Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 715 - 716 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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715 Dr. Adolph Kohut: Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark. 716 der König und das Parlament schätzten,beweist schon derUmstand, dass der erstere ihm den Professortitel verlieh und letzteres ihm eine jähr- HchePension bewilligte. Während in den dramatischen und lyrischen Dichtungen Henrik Hertz's das jüdische Element nur episodisch auftritt, ist der meisterhafte dänische Novellist undPublizist Meyer Aaron Goldschmidt (1819 bis 1887) der klassische Schulderer des holländischen und dänischen Ghettos.*) Seine auch ins Deutsche übersetzten Novellen sind wahre Perlen der Erzählungskunst und zeugen von einer ausserordentlichen Schärfe in der Auffassung der Details, sowie von einer seltenen Gabe, die feinsten und leisesten Bewegungen der Seele zu erfassen und festzuhalten; aber am bedeutendsten ist er in der Schilderung des jüdischen Volkslebens, das er kennt und zeichnet wie kein anderer in Skandinavien neben ihm. Die Gestalten, die er uns vorführt, sind keine leblosen Schatten und Schemen, sondern echte Typen aus dem Volke, voll Leben, voll Leidenschaft oder auch Resignation und Verzweiflung. Wir sehen sie vor unseren geistigen Augen leibhaftig, diese Märtyrer der mittelalterlichen Verfolgungswut einerseits und die in ihrer Abgeschiedenheit durch ihr Gottvertrauen und ihr Familienglück freudig ihrem Beruf nachgehenden Figuren der Gasse andererseits. Nicht nur in der Kleinmalerei und im Milieu, sondern auch in der Erfindung des Stoffes, in der Kunst spannender Erzählung und psychologischer Charaktermalerei sucht er seinesgleichen. In ihm ist eine eigentümliche Mischung von einem Romantiker und einem Realisten festzustellen. Seine Prosa zeichnet *) Vergl. mein Werk: „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit", Band I, Seite 405 ff. Das Innere der Hauptsynagoge in Kopenhagen. Oberrabb. Dr. Th. Lewenstein, Kopenhagen sich durch seltene Feinheit, Abrundung und Grazie aus, und kann er wohl zu den besten Prosaikern der dänischen Literatur gezählt werden. Meier Aaron Goldschmidt ist zugleich eines der vielseitigsten Talente der nordischen Literatur, denn er hat auch als Dramatiker, Reiseschriftsteller und Journalist Hervorragendes geleistet, und in jedem Genre bewährt er sich als ein. selbständiger, origineller Geist, welcher, die Schablone verschmähend, die ausgetretenen Geleise vermeidet und bahnbrechend wirkt. Namhafte Vertreter der dänischen Schriftstellerwelt in der Gegenwart sind die Brüder Brandes, Edvard und Georg. Die dramatischen Arbeiten des ersteren behandeln hauptsächlich Fragen des gesellschaftlichen Lebens. Er hat die von Holberg und Heimann begründete dänische Nationalbühne durch einige bedeutsame Schöpfungen, von denen wir hier nur „Ein Heilmittel", „Ein Besuch", „Liebe", „Oberhand", „Ein Bruch" und „Unter dem Gesetz" nennen wollen, zu ansehnlicher Blüte gebracht. Mit scharfem Blick für das Charakteristische schildert er das Leben der sogenannten guten Gesellschaft in Kopenhagen mit schonungsloser Wahrheitsliebe. Jahrelang war er Herausgeber des verbreitetsten dänischen Tageblattes „Politiken" und spielte als Journalist und Politiker der äussersten Linken — er war auch jahrelang Mitglied des Folkething — eine hervorragende Rolle. Auch Georg Brandes ist, wie man weiss, ein vielseitiger Schriftsteller, dessen geistreiche und scharfsinnige Essays, literar-und kulturgeschichtlichen Inhalts, weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus Aufsehen erregt haben. Er ist Professor der Literaturgeschichte an der Kopenhagener Universität und gehört entschieden tv