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Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 739 - 740

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Arische und semitische Weltanschauung
Date
1905-12-01
Page
Seite 739 - 740 (sequence 2)
Language
German
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739 Fabius Schach: Arische und semitische Weltanschauung. 740 dieselbe Weltanschauung haben. Es. sei denn, dass diese Weltanschauung einfach mechanisch übernommen worden ist und im Grunde ganz ohne Wert ist. Ganz leichtfertig aber ist es, von der Weltanschauung eines ganzen Volkes zu sprechen. Ein Volk besteht aus gar vielen Elementen, getrennt nach Geburt, Besitz und Bildung, und es hat seine Stellung mitten unter den Völkergruppen: Einerseits also wirkt das Individuelle mit, andererseits das gemeinsame europäische Element, und was in der Mitte bleibt, das Nationale, ist höchstens eine Lebensauffassung, erhebt sich aber nur sehr selten zu einer geschlossenen Weltanschauung. Wir besitzen in der Geschichte sehr wenige Völker, die eine spezifische " Weltanschauung repräsentieren, streng genommen mir Hellas und Jude. Dazu kommt, dass ein Volk ein lebendiger Organismus ist und geistig, sozial und sittlich wächst und sich täglich verändert. Die Anschauung von heute, wenn sie überhaupt der ganzen Nation angehört, ist nicht die von gestern, und schon morgen vielleicht wird sie von einer andern abgelöst werden. Wer es in Deutschland innerhalb 30 Jahre erlebt hat, dass die tonangebenden Richtungen wie die Moden alle paar Jahre wechselten, der wird sich hüten, von einer deutschen Weltanschauung zu sprechen. Realismus, Idealismus, Sozialismus, Symbolismus, ja Spiritismus und Antisemitismus, — sie alle sind uns schon als deutsche Weltanschauung angepriesen worden. Gewiss, in jedem Volke mag es einzelne gemeinsame Züge des Seelenlebens geben, sie kristallisieren sich aber gar selten zu einer harmonischen Weltanschauung. Würden die Leute versuchen, die Weltanschauung zu definieren, sie würden gleich sehen, dass das meiste in Nebel und Dunst zerfliesst. Aber dieser Versuch wird selten gemacht, und so bleibt die Weltanschauung ein Tummelplatz für Charlatane und Dilettanten. Noch schlimmer ist es natürlich, wenn man sich bewusst ist, dass hinter diesem Worte kein Begriff steckt und doch im Interesse einer Richtung oder einer Partei damit operiert. Man will künstlich Gegensätze konstruieren und missbraucht die Terminologie für dieses edle Geschäft. Will man dem Volke recht deutlich werden, dass es begreift., was man unter deutscher oder arischer Weltanschauung versteht, dann schafft man sich einen dunklen Hintergrund: das Semitische. Die Definition unserer antisemitischen Denker läuft schliesslich darauf hinaus, deutsche oder arische Weltanschauung ist das, was im Gegensatz zur semitischen oder jüdischen Weltanschauung , steht. Das genügt vielen, nicht weil es ihnen Klarheit bringt, sondern weil es ihrem dunklen Instinkte entspricht. Man glaubt -gar nicht, was so ein bisschen Antisemitismus auf gewisse Leute für einen eigenartigen Reiz ausübt. Der Talmud sagt : „Wer Israel bedrängt, gelangt zur Herrschaft". Dieser; sarkastische Spruch mag übertrieben pessimistisch klingen. Würde man aber denselben Gedanken modern ausdrücken, etwa „Wer antisemitische Instinkte durch etwas Geist und Witz auszulösen versteht, wird leicht berühmt", dann wäre es nicht einmal ein Paradoxon. Viele unserer bekannten Schriftsteller wären ohne ihren Antisemitismus ein „Messer ohne Klinge, dem das Heft fehlt". Ihre Ideen besitzen oft nur den einen Reiz, dass sie sich, offen oder versteckt gegen Juden und Judentum wenden. Ein geistreicher Mathematiker — ich glaube, es war Dirichlet — hat einmal den Witz gemacht: „Die Null bedeute in der Mathematik wie in der Politik nur dann etwas, wenn sie rechts steht". Eine liberale Null ist eine leere Nuss, eine konservativ-antisemitische Null aber kann von grossem Werte sein. Nehmen wir den Mann, dessen Gedanken sich heute der grössten Popularität in Deutschland^ erfreuen, den berühmten LTrteutschen Houston Stewart Charnberlain, — was würde an ihm bleiben, wenn wir .alles Antisemitische von ihm abstrahieren? Ein vielbelesener Dilettant, der auf Kosten der Gründlichkeit geistreichelt. Nichts weiter. Man denke sich den alten Grafen Gobineau, den Vater der Rassentheorie, etwas verdünnt und verzuckert, mit modernen Schlagworten verbrämt, mit Wortspielen und Zitaten garniert, und man hat dann den epochemachenden Apostel des Pangermanismus, Charnberlain vor sich. Charnberlain ist der Typus eines Blenders. Er sucht stets, durch fein pointierte Sätze zu glänzen, geistreich zu erscheinen und durch einen zur Schau getragenen sittlichen Ernst zu imponieren. Er ist also auch nicht subjektiv wissenschaftlich. Denn das Wesen aller Wissenschaft ist das voraussetzungslose ernste Suchen, und kein aphoristisches Voraussetzen. Ich hege keine besondere Ehrfucht. vor dem Worte Objektivität. Objektiv kann der Registrator, aber nicht der Denker sein. Wir sind alle subjektiv, weil wir aus unserer Haut nicht herauskönnen. Aber während bei jedem gerechten Denker wenigstens das ehrliche Streben nach Vorurteilslosigkeit vorhanden ist, schwelgt Charnberlain in seiner Subjektivität und überlässt sich ganz seinem Instinkt, der ihn natürlich zu Absurditäten und Ungerechtigkeiten führt. Der Grundton seiner Gedankenwelt, der sich wie ein roter Faden durch alle seine Schriften zieht, ist der Rassenstandpunkt. Die Welt zerfällt für ihn gewissermassen in zwei Teile: Auf der einen Seite ist die hochbegabte, edle arische Rasse, aus der die mit allen denkbaren Tugenden ausgestattete Völkergruppe stammt, der allein daher die Herrschaft auf Erden und im Reiche der Ideen

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