Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 719 - 720 (sequence 7)
- Language
- German
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719 Dr. Adolph Kohut: Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark. 720 einer zahlreichen und zum allergrössten Teil aus Christen bestehenden Versammlung einen Vortrag über die jüdische Lebens- und Weltanschauung halte, was auch geschah. In dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag, der viel zur Klärung der über das Judentum und seine Lehren kursierenden irrigen Anschauungen beitrug, hiess es zum Schluss: „Es ist nicht Hochmut und Trotz, wenn Israel, umgeben von andern Völkern und Religionen, seiner Religion treu geblieben ist, sondern weil keine andere Religion in unsern Augen so erhaben ist, wie das Judentum. Alle bekennen, dass Gott sich einst uns zu erkennen gab, niemand konnte sich davon überzeugen, dass er das, was er damals zu uns sprach, später zurückgenommen habe; niemand konnte uns sagen, dass es wirklich besser sei, durch einen Vermittler, Heilige und dergleichen sich Gott zu nähern, statt zu ihm zu beten, wie Israel es tut; niemand konnte es uns als etwas neues lehren, dass es gut sei, seinen Nächsten zu lieben, denn Gott hat uns dies zu einer Zeit gesagt, als die, die später Israels Lehrmeister werden wollten, vielleicht als Volk noch gar nicht existiert hatten. Wie viele Blätter auch vom Baume Israels gefallen sind, wie viele junge Sprossen auch verloren gegangen, alle Bekehrungsversuche im guten oder im bösen haben im grossen und ganzen doch Schiffbruch leiden müssen." DIE RUSSISCHEN JUDEN IN DEUTSCHLAND. Von Fabius Schach (Karlsruhe). Nachdruck verboten. Die innere Zerrissenheit und die äussere Zerfahrenheit ist ein Zug, der Israel seit zweitausend Jahren auf allen Pfaden begleitet. In der Kultur und im Leben, im Denken und im Handeln — überall tritt uns diese echte Galuth-Blüte entgegen. Das Exil ist kein einheitliches Ganzes, es ist ein Mosaikbild aus allen möglichen Schattierungen. Der Grundton freilich ist grau, und auch die Abtönung zeigt keine hellen, satten Farben. Die Judenheit bietet trotz des nicht zu verleugnenden nationalen Zuges fast in jedem Lande ein anderes Gesicht. Eine Judenfrage existiert überall, aber sie nimmt bald eine soziale, bald eine kulturelle Gestalt an. Hier ist sie eine innere, dort eine äussere Erscheinung. Hier tritt sie in blutiger, dort in sanfter Form auf. Was dem ganzen Bilde gemeinsam ist, das ist der schwermütige Grundton, der lyrisch-tragische Hauch, der uns daraus entgegenströmt. Und als wenn diese Zerrissenheit eine unendliche logarithmische Formel wäre, entwickeln sich aus einem Exil fast immer mehrere. Ja, es gibt viele Exile im Exil. Wenn man einst die Geschichte des israelitischen Exils schreiben wird, dann wird man als besondere Kapitel daran hängen müssen: Die Geschichte der russischen Juden in Deutschland, in England, Frankreich und Amerika. Solche Kapitel sind kulturhistorisch und psychologisch ungemein wertvoll, denn sie bilden die beste Quelle zur Beurteilung der Gäste und der Gastgeber. Das wichtigste Kapitel dürfte wohl „Die russischen Juden im deutschen Exil" sein. Nicht wegen der Zahl, die ist nicht sehr bedeutend, sondern weil hier die Wechselbeziehungen heider Kulturen, die Berührungspunkte und die Differenzen charakteristischer als irgendwo zum Ausdruck kommen. Wann die Einwanderung der russischen Juden in Deutschland begonnen hat, ist geschichtlich schwer festzustellen. Es ist ja bekannt, dass seit dem grauen Mittelalter bis in das verflossene Jahrhundert hinein ein ständiges Hin- und Herwandern zwischen den slavischen und germanischen Ländern vor sich ging. Ein Blick in die Responsenliteratur zeigt uns, wie eng die kommerziellen und kulturellen Beziehungen zwischen den Juden Polens und Deutschlands im Mittelalter waren. Bei vielen jüdischen Familien in Russland kann man genau nachweisen, dass ihre Ahnen aus germanischen Ländern eingewandert sind. Und ebenso ist es sicher, dass viele jüdische Familien in Deutschland ursprünglich aus Russland oder Polen eingewandert sind. Indessen treten die Einwanderungen aus Russland nach Deutschland im achtzehnten Jahrhundert und auch in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nur sporadisch auf. Die Juden Deutschlands waren ja damals noch in den meisten Staaten bloss Schutzjuden und entbehrten selber jeder bürgerlichen und politischen Freiheit. Auch sozial standen sie noch auf keiner hohen Stufe, und Reichtum gehörte bei ihnen zu den grössten Seltenheiten. Deutschland konnte daher damals im allgemeinen noch keinen Anziehungspunkt für heimatlose Juden bilden. Die wenigen,- die damals nach Deutschland pilgerten, waren durch Zufall dahin verschlagene Kaufleute oder Handwerker, oder Bildungsdurstige, denen im Lande ihrer Geburt keine Möglichkeit zum Studium gegeben war. Und diese wenigen — auch das ist ein charakteristischer Zug für die damalige Zeit — suchten, unterzutauchen und zu verschwinden. Sie nahmen mit der Zeit ganz die deutsche Kultur an, Hessen sich — was damals nicht schwer war — naturalisieren und waren schon nach einigen Dezennien nicht mehr als Ausländer kenntlich. Ich kenne verschiedene Akademiker in Deutschland, die ihre russische Herkunft wie eine Schmach verstecken und noch mehr als geborene Deutsche mit ihrem Deutschtum kokettieren und auf die „Polaken" — Sammelname in Süddeutschland für alles, was aus dem Osten herkommt — weidlich schimpfen Erst vom Jahre 1870 an, wo die Judenemanzipation überall in Deutschland durchgeführt war und wo der Wohlstand des Landes sich zu heben begann, da werden die Einwandernden zahlreicher. Wir sehen sie dann später häufig als Kultusbeamte, als Rabbiner, und noch häufiger als Kantoren angestellt. Die einwandernden jungen Leute finden meistens Stipendien und Privatunterstützungen, ja in verschiedenen Städten entstehen spezielle Vereine zur Förderung dieser ausländischen jungen Leute. Man war sich damals in Deutschland noch der Pflicht bewusst, diesen Leuten zu helfen, und zwar nach der Richtung hin, ihre Ausbildung zu ermöglichen, um ihre Existenz zu sichern. In Berlin war ein besonderer Kursus errichtet, um diese jungen Leute für das Gymnasium vorzubereiten. Die Tendenz ging also auf beiden Seiten dahin, deutsch zu werden. Von einer russischen Kolonie konnte damals schon darum nicht die Rede sein, weil die meisten der Einwandernden wenig oder gar kein Russisch verstanden. Sie kamen ohne jegliche Bildung nach Deutschland, und deutsche Bildung war für sie nicht eine Bildung, sondern die Bildung überhaupt.