Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 711 - 712 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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711 Dr. Adolph Kohut: Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark. 712- Ex-Oberrabbiner Professor Dr. in Kopenhagen. Seit dem 15. Juni 1849, als die Konstitution eingefühlt und den Israeliten sowohl das aktive wie passive Wahlrecht eingeräumt wurde, fielen alle Schranken, die in politischer Beziehung noch die Juden von den Anhängern anderer Konfessionen trennten. Der Wortlaut der Verfassung, wonach das Glaubensbekenntnis der Einwohner von Dänemark in bürgerlicher und politischer Beziehung belanglos sei, blieb nicht auf dem Papier, sondern wurde bis auf den heutigen Tag in objektivster und gerechtester Weise durchgeführt. Weder direkt noch indirekt wurde von den Machthabern je das Ansinnen gestellt, dass hohe Staatsbeamte nur dann ihre Aemter bekleiden dürfen, wenn sie den Glauben ihrer Väter abschwören, vielmehr sehen wir, dass hervorragende Parlamentarier, Reichstagspräsidenten, Landgerichtsdirektoren und Ministerialbeamte ihre Funktionen ausübten und ausüben, ohne dass die Könige von Dänemark auch nur im Geringsten an ihrem Glaubensbekenntnis Anstoss nehmen, oder aber die Bevölkerungsklassen auch nur die leiseste Kritik an dem Glaubensunterschied üben würden. Duldung, Glaubens- und Gewissensfreiheit sind eben die edelsten Früchte am Baume des herrlichen Kulturstaates Dänemark, und die freisinnige Regierung wie das wahrhaft liberale Parlament sind mit gleichem Eifer darauf bedacht, dass die Errungenschaften der modernen Bildung, Aufklärung und Freiheit nicht illusorisch gemacht werden. Weder oben in den höheren Schichten, noch unten in den Niederungen des Volkes herrschen religiöse oder Rassenvorurteile; daher gähntauch keine politische oder gesellschaftliche Kluft zwischen den Bekennern der verschiedenen Kon- Ex - Oberrabbiner Professor Dr. Kopenhagen. Der frühere Präsident des Folkething Hermann Trier in Kopenhagen. fessionen. Lediglich Tüchtigkeit, hervorragende Leistungen gediegene Kenntnisse und grosse Verdienste bilden überall den Gradmesser. Das schöne Wort von der Gleichberechtigung ist hier eben zur Wahrheit geworden, indem weder der eine oder der andere bevorzugt beziehungsweise zurückgesetzt, sondern jeglichem Verdienste seine Krone wird. Deshalb kann uns denn auch das kleine Dänemark als Kulturstaat zum leuchtenden Vorbild dienen, indem sowohl die Regierung wie die Einwohnerschaft keine Privilegien der herrschenden Religion dulden, sondern sich lediglich von dem Grundsatze leiten lassen: „suum cuique" („Jedem das Seine"). Zur Iiilustration des hier Gesagten sei es mir gestattet, aus der Fülle der Tatsachen nur einige Beispiele herauszugreifen. Jahre hindurch bis vor kurzem war ein Jude namens Hermann Trier Präsident des dänischen Reichstages, nachdem er schon vorher zum Präsidenten der Bürgerrepräsentanz gewählt die höchste Ehrenstelle in der Kommune bekleidet hatte, die eine Stadt zu vergeben hat. Wie Kopenhagen diesen durch hohe Bildung, klare Lebensanschauung und reiche Erfahrung ausgezeichneten und mit allen Bürgertugenden geschmückten Mann für die Leitung eines grossen Gemeinwesens am geeignetsten hielt, so erachtete auch das dänische Parlament ihn als den würdigsten und berufensten Präsidenten des Folkething. Bereits im Jahre 1884 wurde der Politiker Hermann Trier im Kopenhagener Wahlkreise, diesem grössten Dänemarks, als Abgeordneter in den dänischen Reichstag gewählt. Dort bewährte er sich in glänzender Weise als Parlamentarier und gewann auch durch seinen Charakter das Vertrauen der Körperschaft in so seltenem Grade, dass man ihn einige Jahre später zum zweiten Vizepräsidenten und 1901 zum Präsidenten nahezu einstimmig wählte, welches Amt er, wie