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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 727 - 728

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Die russischen Juden in Deutschland
Date
1905-10-01
Page
Seite 727 - 728 (sequence 5)
Language
German
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727 Fabius Schach: Die russischen Juden in Deutschland. 728 tigen die Tore zu öffnen, da kann man nur bedauern, da«5s die menschliche Kultur mit den technischen Fortschritten in Deutschland nicht Schritt hält. Goethe würde sich dieser kleinlichen Deutschen, dieser jämmerlichen Epigonen eines grossen Geschlechts, schämen. Mehr schon lässt sich gegen den zweiten Einwand sagen. Tatsächlich sind die russischen Studenten in Deutschland die besten Vermittler der Kultur des Westens mit dem Osten, und sie schädigen nicht die deutsche Industrie, sondern sie fördern sie. Es gibt heule keine Geheimnisse der Wissenschaft mehr. Was man in Deutschland auf den Hochschulen lehrt, das kann der Fachmann ebensogut aus Lehrbüchern und Fachzeitschriften erfahren. Die Stärke der deutschen Industrie liegt nicht in den hervorragenden Ingenieuren, sondern in dem guten Arbeitermaterial. Russland kann die besten Ingenieure haben, und es hat sie schon zum Teil wohl heute, solange es aber keine intelligenten, gut geschulten Industriearbeiter hat, ist es auf Deutschland angewiesen. So liegen die Dinge für jeden, der gerecht urteilen will. Aber es ist leider jetzt Mode in Westeuropa, dass die Regierungen allen Schwächen des Volkes Rechnung tragen. Und da diese Bewegung noch immer an der Zunahme begriffen ist, so wird für den russischen Juden das Studieren in Deutschland immer schwieriger. Oft rnuss sich der fleissige und strebsame russische Student die Verhöhnung eines hohlköpfigen Jünglings mit den obligaten Renommierschmissen im Gesicht gefallen lassen. Und leider treten die jüdischen Studenten Deutschlands nicht für ihre russischen Glaubensgenossen ein. Der Aufenthalt auf der Hochschule gestaltet sich oft zum Martyrium, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die Tore der deutschen Hochschulen für die russischjüdischen Studenten ganz geschlossen werden. Das Leben der russisch-jüdischen Studenten untereinander ist kein sehr harmonisches. Es haftet ihnen noch zu viel von dem grenzenlosen Subjektivismus ihrer Erziehung, von der vielköpfigen Kopflosigkeit ihrer Heimat an. Es ist tatsächlich leichter, fünfzig Deutsche als fünf Russen zu irgend einem Werke zu vereinigen. Der Mangel an Ordnungssinn und an ästhetischen Formen kommt oft hinzu, und sie gestalten diese heterogenen Elemente zu einem heillosen Chaos. An verschiedenen Hochschulen sind spezielle Vereinigungen der russisch-jüdischen Studenten,meistens zionistischer Natur, vorhanden, aber sie leisten nicht allzuviel, weil sie durch Uneinigkeit gar leicht in die Brüche gehen. Der Prozentsatz der Zionisten ist unter ihnen ziemlich gross, und an Begeisterung und an Tätigkeitsdrang fehlt es diesen Brauseköpfen sicherlich nicht, aber der Mangel an Disziplin und an Willensbeherrschung rächt sich hier fürchterlich. Der Freund der jüdischen Regeneration wird, diese Tatsache aufrichtig bedauern. Denn der Student ist der natürlichste Vermittler zwischen der alten und neuen Zeit, der beste Förderer der Renaissance, weil er frei ist, an keine Schablone gebunden, und weil er mit seinem frischen Idealismus alle Fesseln des Philistertums sprengt. Die deutsch-jüdischen Studenten sind leider für diese Aufgabe selten zu gebrauchen, weil sie das jüdische Leben nicht kennen, der jüdischen Litteratur fernstehen und sehr oft ihre Sprüchlein auswendig lernen und für etwas agitieren, das in ihnen seihst noch nicht ausgereift ist. Die russisch-jüdischen Studenten sind für diese Mission prädestiniert, und sie wären als Förderer der jüdisch nationalen Idee die geeignetsten Kräfte. Ein gut organisierter Verband aller russischen Studenten, die in Deutschland leben, würde vorzügliche Dienste leisten. Aber leider hat jeder russische Student sein eigenes Programm und seine eigenen Ideen, und er will stets Präsident und Kritiker sein. Ueberhaupt will es mir scheinen, dass die jüdischen Studenten bis heute ihren Beruf noch nicht erfasst haben. Sie könnten eine grosse Bedeutung erlangen, wenn sie an Stelle der ewigen unfruchtbaren Politik die geistige Vertiefung setzen würden. Heute aber bedeuten sie durch ihre Uneinigkeit so gut wie nichts. Ihre Beziehungen zu ihren christlichen und jüdischdeutschen Kommilitonen habe ich schon flüchtig erwähnt, ich Avill aber hier etwas näher darauf eingehen. Diese Verhältnisse sind an manchen Hochschulen, wie z. B. in Darmstadt, ganz unerträglich, an manchen Hochschulen, wie z. B. in Karlsruhe, sind sie leidlich, aber harmonisch sind sie nirgends. Die deutsche Jugend ist eben heute, wenn sie überhaupt politisch denkt, meistens konservativ. Der sogenannte vornehme Antisemitismus ist modern geworden, und ganz frei von diesen atavistischen Gefühlen sind nur sehr wenige. Dazu gesellt sich die angeborene Abneigung gegen Leute, die anders sprechen und andere Manieren haben. Man weiss ja, dass der Germane gegen fremde Formen am intolerantesten ist. Der Neid gegen diese Russen, die meistens die besten Examina machen, mag auch mitsprechen. Das ist bedauerlich, aber leider bei den heutigen Zeitströmungen begreiflich. Trauriger aber ist es, dass auch die jüdisch-deutschen Studenten sich sehr kühl und manchmal brutal gegen ihre Volksgenossen aus Russland verhalten. Sie bezeichnen sie als „Polaken" und meiden sie, wo sie können. Wie weit muss sich die jüdische Seele schon verirrt haben, wenn nicht einmal jüdische Studenten zusammen leben können, weil sie zufällig hinter anderen Grenzpfählen geboren worden sind! Auch der Zionismus hat hier nicht viel genützt, er hat nur die Kluft übertüncht und nicht überbrückt. Der deutsche Zionismus ist eben im Grunde ein anderer als der russische. Zu den deutsch-jüdischen Familien haben die russischen Studenten sehr selten Beziehungen. In Norddeutschland und namentlich in den Grossstädten, da findet jeder Student noch immerhin Familien, wo er verkehren kann. In den kleinen Städten aber und namentlich in Süddeutschland, wo der Kastengeist beinahe wie in Indien herrscht, da ist es für den russischen Studenten sehr schwer. Zugang zu den besseren jüdischen Familien zu finden. Das ist sehr zu bedauern, denn dem Studenten wird nun jede Möglichkeit genommen, sein Gemütsleben ausleben zu können. Oft räsonnieren die russischen Studenten über deutsche Verhältnisse, die sie gar nicht verstehen, denn das Gewordene ist ja keine Willkür, sondern es ist durch einen natürlichen Prozess entstanden. Psychologisch fasse ich dieses Räsonnieren über alles Deutsche als Entladung des Gefühls innerer Verbitterung auf. Ja, der russische Student empfindet schmerzlich seine Isolierung, und die Einsamkeit lastet schwer auf ihm. Je gebildeter, feiner und sensibler seine Natur ist, desto schwerer empfindet er das Gefühl der Verlassenheit. Er vermisst hier die leicht aufflammenden Herzen, das ungezwungene Sichgeben, die so wohltuende Gastfreundschaft der russischen Juden. Etwas von innerem Heimweh haftet all den russischen Juden im Auslande an. Ich kenne viele Gelehrte und Künstler, die schon seit Dezennien in Deutschland leben, sich eine angesehene Stellung und hohe Achtung erworben haben, und die sich dennoch innerlich vereinsamt fühlen. Der Gegensatz des Temperaments ist der schlimmste im Seelenleben, und diesen empfindet der russische Jude in

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