Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 713 - 714

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark
Date
1905-10-01
Page
Seite 713 - 714 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583941-2592744--05646-2592865
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

713 Dr. Adolph Kohut: Das geistige und kultuielle Leben der Juden in Dänemark. 714 viele Sessionen hindurch zur allgemeinen Zufriedenheit bekleidete. Sein feiner Takt, sein vornehmes, die Gegensätze ausgleichendes Wesen und seine ungewöhnliche Begabung stempelten diesen wackeren Mann zum berufenen Führer des Folkething. Schon frühzeitig hatte er sich in seinem ganzen Denken, Fühlen und Forschen seine Unabhängigkeit zu erhalten verstanden. Ein echter Demokrat, besass er ein warmes Herz für alle idealen Güter der Menschheit und war namentlich bemüht, das Wohl der Jugend nach jeder Beziehung zu fördern. Auch als Schriftsteller leistete er Hervorragendes. Besonders bedeutsam sind seine Werke: „Pädagogik der Wissenschaft" und „Pädagogische Zeit- und Streitfragen", die ihm gewissermassen den Weg zur Volkserziehung bahnten. Rastlos bemüht, durch unentgeltliche Vorträge auf dem Gebiete des Erziehungswesens zur Förderung des allgemeinen Wohles und zur Veredelung seiner Mitbürger beizutragen, lenkte er unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich und gewann das Vertrauen derselben, ohne dass das konfessionelle Motiv ihm hinderlich gewesen wäre, die höchste Stufe im parlamentarischen Leben des echten und reinen Verfassungsstaates Dänemark zu erklimmen. Erst nach der letzten dänischen Ministerkrisis und der gleichzeitigen Spaltung der Reformpartei wählte das Haus an Stelle seines hochverehrten und beliebten langjährigen Vorsitzenden Trier den ministeriellen Abgeordneten Lehrer Thomsen zum Präsidenten, der sich aber nur ganz kurze Zeit auf seinem Posten erhielt, da die Vergleiche, die man zwischen ihm und seinem Vorgänger anstellte, für ihn nicht sehr schmeichelhaft waren und sich seine Unzulänglichkeit wiederholt dartat. Bereits in der Sitzung des Folkething vom 15. Oktober 1905 legte er sein Mandat als Vorsitzender des Reichstags nieder, indem er erklärte, dass er zu diesem Entschluss kommen musste, nachdem es sich gezeigt habe, dass seine Auffassung mit derjenigen der grossen Mehrheit des Hauses nicht übereinstimme. Im Verzeichnis der Mitgliederliste der Kopenhagener jüdischen Gemeinde fungiert Hermann Trier unter der folgenden Bezeichnung: „Trier, Hermann Martin, Kand. phil., Formand for Folkethinget og Borgerrepräsentationen F. M." Wie Hermann Trier von seiner jüdischen Abstammung und seiner jüdischen Gesinnung nie Hehl machte, so hat auch der langjährige Vorsteher der israelitischen Gemeinde zu Kopenhagen, der Grossindustrielle Geh. Etatsrat Isidor Glückstadt, der zu den einflussreichsten Finanzgrössen Dänemarks gehört und u. a. Direktor der „Landmannsbanken" ist, bei jedem Anlass darauf hingewiesen, dass er es sich zur besonderen Ehre anrechne, ein Sohn des israelitischen Stammes zu sein, und dieses Moment hat dem verdienstvollen Mann nie geschadet. Von der Kommune und dem Staate mit Auszeichnungen aller Art überschüttet, ernannte ihn u. a. König Christian IX. von Dänemark zum Geh. Etatsrat, welches Prädikat dadurch noch an Wert gewinnt, dass ihm der Monarch selbst vor einigen Jahren die Nachricht bei der Gratulationscour zu seinem Geburtstage übermittelte. Aus der Reihe der führenden Politiker, Staatsmänner und Staatsbeamten in der Gegenwart, die zu den zahlenden Mitgliedern der Kopenhagener jüdischen Gemeinde gehören, seien noch einige wenige hervorgehoben: der Bürgerrepräsentant Harald I. Bing, das Mitglied des Foikethings Anton Bing, Frederic Maurius Calmer, Archivar im Kriegsministerium, der Bureauchef der Staatseisenbahnen William M. Fridericia, der Bürgerrepräsentant und Mitglied des Folkething Gustav Philipsen, der Generalzolldirektor M. Rubin und der Etatsrat Ludwig Simonsen. Auf den mannigfachsten Gebieten der Literatur, Kunst, Wissenschaft und des Kulturlebens überhaupt, nahmen und nehmen dänische Juden, denen ihre christlichen Mitbürger es als eine ausserordentliche Charakterschwäche anrechnen würden, wenn sie den Glauben ihrer Väter chanchierten, glänzende und hervorragende Stellungen ein, getragen von der Verehrung und der Liebe ihrer Mitbürger. Zu den namhaftesten und geistreichsten Dramatikern Dänemarks gehört Henrik Hertz (1798 bis 1870), der 1827 mit dem frühesten seiner Lustspiele in die Oeffentlichkeit trat und bald grosse Volkstümlichkeit gewann. Ein vielseitiger, beweglicher Geist, verrät er in seinem Esprit, seiner scharfen Charakterisierungs- und feinsinnigen Beobachtungsgabe überall den israelitischen Ursprung. Während in mancher seiner Komödien, wie z. B. „Sparekassen" und „Besöget in Kjöbnhavn", die Neigung zum Realismus hervortritt, sind einige seiner Schauspiele romantisch und lyrisch, so z. B. das auch oft ins Deutsche übertragene und aufgeführte „König Renees Tochter", andere sind wieder mit Ritterromantik erfüllt oder aber tragen den Stempel romantisierender Satyre und Ironie an sich, den Einfluss Heinrich Heines und Ludwig Börnes verratend. Diesen schillernden Charakter zeigen auch die verschiedenen Sammlungen seiner lyrischen Gedichte. Am liebenswürdigsten wirkt Henrik Hertz, wenn der Stoff dem Empfindsamen oder Satyrtschen zuneigt; das Kräftige und Heroische ist seinem Wesen weniger gemäss. Ihm gebührt das Verdienst, dass er die neuere Dramatik mit den alten Nationaldichtern verknüpfte und gleich Holberg französische Formen mit dänischem Geiste zu erfüllen suchte, bemüht, die Dichtung aus der romantischen Ferne zur Betrachtung des heimatlichen Volkes und des Alltagslebens zurückzuführen. Durch das genannte liebliche Schauspiel „König Renees Tochter" erwarb er sich, wie nur wenige jüdische Dichter - in der Vergangenheit und Gegenwart, Sitz und Stimme in der Weltliteratur. Das sich durch hinreissenden Zauber der Sprache und entzückende poetische Szenen auszeichnende Stück schildert mit grosser psychologischer Feinheit das somnambule Wesen der Heldin des Schauspiels. Ein Mädchen wird nämlich durch einen Apfel, in den ein Ritter geheimnisvolle Runen geschnitten hat, zur Liebe für diesen entflammt, folgt ihm willenlos durch Flur und Feld und lagert sich überall wie ein Hündchen zu seinen Füssen, bis es endlich stirbt. Dieser verliebte Somnambulismus erinnert unwillkürlich an das Käthchen von Heilbronn von I-Ieinrich von Kleist. „König Renees Tochter" übt noch jetzt, namentlich auf den Bühnen Skandinaviens, eine starke Wirkung aus; die Dänen, die Henrik Hertz als ihren Nationaldichter feiern, fühlen stolz ihre Verwandtschaft mit jenen kräftigen Männergestalten seiner Dramen, worin der Poet Volk und Helden der frühesten Zeit dem Publikum lebendig vor Augen führt, dadurch auf das Nationalbewusstsein seiner Landsleute erhebend wirkend. Was das Leben dieses ausgezeichneten Dichters, der so manchen Stoff auch aus dem jüdischen Familienleben und aus der Geschichte des Judentums genommen hat, betrifft, sei bemerkt, dass er nach dem frühen Tode seiner Eltern im Hause des Grosshändlers Nathanson erzogen wurde, wo seine früh erwachende Neigung zur Poesie und Kunst reiche Nahrung fand, anfänglich die Rechte studierte, sich aber später ganz der literarischen Tätigkeit zuwandte. Wie sehr ihn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.