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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 723 - 724

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Die russischen Juden in Deutschland
Date
1905-10-01
Page
Seite 723 - 724 (sequence 3)
Language
German
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723 Fabius Schach: Die russischen Juden in Deutschland. 724 grösseren Kapital arbeiten. Schuhe lässt sich heute fast niemand mehr beim Schuhmacher anfertigen, denn man findet sie im Laden fertig viel schöner und billiger. Beide also, Schneider und Schuster, sind auf Flickarbeit angewiesen, die mühsam ist und nicht viel einbringt. Es kommt noch hinzu, dass es schwer fällt, auch diese untergeordnete Arbeit für diese Leute zu beschaffen. Als Geselle zu einem christlichen Meister zu gehen, ist auch nicht leicht, weil nur die wenigsten christlichen Handwerker einen jüdischen Gesellen anstellen. In der Zigaretten-Industrie, die sich in Deutschland in neuerer Zeit immer mehr entwickelt, waren lange Zeit die jüdischen Gesellen dominierend, jetzt aber lernen sehr häufig christliche Mädchen diese Arbeit und verdrängen durch ihre billigen Arbeitspreise allmählich die jüdischen Gesellen ganz. Dazu kommt noch, dass die Maschine immer mehr und mehr Arbeiter entbehrlich macht. Wo früher zehn Arbeiter beschäftigt waren, ist jetzt manchmal kaum Platz für drei vorhanden. Manchmal kommt es vor, dass die jüdischen Handwerker ihren Beruf wechseln und dass aus dem Schneider ein Händler mit alten Kleidern, aus dem Schreiner ein Altmöbelhändler und aus dem Schuhmacher ein — Hühneraugenoperateur wird. Manche unserer jüdischen Aristokraten, die gern mit jüdischen Handwerkern paradieren möchten, regen sich über diese bedauerliche Erscheinung auf. Ich muss gestehen, dass ich über diese Leute nicht den Stab zu brechen vermag. Die jüdischen Handwerker sind nicht dazu da, um die Judenheit zu dekorieren, sondern selbst zu existieren, und wenn sie ihre Existenz verbessern können, so darf es ihnen niemand verargen. Wenn aus einem Fellhändler ein Bankier und aus einem Viehhändler ein Kommerzienrat werden kann, so sehe ich nicht ein, warum die Metamorphose von einem Schneider in einen Händler nicht gestattet sein soll. Noch seltener findet man die russischen Juden als Arbeiter in Deutschland. Die meisten sind eben keine gelernten Arbeiter, und für solche ist es hier schwer, Anstellung zu finden. Die Industrie liegt in Deutschland nur zum geringsten Teil in jüdischen Händen, und auch ein jüdischer Arbeitgeber entschliesst sich schwer, einen ausländischen Juden als Arbeiter anzustellen, weil er auf alle möglichen Stimmungen Rücksicht nehmen zu müssen glaubt. Wie-leben nun diese Leute? Sie wohnen meistens in den schmutzigsten und ärmsten Strassen, in Keller- und Dachwohnungen, und die ganze Wohnung besteht meistens aus zwei Räumen. Man darf nicht vergessen, dass schon eine solche Wohnung in den Grossstädten Deutschlands 15 bis 20 M. -monatlich kostet, also etwa den vierten Teil des ganzen Verdienstes verschlingt. Die Einrichtung der Wohnung ist armselig, und auch die Reinlichkeit lässt häufig zu •wünschen übrig. Die Nahrungsweise ist meistens erträglich. Das Stückchen Fleisch ist hier nicht wie bei den russischen Proletariern nur Sabbatgast. Auch ihre Kleidüng ist nicht schlecht, und mit geflickten oder gar zerrissenen Kleidern habe ich selten einen auf der Strasse gesehen. Sabbat sieht man sie meistens im sauberen Anzug mit ihren Frauen und Kindern spazieren gehen. Sie feiern nämlich fast immer den Sabbat streng, haben also bei der gesetzlichen Sonntagsruhe in Deutschland zwei unfreiwillige „freie" Tage, und sie leben auch sonst meistens streng rituell. Ihre Sprache ist der Jargon, der freilich mit der Zeit etwas „veredelt" wird und viele rein deutsche Ausdrücke in sich aufnimmt. Die Kinder sprechen in der Regel ein ganz gutes Deutsch, trotzdem zu Hause der Jargon das Szepter führt. Zu den deutschen Juden haben sie, wenn sie keine Unterstützung brauchen, fast gar keine Beziehungen. Sie leben also fast ganz unter sich und bilden eine eigene Gemeinde im strengsten Sinne des Wortes. Die Erziehung der Kinder ist im Vergleich zu der Erziehung der christlichen Proletarierkinder als gut zu bezeichnen. Die Kinder müssen die deutsche Volksschule besuchen und bekommen nebenbei meistens noch hebräischen Unterricht zu Hause, freilich häufig von einem Lehrer, der seinem Amte nicht gewachsen ist. Das sittliche Beispiel der Eltern ist nicht schlecht, nur wirkt meistens die enge Räumlichkeit und das frühe Heranziehen zum Geldverdienen ungünstig auf die Kinder. In der Regel aber werden aus den Kindern brauchbare Elemente, und ich habe schon oft erlebt, dass die Söhne der Hausierer intelligente brave Arbeiter oder Handelsgehilfen wurden. Häufig nehmen sich auch die Vereine zur Förderung des Handwerks dieser Kinder an und erziehen sie in den Lehrlingsheimen. Viele Vereine haben zwar einen Paragraphen, dass Ausländer nicht unterstützt werden dürfen, aber ich habe in vielen Lehrlingsheimen in Deutschland trotzdem Kinder russischer Juden gefunden. Das sittliche Milieu ist eigenartig, aber nicht schlecht. Es zeigt, wie alles Jüdische, auf der einen Seite zuviel Plus, auf der anderen Seite zuviel Minus, die Totalsumme aber ist mindestens grösser als bei christlichen Arbeitern. Trunksucht und geschlechtliche Ausschweifungen trifft man hier fast nie, Kartenspiel nur selten, und das Leben in der Familie ist meistens friedlich und innig. Nur ist Zank und Uneinigkeit innerhalb der Kolonien sehr häufig der Fall und manchmal wegen der lächerlichsten Kleinigkeiten. Verfehlungen gegen das Gesetz kommen fast nie vor, und die meisten stellen sehr anständige Elemente dar. Das aber haben mir alle deutschen Juden bestätigt, dass die Russen in der Regel sittlich und geistig viel höher als die eingewanderten Galizier stehen. Sie sind nicht sc süsslich kriecherisch wie jene und sind auch meistens arbeitsamer und zuverlässiger. Geistig befinden sie sich natürlich auf keine] hohen Stufe. Die ältere Generation kann kaum deutscl lesen und sie ist von jeder geistigen Nahrung abgeschnitten. Deutsche Zeitungen sind für diese Leut< ungeniessbar, und eine [argonzeitung bekommen si< selten in die Hand. Ihr Beruf nimmt sie meistern ganz gefangen und es bleibt für etwas anderes wede: Zeit noch Interesse. Ein schreiendes Unrecht ist es dass die russischen Studenten keine Fühlung mi diesen Leuten nehmen und für sie nichts tun. Ein« Lesehalle, verbunden mit kleinen belehrenden Vor trägen, Abendschulen für Erwachsene — das sin< Dinge, die in Deutschland fast überall leicht durchzu führen sind, und die russischen Studenten sind dii ersten, die dazu berufen sind. Auch von den neuen Strömungen in Israel bliebei sie meistens unberührt. Sie weissen vom Zionismu nicht viel. Sie sind weder Zionisten, noch Anti zionisten, sie wissen einfach so gut wie nichts vo diesen Bestrebungen oder kennen sie nur vom Hören sagen. Die einzige geistige Erhebung dieser Leute bilde der Kultus, die Religion.' Das religiöse Leben ist ihr einzige Abwechslung, ihr Vergnügen, ihre Poesie un ihr Trost. Ohne ihren Sabbat, ohne ihre Religio wären diese Parias der Gesellschaft längst unter dt Last ihrer Sorgen zusammengebrochen. Vielleicl

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