Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Die russischen Juden in Deutschland
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 721 - 722 (sequence 2)
- Language
- German
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721 Fabias Schach: Die russischen Juden in Deutschland. 722 Nach den ersten Verfolgungen der 80 er Jahre und den Judenausweisungen aus dem Innern Russlands wurde . der Strom der russischen Auswanderer immer stärker. Deutschland war das erste Land, wohin die Unglücklichen ihre Zuflucht nahmen. Hier war ein organisiertes Hilfswerk mit relativ grossen Geldmitteln, und es gab Tage, an denen nicht weniger als 200—300 Auswanderer durch Charlottenburg kamen. Freilich hatte das Hilfskomitee das Ziel im Auge, die Leute nach Amerika zu schicken, und die preussische Polizei achtete streng darauf, dass niemand von ihnen in Berlin bleibe. Dennoch blieben viele, namentlich solche, die nicht ganz unbemittelt waren, in Deutschland und versuchten, sich eine Existenz zu gründen. So sammelten sich die einzelnen zerstreuten Elemente allmählich zu einer russischen Kolonie. Diese Kolonie hätte sich noch wesentlich stärker entwickelt, wenn nicht in Preussen Ende der 80 er Jahre die Ausweisungen dieser „lästigen Ausländer" begonnen hätte. So aber konnte die Zahl der russischen Juden nicht zu gross werden. Ja, der geringen Zahl nach hätten sie mit der Zeit ganz im Deutschtum aufgehen und als besonderes Volkselement zu existieren aufhören können, wenn nicht zwei Faktoren ihren Bestand als besondere Kolonie bewirkten. Die Möglichkeit der Naturalisation wurde fast gänzlich beseitigt, und auch die Abneigung der deutschen Juden gegen ihre armen Brüder des Ostens wurde immer grösser. Sie gaben Geld, wohl — aber sie fürchteten jede persönliche Berührung mit diesen russischen Juden, weil sie nicht an ihre eigene Existenz als Juden erinnert sein wollten. So wurde die Möglichkeit des dauernden Aufenthaltes und der damit verbundenen gesellschaftlichen und kulturellen Anpassung sehr gering. Mit Christen konnten diese Einwanderer ja nur selten verkehren, und nachdem ihnen auch die Türen der eigenen Glaubensgenossen verschlossen wurden, blieb ihnen nichts übrig, als unter sich zu bleiben. Die Not war also das Bindemittel unter den Exilanten. Durch die Einschränkung der Aufnahme jüdischer Kandidaten auf den russischen Hochschulen wurde auch der Zuzug von Studenten aus dem Osten immer stärker. Früher waren die russischen Studenten in Deutschland nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ unbedeutend. Nun aber kamen viele junge Leute, die eine gute Erziehung und eine regelmässige Vorbildung genossen hatten, die wohl wussten, was sie erstrebten und zielbewusst und energisch auf einen Lebenszweck hinsteuerten. Auch der Wohlstand der Studenten wurde gehoben. Während früher die Zahl der Armen in der Majorität war, kamen jetzt durchschnittlich solche Leute, die wenigstens ein bescheidenes, sicheres Auskommen hatten, und die ganz Armen waren nun in der Minorität. Diese Studenten aber bildeten eine Kolonie für sich und hatten mit den anderen russischen Juden nur selten Fühlung. So entwickelte sich die Lage gegen Anfang der 90 er Jahre, und seitdem hat sie sich nicht viel geändert. Sie blieb im grossen und ganzen trotz aller Verschiebungen stabil, und man kann es nun wagen, die soziale, kulturelle und moralische Lage der russischen Juden -in Deutschland zu skizzieren. Die Zahl der russischen Juden in Deutschland statistisch genau festzustellen, ist fast unmöglich. Nach meinen auf Beobachtung beruhenden Schätzungen aber dürften es jetzt etwa 10000 Seelen sein, also etwa zwei Prozent der inländischen jüdischen Bevölkerung. Grössere Zentren sindBeiiin, Frankfurt a.M.,Köln a. Rh., Hamburg, München und Nürnberg. Auch in Baden findet man, namentlich in Mannheim und Karlsruhe, grössere Gruppen. Einzelnen Familien begegnet man in fast jeder Stadt in Deutschland, ja oft auch in den Dörfern. Die meisten von ihnen sind Hausierer und wandern vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein mit dem armseligen Hausierkasten von Haus zu Haus und von Restauration zu Restauration. Es ist ein schweres Leben, das diese Leute führen, ein Leben voll Schmach und Qual, und ihre Existenz ist eine traurige, sie ist in jedem Augenblick bedroht und hängt in der Luft. Man findet wohl, namentlich in Süddeutschland, manche Leute, die als Hausierer angefangen haben und sich heute sehr gut ernähren, ja, es zu einem relativen Wohlstand gebracht haben. Aber das sind fast durchweg Leute, die schon vor zwanzig bis dreissig Jahren eingewandert sind. Damals lagen die Verhältnisse für den Hausierer wesentlich günstiger. Heute ist das Hausierertum der verkörperte jüdische Galuth, das wandernde, schleichende jüdische Elend. Die Leidensgeschichte eines solchen Hausierers ist unbeschreiblich. Er muss jede Demütigung, jede Schmach ruhig einstecken, um ein paar Pfennige zu verdienen. Das Blut erstarrt in ihm, aber er schweigt zu all den rohen Witzen und Schmähungen und lächelt wehmütig, um nur etwas zu verkaufen. In manche Restaurationen wird er überhaupt nicht hineingelassen und schon an der Tür von den Kellnern mit Schimpf Worten und Schlägen begrüsst. Wird ihm die Gnade gewährt, durch das Lokal zu wandern, dann übt jeder betrunkene Gast seinen faden Witz an ihm, und oft werden ihm die Waren aus dem Kasten geschleudert. Und wie niedrig ist der Preis dieser Schmach, der Gewinn dieses „Geschäftes"! Die meisten jüdischen Hausierer sind froh, wenn sie am Ende der Woche 15 bis 18 Mk. heimbringen, und der Durchschnittsarbeiter hat nicht nur ein sichereres, sondern auch ein viel besseres Leben als der Hausierer. Noch trauriger ist es, wenn eine Frau hausieren muss. Der ästhetisch gebildete Mann wird stets in der Frau die Verschönerung des Lebens, die Verfeinerung des Daseins erblicken. Eine Erniedrigung des Weibes berührt daher immer noch trauriger, als die des Mannes. Am schlimmsten aber ist es, wenn halbwüchsige Kinder zum Hausieren angehalten werden. Hier wird nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft vernichtet. Zu all den äusseren Qualen gesellen sich noch die polizeilichen Schwierigkeiten. Es wird für den Ausländer immer schwieriger, einen Hausierschein zu erhalten, und ohne Hausierschein muss man jeden Augenblick in Angst leben, man könnte verhaftet werden. Dazu kommt noch die böse Konkurrenz untereinander. In Köln a. Rh. haben vor einigen Jahren, als ich dort lebte, einige Hausierer entdeckt, dass man. am Auf kaut von altem Eisen mehr als am Hausieren verdienen könne. Innerhalb einiger Monate aber waren bereits sämtliche Hausierer Kölns in Alteisenhändler verwandelt. Selbstredend litt sofort das Geschäft unter dieser Konkurrenz. Von welcher Seite man also diesen Beruf auch anlassen mag, er ist schmachvoll, mit allerhand Schmerzen verbunden und bringt nicht viel ein. Hie und da, namentlich in den grossen Städten, trifft man russische Juden als Handwerker, besonders als Schneider und Schuhmacher. Aber auch sie ernähren sich nur schwer. Ein Schneider kann heute in Deutschland nur existieren, wenn er ein Tuchlager von grosser Auswahl hat und zugleich den Stoff , und die Zutaten liefern kann und namentlich — wenn er Kredit gewähren kann. Er muss also mit einem