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Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 743 - 744

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Arische und semitische Weltanschauung
Date
1905-12-01
Page
Seite 743 - 744 (sequence 4)
Language
German
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743 Fabius Schach: Arische und semitische Weltanschauung. 744 ausgestattet ist, das aber mehr Irrtümer und Schiefheiten enthält, als es Pfennige kostet. Das Büchlein ist betitelt „Arische Weltanschauung",*) es will uns also in gedrängter Form die spezifischen Merkmale des arischen Denkens und der arischen Sittlichkeit geben. Arische Weltanschauung! Was ist arisch? Doch nur ein Notbehelf der wissenschaftlichen Terminologie für eine Völkergruppe, die im Grunde schwer abzugrenzen ist. Kann man von einer, gemeinsamen Weltanschauung aller sogenannten arischen Völker sprechen? Ist die Weltanschauung oder auch nur die Denkweise, die Lebensart des Polen und des Dänen, des Italieners und des Engländers dieselbe? Das wagt auch Chamberlain nicht zu behaupten, denn den Fluch der Lächerlichkeit fürchtet auch dieser Modedenker. Aber er weiss sich zu helfen. Er schickt eine Erklärung voraus, dass er eigentlich' „altarisch" oder „indoarisch" meine, aber — kein unpopuläres Wort wählen wollte. Der Schein der Ehrlichkeit ist also gerettet, mehr braucht man nicht. Das Wesen dieser urarischen Weltanschauung besteht für Chamberlain darin, dass sie innerlich erlebt und „nicht wie die mosaische Kosmogonie eingetrichtert werden kann". Chamberlains Licht scheint ohne semitische Schatten nicht leuchten zu können. Wovon Clauen spricht, stets bedarf er des Semitischen als konträren Gegensatz des Guten. Aber gerade der Mosaismus erstrebt eine Umfassung des ganzen Lebens, eine Verinnerlichung des Empfindens und sogar des Genusses. Die Bibel spricht oft von der „lebendigen Lehre", von der Weisheit des Lebens, und der Hebräer hat sogar einen Ausdruck „Weisheit des Herzens". Es wird hier also ein Gegensatz künstlich1 konstruiert, wo gar keiner vorhanden ist. Ein ferneres Merkmal dieser indischarischen Lehre soll darin bestehen, dass sie „aristokratisch ist, die Propaganda perhorresziert, weil sie weiss, dass nur unter gewissen physischen Rassenbedingungen und unter bestimmter Schulung das auserlesene Menschentum gezüchtet werden kann". Selbstredend findet Chamberlain auch hier einen ausgesprochenen Gegensatz zu der semitischen Idee des Universalismus. Er schreibt: „Hier die Demokratie der absoluten Gleichheit unter der unbeschränkten Tyrannei des willkürlich herrschenden Gottes, dort Aristokratie und die sittliche Selbständigkeit des als zeitlos erkannten Individuums." Und wenn der hervorragende Sanskrit-Forscher Max Müller an eine geistige Vereinigung aller Religionen glaubt, so bezeichnet das Chamberlain als einfach horrend. In Wirklichkeit aber besteht der demokratische Zug der jüdischen Religion nur *) Erster Band der unter dem Titel „Die Kultur" von Cornelius Gurlitt Lcrausgegebenen Sammlungillustrierter Monographien. Berlin, Batd, Marquardt & Cie. darin, dass sie die Gleichheit aller Menschen vor Gott und vor dem Rechte proklamiert. Einen Adel aber kennt auch die Bibel, einen Adel des Blutes und der Intelligenz. Und die Individualität ist dem jüdischen Stamme gewiss nicht fremd geblieben, eher noch hatte er zu viel als zu wenig davon. Wo also soll hier ein innerer Gegensatz bestehen? Die Individualität ist das Schlagwort aller Rassentheoretiker. Aber gerade durch diese künstlich errichteten Schranken wird die Entfaltung der Individualität am meisten gehemmt. Schafft all eure engherzigen Schablonen fort, und die menschliche Individualität wird sich frei in aller Pracht entwickeln können. Es zeugt nie von einer Tiefe der Auffassung, wenn man mit Vorliebe Vergleiche anstellt und Gegensätze sucht. Wer unmittelbar geniesst, der vergleicht nicht. Wer einer Gedankenwelt ganz angehört, dem ist sie wie eine grosse Liebe einzig, unvergleichlich. Die kalte Reflexion setzt da an, wo das pulsierende Leben aufhört. Herr Chamberlain scheint die indische Lehre nicht ihres inneren Wertes wegen zu lieben, sondern nur darum, weil sie ihm als Antipode des Judentums erscheint. Aber ich. muss ihm diese Freude rauben. Die indische Lehre hat sogar sehr viel Verwandtes mit der talmudischen Lebensanschauung, und manche Sätze dieses grossen jüdischen Nationalwerkes klingen genau wie die des Rigveda und des Vedanta. Aber Herr Chamberlain kennt nicht nur nicht den Talmud, sondern auch nicht die Bibel. Er rühmt als Haupttugend der indischen Lehre, dass sie metaphysisch und nicht materialistisch ist. Materialistisch ist für ihn natürlich alles Semitische, das ist ein Axiom. Nun meine ich, dass eine monotheistische Religion überhaupt nicht materialistisch sein kann. Denn das Wesen des Monotheismus besteht darin, dass er die sittliche Grösse an Stelle der materiellen Kraft setzt und der Gottheit sittliche Attribute zumisst. Der Grundzug des Monotheismus ist die Erhebung des sittlichen Ideals, der inneren Grösse zum Summum bonum. Spezieil die jüdische Religion ist sehr fern von jeder materialistischen Weltauffassung. Ihr Ziel ist stets auf die innere Reinheit, auf die Heiligung des Lebens, auf die Veredelung des Individuums gerichtet. Herrn Chamberlain ist die jüdische Religion tatsächlich fremd, und was er an ihr tadelt, das besteht nur in seiner Phantasie. Ihm scheint die jüdische Religion darum so weh zu tun, weil ihr Einfluss sich auch im Christentum zeigt, und er sieht ein, dass das jüdische Urwesen aus dem Christentum gar nicht beseitigt werkann, weil es sein eigentliches Lebenselement ist. Er würde es gern sehen, wenn alle Arier, namentlich alle Germanen zur Lehre der Indier zurückkehren würden. Dass dies aber ein

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