Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Die russischen Juden in Deutschland
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 725 - 726 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583941-2592749--05662-2592871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
725 Fabius Schach: Die russischen Juden in Deutschland. 726 spüren sie mehr instinktiv als mit dem Intellekt, dass hier ihre einzige Zuflucht ist, und daher klammern sie sich an ihre Religion mit aller Kraft. Es ist unglaublich, welche Opfer diese Leute ihrer Religion bringen. In fast jeder grösseren Stadt haben diese russischen Kolonien ihre eigenen Synagogen, und manchmal werden die ganzen Lasten von 12 bis 15 Leuten getragen. Ich kenne eine Kolonie, die in einem Zeitraum von zwei Jahren drei Siphre-Thöra und eine vollständige Synagogeneinrichtung angeschafft hat. Die deutschen Juden klagen oft über diese überflüssigen Ausgaben der armen Leute. Sie haben ja von ihrem Standpunkte recht, wenn sie sagen: „Wir bieten diesen Leuten eine schönere, würdigere Synagoge ganz umsonst/' Aber man darf nicht vergessen, dass Religion im Grunde eine Betätigung des Gemütes ist und dass die Erinnerungen und die alten Gewohnheiten hierbei eine grosse Rolle spielen. Diese armen Leute wollen, wenn sie vor ihrem Gotte stehen, ganz unter sich sein. Sie wollen keinen Zwang und keine Steifheit, sie wollen so beten, wie sie es von Jugend auf gewöhnt sind. Es gibt einzelne in diesen Kolonien, die ungefähr 10°/0 ihres bescheidenen Einkommens für religiöse Dinge hingeben. Ich bewundere diesen Opfermut, den nur eine ideale Kraft erzeugen kann. Ein Hausierer kam eines Tages zu mir und beklagte sich bitterlich, er habe seit acht Wochen keine „Aliah"1) mehr bekommen. Es war mir, als wenn ein begeisterter Musikfreund klagen würde, er habe seit acht Wochen keine Musik gehört. In ästhetischer Beziehung lässt dieser Gottesdienst im kleinen, engen Raum, in dumpfer Luft und ohne Reinlichkeit und Ordnung, natürlich viel zu wünschen übrig. Aber ästhetisches Empfinden ist eine Sache der Erziehung, und zwar durch viele Generationen. Auch hier im Kultus könnte viel zur Verbesserung und Veredelung geschehen. Gute religiöse Vorträge, Anweisungen in bezug auf Ordnung, Mahnungen zum Frieden und zur Harmonie wären für die Leute ein Segen. Aber wer bekümmert sich um diese Leute? Wer nimmt sich dieser Armen an? Liebe ist es, was diese Leute brauchen —, noch mehr als Geld. Sie dürsten nach der Liebe ihrer Mitmenschen und sie finden sie nicht. Sie sind ein entwurzeltes Element —, das ist ihr tragisches Schicksal. Von den armen, ewig wandernden Schnorrern will ich hier nur kurz sprechen. Sie gehören eigentlich zu keiner Kolonie, weil sie nirgends eine Heimat haben, nicht einmal eine vorübergehende. Von den fünf- bis sechstausend jüdischen Armen, die jährlich Deutschland durchziehen und an jede Unterstützungskasse pochen, kommt ein starkes Drittel aus Russland. Es sind viele Frauen, Greise und Kranke darunter, aber es fehlt auch nicht an gesunden, arbeitscheuen Elementen unter ihnen. Es ist gar kein Zweifel, dass ein gut Stück der jüdischen sozialen Frage gelöst wäre, wenn sämtliche jüdische Hilfsvereine auf Grund eines einheitlichen Programms sich zu einem gemeinsamen Vorgehen in dieser Frage entschliessen würden. Durch gemeinsame Arbeitsstätten und Arbeitsnachweise könnte viel unverdientem Elend gesteuert werden, könnten auch viele Verirrungen auf sittlichem Gebiete bekämpft werden. Früher oder später wird diese Form der wahren Wohltätigkeit kommen, denn die Zeit erfordert sie, und der Zeitgeist ist stärker als die Macht des alten Zopfes. 1) Ehrung beim Vorlesen der Thora. Das Leben der russisch-jüdischen Studenten in Deutschland bildet ein wichtiges Kapitel. Die gegenwärtige Zahl wird auch hier schwer festzustellen sein. Ich glaube aber, dass man sie auf etwa fünfzehnhundert beziffern darf. Am stärksten vertreten sind sie an den polytechnischen Hochschulen. G össere Kolonien sind in Berlin und Charlottenburg, München, Karlsruhe, Darmstadt, Dresden und Kothen. Kleinere Gruppen findet man in Heidelberg, Aachen, Braunschweig, Stuttgart, Leipzig, Freiburg und Hannover. Einzelne russische Studenten findet man an jeder deutschen Universität und an jeder deutschen technischen Hochschule. Die meisten widmen sich dem Maschinenbaufach, viele der Chemie und eine kleinere Zahl der Philosophie und Staats Wissenschaft. Nur vereinzelt tritt der Fall auf, dass jemand von ihnen Medizin, Jurisprudenz oder Philologie studiert. Die meisten bringen eine mindestens normale Begabung mit, sind leidlich vorbereitet und entwickeln einen grossen Fleiss und eine grosse Energie. Von den Studenten der letzten Jahre haben fast alle ihr Examen gut bestanden, und ich kenne kaum drei, die sich verbummelt und den Weg zu ihrem Berufe nicht mehr gefunden haben. Viele Ingenieure und Chemiker sind dauernd in Deutschland geblieben und bekleiden gute Aemter, manche sind nach Amerika gewandert, die meisten aber sind nach Russland zurückgekehrt. Die materielle Lage dieser Studenten ist im Vergleich zu den deutschen Studenten schlecht. Vergleicht man sie aber mit dem Leben der jüdischen Studenten in Russland, dann wird man sie als erträglich bezeichnen müssen. Man unterscheidet reichere und ärmere Studentenkolonien in Deutschland. So gehört beispielsweise Karlsruhe zu den reicheren. Aber auch hier liegen die Dinge so, dass nur wenige einen Wechsel von hundert Mark monatlich und darüber hab en, die Einkünfte der grössten Zahl schwanken zwischen fünfzig und siebzig Mark monatlich. Einige haben nur dreissig bis vierzig Mark. An verschiedenen Hochschulen erreicht aber der Durchschniitswechsel kaum die Höhe von fünfzig Nark monatlich. Im grossen und ganzen sind diese Studenten den schwersten Sorgen enthoben und können sich satt essen. Die meisten sind von Hause aus so bescheiden erzogen worden, dass sie keine grossen Ansprüche ans Leben stellen. In den letzten Jahren machen ihnen die Behörden viele Schwierigkeiten. Es werden schwere Bedingungen an die Aufnahme geknüpft, und selbst nachdem sie immatrikuliert sind, werden sie gewi^'sermassen als Studenten zweiten Ranges behandelt und es werden ihnen die schlechtesten Plätze in den Laboratorien und Zeichensälen angewiesen, während die Inhaber der besten Plätze, die Herren Korps-Studenten, in den Kneipen sitzen und „bibere" gründlich studieren. Das ist eine fast generelle Erscheinung geworden und man muss gestehen, dass die Behörden hierbei nur der Stimmung der Studentenschaft Rechnung tragen. Einerseits wird die deutsch-akademische Jugend immer chauvinistischer und hat fast ganz mit den liberalen Traditionen gebrochen. Sie setzt anstelle des Ideals die hohle patriotische Phrase und antisemitelt gern. Andererseits macht sich innerhalb gewisser industrieller Kreise die nervöse Angst geltend, die russischen Studierenden könnten nachher in Russland alles nachmachen und so den Export nach Russland beeinträchtigen. Nun lässt sich dem Chauvinismus mit Vernunftgründen nicht beikommen, und wenn die Jugend des Volkes der Denker und Dichter nicht begreift, dass es ein nobile officium der deutschen Hochschulen ist, jedem Bildungsbedürf-