstandskraft und die Unbeugsamkeit des Individuums allzu hohe Ansprüche. Da galt es, im Innern die. unablässige Arbeit der Synthese von Vergangenheit und Gegenwart, von Ueberlieferung und Weltkultur zu verrichten, und nach aussen hin den nimmer rastenden Kampf um die Selbsterhaltung zu führen; von der Welt verfolgt, geächtet, bedroht, verhöhnt, sich an das Dasein zu klammern, und innerlich um das moralische Gleichgewicht, um die seelische Heiterkeit und das geistige Niveau zu ringen. Mitten unter grausamen, blutigen Verfolgungen, die Jahrzehnte, Jahrhunderte nicht nachliessen, des Lebens höchstes Gut: den Glauben an den eigenen Wert, zu bewahren. Tausend glänzenden Verlockungen, tausend glänzenden Verheissungen von Macht und Ehre und irdischer Wollust zu widerstehen und fröhlich den Scheiterhaufen zu besteigen, zum Wanderstab zu greifen und in die Verbannung zu ziehen, oder sich in das dumpfe, licht- und luftlose Ghetto zu verkriechen — ein rechtloser, angespieener, getretener Wurm. Und schon glaubte man sich im Schatten der modernen Kultur wenigstens vor Mord und Marter Vergleiche „Ost und West", Juniheft 1905. :he in wien:1) l—G—. Nachdruck verboten. geschützt, da ballen sich plötzlich irgendwo im Osten oder im Süden blutige Wolken zusammen, ein fürchterliches Ungewitter bricht los, neue Gefahren ziehen herauf. Alarm! Zu Hilfe! Oder: Rüstet euch! Seid auf der Hut! Keine Stunde stiller Zufriedenheit, ruhiger Sicherheit. Ein ewiges Verzichten und Entsagen. Stete Bereitschaft, den Kampf von vorn . zu beginnen. Unaufhörliche Sorge und Arbeit .um die Zukunft. Und der Lohn für all das?. Nichts,, nichts, als das Bewusstsein, seine. Pflicht erfüllt zu haben. Wahrlich, das ist viel zu wenig für die Kanaille. Wer wird es also der Kanaille verargen, dass sie um den Preis eines, hohlen Wortes, einer leeren Formel, die nichts kostet und zu nichts verpflichtet, die ganze Last auf einmal von sich zu wälzen bereit ist? Nein. Keiner darf es der Kanaille verargen und Keiner darf sich über sie wundern. Aber dass die Kanaillengesinnung unter uns eine solche Ausbreitung gewonnen hat, darüber verlohnte sich wohl, ein wenig gründlicher nachzusinnen. Unser Gewissen ist indes durch den alltäglichen Anblick des Lasters schon so abgestumpft worden, dass wir uns darüber nicht mehr aufregen.. Wir machen höchstens noch Witze darüber. - Ehemals war ein Getaufter ein Makel für eine Familie. Heutzutage hält man ihn für eine Zierde. Ehemals brandmarkte das gesunde Lebensgefühl des Volkes die feige Abtrünnigkeit, den schnöden Schacher mit dem Höchsten. Heutzutage istdie Depravation des Gewissens so weit gediehen, dass Abtrünnigkeit, Verrat, gemeine Verkäuflichkeit sich schamlos spreizen dürfen, ohne der Verachtung und dem Hohn zu begegnen, ja, indem sie sich bevorrechtet, vielleicht gar beneidet wissen. Und die Depravation beginnt von „oben" und frisst immer mehr um sich, bis in die tieferen, noch gesunden Schichten des Volkes hinein. Wenn der Herr Baron oder der ..Herr von" — lauter uralter Adel, der bis in die letzten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts hinaufreicht! — sich taufen lassen darf, um ins Herrenhaus zu kommen, um seine Tochter an einen Leutnant zu verheiraten, oder bloss um in der „guten" Gesellschaft, wo Millionen verspielt und Hunderttausende versoffen werden, verkehren zu können, oder einfach, weil es nicht vornehm ist. Jude zu

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