Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Arische und semitische Weltanschauung
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 741 - 742 (sequence 3)
- Language
- German
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741 Fabius Schach: Arische und semitische Weltanschauung. 742 gebührt. Auf der andern Seite ist die minderwertige, schon im Keime verdorbene semitische Rasse, aus der die sittlich und geistig gefährliche Judenheit hervorgegangen ist. So ist streng genommen alles Gute auf Erden germanischen und alles Böse semitischen Ursprungs. Nun ist freilich am heutigen Germanismus nicht alles gut, — das ist aber auch' nicht urgermanisch, sondern ein fremdes, von aussen hineingetragenes Element, etwas Krankes, das durch die Berührung mit dem Semitismus hinzugekommen ist. Ebenso ist an der heutigen Judenheit nicht alles schlecht, aber — das Gute an ihr ist eben dem Germanentum entlehnt. So hat sich Herr Chamberlain seine Weltanschauung zurecht gelegt, und mit diesem festgefügten System geht er durch alle Strömungen und Erscheinungen des Lebens, und alles ist ihm klar und alle Probleme sind damit gelöst. Sein Schifflein ist mit dem Ballast der Wissenschaft nicht belastet und er sucht nicht die Tiefe, sondern es plätschert lustig auf der Oberfläche. So kann es leicht schwimmen, — natürlich mit dem Strome der Zeit. Es ist so leicht, im Leben fertig zu werden, wenn man kein Sucher ist, weil man alles bereits gefunden zu haben glaubt. Denn die wirklich Unglücklichen im Leben sind nur die ewigen Sucher, deren Sehnsucht stärker als ihre Kraft ist. Herr Chamberlain ist ein glücklicher Finder, ihm sind alle Mysterien geöffnet. Er ist auch nicht pedantisch und er achtet auf Kleinigkeiten sehr wenig. Er wirft, wenn es ihm passt, die Begriffe zusammen, redet bald von der arischen und bald von der germanischen Rasse, greift wie ein geschickter Taschenspieler in die Luft und findet stets die nötigen Beweise und — was die Hauptsache ist — der Schluss ist bald fertig. Den Schlüssel hat er ja mitgebracht, und das Schloss muss sich dem Schlüssel fügen, sonst wird ihm Gewalt angetan. Es ist wirklich nicht leicht, sich durch die dicken Bände seiner Weisheit durchzuarbeiten, und es ist nicht jedes Mannes Sache, in dieses Wirrsal aller möglichen, einander widerstreitenden Ideen hinabzutauchen und sich in dieser schier uferlosen Gelehrsamkeit zurecht zu finden. Vielen imponieren diese Ideen nur darum, weil sie nicht den Mut haben, sie kritisch zu untersuchen. Was würde die Vogelscheuche bedeuten, wenn der Vogel den Mut fände, sich ihm auf den Kopf zu setzen und seine Pracht zu zerzausen! Mancher fühlt instinktiv, dass an diesem merkwürdigen Bau nicht alles in Ordnung sein könne, aber — die Rassenlehre ist eine sehr verwickelte Sache, in die man so leicht nicht hineindringen kann. Ohne Autorität wird man ja nirgends fertig, so glaubt man, Herrn Chamberlain seine Prämissen und man nimmt auch seine Konklusion an. Schliesslich fällt bei dieser Verhimmelung der germanischen Rasse doch auf jeden „Germanen" ein leuchtender Strahl. Es schmeichelt ja der Philistereitelkeit, der besten Rasse anzugehören und so schon von der Geburt aus einen sittlichen und intellektuellen Kredit in der Welt zu besitzen. Man kann dann auch leichter Schulden machen, wenn der Reichtum der Rasse so immens gross ist. Dieser Fata Morgana gegenüber tut es für den gebildeten Laien not, sich die eine unerschütterliche Tatsache vor Augen zu halten, dass wir heute, im kultivierten Europa wenigstens, gar keine reinen Rassen mehr habe n. All die Ideen der neuen Rassenphilosophen bewegen sich in Nebel, weil ihnen die feste Grundlage fehlt. Die ganze Rassenlehre ist eine neue Astronogie, nichts weiter. Man baut Schlösser, ohne erst den Grund zu untersuchen, man verteilt die Menschenrechte nach falschen Voraussetzungen, nach vagen Hypothesen und man vergisst ganz, dass die Menschen so nebenher doch auch Menschen sind. Das ist das Kranke an der ganzen Richtung. Charakteristisch ist es, dass alle bedeutenden Antropologen den Begriff Rasse in streng wissenschaftlichem Sinne negieren, während die Dilettanten sich mit aller Gewalt daran klammern, weil eben ihre ganzen Theorien mit der Rasse stehen und fallen. Herr Chamberlain ist der Führer dieser Schule. Er besitzt gewiss mehr Geist und Bildung als unsere antisemitischen Journalisten und er kann interessant schreiben. Das Geheimnis seines grossen Erfolges aber besteht in seiner gar nicht germanischen raffinierten Art. Er kennt die Schwächen unserer Zeit und er trägt ihnen wie ein „geriebener Semit" Rechnung. Chamberlain ist Dilettant, und er kokettiert mit seinem Dilettantentum, wie manche Schöne mit ihrer Naivität. Er will zum „Ungelehrten" sprechen und er schmeichelt ihm, er sei eigentlich mehr als der Gelehrte. „Der Ungelehrte ist gleichsam Sachkenner des Ungelehrtentums, und so mag ihm manche Wirkung gelingen, die dem Fachmann nicht mehr frei steht." Dieser Satz ist kennzeichnend für die ganze Forschungstheorie. Chamberlain will der lebendige, frische Denker sein; nicht weniger, sondern mehr als der Gelehrte gelten. Er will ein genialer Dilettant sein, ist aber in Wahrheit nur ein Virtuose des Dilettantentums. Er höhnt so oft über die Gelehrten, dabei arbeitet er selber gern mit geborgten gelehrten Begriffen, prunkt mit seinem nervös zusammengerafften Wissen und verwirrt die Köpfe derer, die sich seiner Leitung anvertrauen. Sein grosses Buch „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" ist der Typus eines geistigen Blendwerks, es ist ein Irrgarten im Reiche der Ideen. Nun wendet sich dieser Apostel des Arierturas mit einem kleinen Büchlein an das grosse Publikum; mit einem Büchlein, das glänzend