Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Die russischen Juden in Deutschland
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 729 - 730 (sequence 6)
- Language
- German
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729 Fa"bius Schach: Die russischen Juden in Deutschland. 730 Deutschland auf Schritt und Tritt. Es fehlt ihm hier die schlichte Herzlichkeit, die natürliche Anregung, die lamiliäre Liebe, die Sonne, an der wir unsere Seele wärmen. Der in Russland lebende Jude ist psychisch besser daran, er hat eine innere Heimat, eine qualvolle, schmerzensreiche Heimat — aber doch eine innere Heimat, in die er mit seinem Temperament, seinem Sehnen und Fühlen hineinpasst. Der im Ausland lebende russische Jude ist entwurzelt und er trägt eine innere Tragik mit sich. Es ist das charakteristische Gefühl des Exilanten im Exil, das ihn quält. Ihre Beziehungen zur deutschen Kultur sind nicht die besten. Es gibt wohl Studenten, die sich redlich Mühe geben, das Geistesleben der deutschen Nation in sich aufzunehmen und die ruhige grosse Kultur Mitteleuropas zu studieren. Diese sind aber nicht in der Majorität. Die meisten bleiben der deutschen Kultur, ja auch der deutschen Sprache fern. Ich bedauere diese Erscheinung aufrichtig. Denn die Studentenzeit ist nicht allein dazu da, Fachstudien zu machen, sondern auch, sich an den Schätzen der Kultur zu bereichern und Kenntnisse und Eindrücke fürs ganze Leben zu sammeln. Gewiss spielen auch hier viele innere und äussere Faktoren mit, und dennoch ist es nicht zu entschuldigen. Wer einige Jahre in Deutschland lebt, muss danach streben, Deutsch zu lernen und sich mit dem deutschen Kulturleben vertraut zu machen. Die jüdischen Studentinnen aus Russland will ich nur mit einigen Strichen berühren. Sie sind jetzt ziemlich gering an Zahl, und sie werden immer weniger, weil die Aufnahmebedingungen an den Universitäten für sie immer erschwert werden. Es sind manche flatterhafte Wesen unter ihnen, die nicht wissen, wohin mit ihren unklaren Empfindungen und ihren unsteten Seelen. Aber ich habe auch viele hochbegabte und sehr ernstdenkende Mädchen darunter gefunden, die von einem hohen Idealismus beseelt sind. Ein praktisches Ziel erreichen wohl nur die wenigsten, aber viele vertiefen ihr Denken und eignen sich eine gute allgemeine Bildung an. Vor allem wird in ihnen das Gefühl für das Schöne und das Verständnis für Kunst und Natur gesteigert, und das ist immerhin ein Gewinn fürs Leben. So bildet die russische Kolonie eine eigene Welt für sich; eine AVeit reich an eigenartigen Schmerzen und arm an Freuden. Wenn die Philosophen den Menschen als Mikrokosmos bezeichnen, so trifft diese Bezeichnung beim russischen Juden sicherlich zu. In jedem russischen Juden lebt das ganze jüdische Volk, in ihm sind die Fehler und Tugenden seiner armen Nation verkörpert. Der russische Jude mag manchmal für den Westeuropäer äusserlich keine erfreuliche Erscheinung sein, aber es ist Leben und Rasse in diesen Leuten, hier weint und lacht noch die jüdische Volksseele in ihrer Urkraft. Die deutsche Judenheit wird früher oder später zu der Ueberzeugung kommen, dass sie diesen russischen Juden nicht nur viel zu geben, sondern noch viel mehr von ihnen zu empfangen hat, denn sie nur sind die Wahrer der jüdischen Volksseele, sie tragen eine Krone in Lumpen gehüllt. JUSTIZRAT DR. HEINRICH MEYER COHN. (Gestorben am 29. Oktober im 50. Lebensjahre.) Heinrich Meyer Cohn ist tot. Im besten Mannesalter, mitten aus einer reichen und mannigfaltigen Tätigkeit wurde er jählings abberufen und hinterläßt tiefe Trauer im Herzen aller, die ihm im Leben nahe gestanden, und eine schmerzliche Lücke in unserem öffentlichen Leben. Heinrich Meyer Cohn, der an der Spitze eines der ältesten und angesehensten Bankinstitute der deutschen Reichshauptstadt stand, verband mit grosser geschäftlicher und praktischer Tüchtigkeit und Erfahrung eine universelle Bildung, einen offenen Sinn und ein lebhaftes Interesse für alle geistigen Fragen, die unser Zeitalter bewegen, insbesondere für alle Fragen, die das Judentum betrafen — das Judentum, das seinem Herzen am nächsten stand, und das er' von den höchsten Gesichtspunkten aus, mit den Augen des ruhigen, objektiven Forschers, aber zugleich mit den Augen des treu liebenden Sohnes betrachtete. Nichts Jüdisches war ihm fremd. Sein lebhafter, umfassender Geist, der für alles Ideale empfänglich war, umfing mit gleicher Liebe die Wissenschaft und Literatur des Judentums, wie dessen soziale und politische Probleme. Und das Judentum war ihm ein Kollektivbegriff, der die Juden aller Länder umfasste. So erstreckte sich denn seine werktätige Teilnahme und Hilfsbereitschaft überallhin, wo Juden als solche litten, für ihre Rechte und für die Hebung ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Lage kämpften. In diesem Sinne seine Kraft zu entfalten, hatte er reichliche Gelegenheit als Mitglied des Zentralausschusses der Alliance Israelite Universelle. Es gibt Menschen, die über der flammenden Liebe zu einer Gesamtheit den einzelnen Gliedern dieser Gesamtheit kühl bis ans Herz'gegenübertreten, ihr Interesse nur dem großen Ganzen schenken, und nichts übrig haben für das Spezielle, das Kleine, welches nur eine Nummer in ihrer großen Rechnung bildet. Heinrich Meyer Cohn hatte, ohne je seine grossen, weitgesteckten Ziele aus dem Auge zu verlieren, stets für das Wohl und Wehe des einzelnen Leidenden und Dürftigen ein offenes Auge, ein liebevolles Verständnis und eine hilfsbereite Hand. Ihm war der einzelne Jude in seiner Not und in seinem Kampfe ein Mikro-