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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 717 - 718

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark
Date
1905-10-01
Page
Seite 717 - 718 (sequence 6)
Language
German
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717 Dr. Adolph Kohut: Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark. 718 zu den genialsten Literarhistorikern der Gegenwart. Ein freier und Jkühner Geist, zeigt er namentlich in seinem vielbändigen Hauptwerk: „Hauptströmungen der Literatur im 19. Jahrhundert" mit einer ausserordentlichen Schärfe des Urteils und der grössten Klarheit der Darstellung, die besonders die literarische Jugend in seinem Vaterlande mitriss und begeisterte, wie Europa längst mit der Orthodoxie und der Romantik abgewirtschaftet hat, auf deren kümmerlichen Ueberresten die Kultur, die Kunst und das politische Leben Dänemarks immer noch ein verhängnisvoll stagnierendes Leben fristete. Mit schonungsloser Rücksichtslosigkeit verkündigt er hier die Grundsätze des modernen französischen Radikalismus und kämpft mit Börnescher Satyre und überlegener Heinescher Ironie gegen die nationalen und religiösen Vorurteile. Kein einziger anderer Schriftsteller hat durch seinen glänzenden Stil, seine espritvolle Darstellung und seinen kühnen reformatorischen Geist einen solchen Einfluss auf die Kultur und Dichter Dänemarks geübt, als er. Auf sein Wirken ist grösstenteils die jetzige Blüte der skandinavischen Literatur zurückzuführen; er bat z. B. Henrik Ibsen mächtig beeinflusst. Auch die Kunst zählt so manche ausgezeichnete Israeliten zu ihrem hervorragendsten Vertretern. Unter den Malern nenne ich hier nur David Monies, Ernst Meyer und Georg Seligmann, unter den Komponisten und Tonkünstlern Robert Henriques — dieser ist zugleich Chefredakteur eines der einflussreichsten dänischen Tagesblätter „Vort Land" —, Fritz Bendix, Kapellmeister an der Kgl. Oper zu Kopenhagen, und die Mitglieder der Kgl. Kapelle Adolf Lewin und B. Rosenbaum. Die medizinische Welt nennt manchen auch in Europa bekannten Namen von jüdischer Abstammung. Es seien nur die folgenden hervorgehoben: der Kliniker M. L. Trier, der durch seinen „Lithoklast" bekannt gewordene Professor L. Jacobson, der Physiologe A. Hannover und der Bakteriologe C. I. Salomonsen, für den eigens ein Lehrstuhl an der Kopenhagener Universität errichtet wurde. Dass dänische Juden als Grosskaufleute, Industrielle und Fabrikanten in der Gesellschaft und dem Kulturleben ihres Vaterlandes eine ebenso einflussreiche wie hervorragende Rolle spielten und spielen, versteht sich von selbst. Schon in der Mitte des 17. Jahrhunderts war ein reicher portugiesischer Kaufmann, Diego Teixeira de Mattos, der auch mit der schwedischen Königin Christina in Verbindung stand, ein finanzieller Ratgeber des Königs Friedrich III. von Dänemark, der diesem wiederholt bedeutende Summen für die Verpfändung der jütischen Krongüter borgte. Diesem Teixeira hatten seine Glaubensgenossen es zu verdanken, dass den „Portugiesen der hebräischen Religion" 1657 gestattet wurde, im Königreich Dänemark herumzureisen und dort Handel und Gewerbe zu treiben. Ein Jude portugiesischer Abstammung, Gabriel Gomez, wurde 1646 Kgl. Taxator in Glückstadt, und der Bankier Meyer Goldschmidt, der Urahn des genannten Dichters Meier Aaron Goldschmidt, 1699 Hofjuwelier. Von neueren seien hervorgehoben der Hofrat und Bankier D. A. Meyer, Hofbankier des Königs Friedrich VI. von Dänemark, der Direktor der Kgl. Nationalbank Moritz Lewy, die Etatsräte Philipp M. Heymann, JakobMoresco undl.S.Salomonsen, die Bankdirekioren Eduard Philipp Ree und Emil Meyer, der Direktor der Staatsaristalten für Lebensversicherung Fred. M. Bing, die Grosskaufleute Julius I. S. Bernburg, Karl H. Melchior, Siegfried Goldschmidt, Martin M. Goldschmidt, Julius M. Goldschmidt und Bertel D. Adler. Früher waren in Dänemark überall blühende Judengemeinden, so in Rakskoo, Fredericia, Randers, Aalborg, Horsens, Aarhus, Faaborg und Odense die bekanntesten. Heute ist das Gemeindewesen in diesen Ortschaften aufgelöst, wenn auch vereinzelte jüdische Familien dort wohnen. Die einzige jüdische Gemeinde im wahren Sinne des Wortes wird nur noch gebildet von den in Kopenhagen ansässigen Juden, deren Zahl etwa 4000 Seelen ausmacht. Von den namhaftesten Rabbinern Kopenhagens im 19. Jahrhundert seien hier genannt: Dr. Abraham Alexander Wolff, der als 90 jähriger Greis am 3. Dezember 1891 starb. Ein geborener Darmstädter, stand er von 1828 bis 1891 an der Spitze der Kopenhagener Judenschaft und erfreute sich wegen seines konzilianten und liebenswürdigen Wesens grosser Beliebtheit beim dänischen Hofe; er predigte zuerst deutsch, dann dänisch. Er erhielt u. a. das Ritterkreuz des Danebrogordens, auch wurde ihm der Professortitel verliehen. Um die Kopenhagener jüdische Gemeinde hat er sich dadurch grosse Verdienste erworben, dass auf seine Anregung und dank seiner zähen Tatkraft die jetzige Synagoge gebaut wurde, deren Einweihung im Jahre 1833 stattfand. Dreizehn Jahre vor seinem Tode wurde der in Kopenhagen geborene Rabbiner, der ausgezeichnete Gelehrte und Forscher, David Simonsen, ein Zögling des Breslauer Rabbinerseminars Fraenkelscher Stiftung, zum zweiten Rabbiner an die Seite des greisen Wolff berufen. Nach dessen Tode bekleidete D. Simonsen das Rabbinat bis zum Jahre 1903, als er sein Amt freiwillig niederlegte. Bei jenem Anlass wurde ihm vom König Christian der Professortitel verliehen. Seit etwa l1/2 Jahren fungiert als Oberrabbiner Dr. Theodor Le wenstein, Sohn des frühverstorbenen Obeirabbiners Moses Lewenstein aus Surinam (Holländisch-Westindien), ein Zögling des Rabbinerseminars in Amsterdam und des Hildesheimer- . sehen Rabbinerseminars in Berlin, früher Oberrabbiner in Friesland und Haag, ein wahres Sprachgenie, der vollendet deutsch, dänisch und holländisch predigt, sich grosser Beliebtheit in seinem neuen Vaterlande erfreut. Neben ihm ist als zweiter Rabbiner Dr. Schornstein aus Leitmeritz (Böhmen) tätig. Man kann Dänemark beglückwünschen, dass es verstanden hat, durch die ohne jeden Hintergedanken in loyalster Weise durchgeführte Judenemanzipation einerseits die Israeliten nicht allein zu treuen, sondern auch zu glücklichen Dänen zu machen und andererseits muss man auch den Kindern Israels am Oeresund die Anerkennung zollen, dass sie aufs eifrigste bemüht sind, seit einem Menschenalter an den Kulturbestrebungen ihres Vaterlandes mitzuarbeiten und auch ihrerseits ein Scherflein dazu beizutragen, dass Dänemark sich nicht allein auf seiner Kulturhöhe, auf der es sich befindet, nach wie vor behaupte, sondern fast allen übrigen Staaten in humanitärer und ethischer Beziehung gleichsam als Ideal voranleuchte. Als ein rühmliches Zeugnis von der toleranten Gesinnung und dem freiheitlichen und freisinnigen Geiste, der in Kopenhagen bezw. Dänemark herrscht, mag hier zumSchluss nur ein Moment als typisch für den dänischen Kulturstaat registriert werden. Vor einigen Jahren wandte sich eine christliche, sogenannte „freie" Kirchengemeinde in der dänischen Hauptstadt an den genannten Oberrabbiner David Simonsen, damit er vor

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