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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 709 - 710

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark
Date
1905-10-01
Page
Seite 709 - 710 (sequence 2)
Language
German
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709 Dr. Adolph Kohut: Das geistige und kulturelle Leben der Juden in Dänemark. 710 sind in jenen seeumfluteten Ländern längst überwundene Begriffe. In der alten guten Zeit freilich, als ganz Europa von den Epidemien der Judenverfolgungen heimgesucht wurde und die Furien der entfesselten Volksleidenschaft überall schrankenlos walteten, waren auch in Skandinavien die Israeliten so manchen Beschränkungen und Schikanen ausgesetzt; auch wurde ihnen der Aufenthalt nicht immer gestattet, aber zu blutigen Ausschreitungen und grausamen Schlachtszenen kam es nie, da sowohl die Regierungen wie die Bevölkerungsklassen von dem Bazillus des Judenhasses nicht verseucht waren. Schon in altersgrauer Zeit lebten Juden in Dänemark. Erzählt doch eine englische Urkunde vom Jahre 1176 von einem Israeliten Deulecresse aus jenem Lande; doch ist uns nichts davon überliefert worden, dass sich irgend ein Gemeindewesen schon damals entwickelt hätte. Dass jedoch die Juden im 17. Jahrhundert sowohl in Dänemark selbst als auch in den mit diesem Staate bis 1864 verbundenen beiden Herzogtümern Schleswig und Holstein eine hervorragende Rolle spielten und sich einer grossen Freiheit erfreuten, steht geschichtlich fest. König Christian IV. von Dänemark (1588—1648) war ein aufrichtiger Gönner der Israeliten. Er richtete am 25. November 1622 ein sehr wohlwollendes Schreiben an die Sefardim in Amsterdam, worin er den jüdischen Kolonisten, die sich in der von ihm gegründeten Stadt Glückstadt ansiedeln wollten, freie Religionsübung und andere Privilegien zusagte. Dieser Einladung folgten viele Sefardim, und bald bildete sich dort eine blühende portugiesische Gemeinde. Die in Altona, welche Stadt zur dänischen Krone gehörte, gleichfalls blühende jüdische Gemeinde erfreute sich vieler zivilrechtlicher und sonstiger Privilegien wie kaum eine andere Kommune. So hatte z. B. der dortige Oberrabbiner die Befugnis, in Zivilsachen selbständig zu entscheiden, wenn ein Jude der Angeklagte war, ohne Rücksicht darauf, ob der Kläger ein Jude oder ein Christ war, der seine Angelegenheit dem Gerichtshof vorlegen wollte. "Welche Machtstellung der dortige Oberrabbiner namentlich in religiösen Fragen ausübte, beweist das Beispiel von Jonathan Eibenschütz, des scharfsinnigen Talmudisten, der auch mathematische und philosophische Kenntnisse in sich aufgenommen hatte, und dem selbst Moses Mendelssohn seine Huldigung darbrachte. Diesem Germanisator und Reformator des Judentums gereichte es zur hohen Genugtuung, als der hochgeachtete Seelenhirt ihn mit einem schmeichelhaften Schreiben beehrte, worin ausdrücklich hervorgehoben wurde, dass „Moses Dessau auch in den Talmuden wohl bewandert sei". Jonathan Eibenschütz unterschied sich sehr zu seinem Vorteil von den meisten anderen hervorragenden Rabbinern und Talmudisten seiner Zeit, dass er, der freien dänischen Auffassung gemäss, auch die profanen Wissenschaften förderte. Während z. B. der bekannte Gegner des genannten Oberrabbiners Jakob Emden als ein düsterer Fanatiker sich erwies, der es als eine Todsünde erklärte, wenn man Französisch studierte oder am Sabbath eine Zeitung las, sympathisierte der erleuchteteEibenschütz mit denAufklärungsbeslrebungen Moses Mendelssohns. Der Genius der Freiheit zeitigte denn auch aul dänischem Boden schon im 18. Jahrhundert viele hervorragende jüdische Dichter uud Denker, die man als eine Zierde der Literatur und Wissenschaft bezeichnen kann. Ich nenne hier zuvörderst den in Kopenhagen geborenen trefflichen Naphtaly Hartwig Wessely, einen Mann auf der Höhe der Bildung seiner Zeit. Ausser der hebräischen, deutschen und dänischen Sprache war er des Holländischen und Französischen gleichfalls mächtig. Ausgezeichnet durch eine umfassende Kenntnis der jüdischen Literatur und seine Meisterschaft in der Handhabung der hebräischen Sprache, besass er auch hohe poetische Begabung1). Für Wahrheit, Recht und Menschenliebe erglühend, belehrte er seine Zeitgenossen, dass nicht in der Unwissenheit der rechte Glaube und nicht im Abfall der rechte Fortschritt bestehe. Seine Begeisterung für die hebräische Sprache führte mit zur Verjüngung des jüdischen Stammes, und sein Eifer für die Bildung und Erziehung seiner Glaubensgenossen wirkte läuternd auf die weitesten Kreise. Als Erbe des Mendelssohnschen Geistes und Charakters und seiner religiösen Weltanschauung verfasste er u. a. eine poetische Darstellung des Lebens Mose in achtzehn Gesängen, die teilweise auch ins Deutsche übersetzt wurden und unter dem Titel „Mosaide" erschienen. Er war der Begründer der modernen hebräischen Kunstpoesie. Namentlich in der „Mosaide" zeigte er sich als ein Meister der Sprache und als Verskünstler ersten Ranges, mit ursprünglichem Empfinden und einer glühenden Phantasie begabt. Die Sprache des alten Zion erklingt hier in ihrer ganzen Schönheit und Reinheit. Doch ist es nicht mehr der Geist der Propheten und Seher, der aus ihr spricht, sondern der kategorische Imperativ Immanuel Kants und die ideale Götterwelt Friedrich Schillers. Er ist auch in bezug auf die Form ein moderner Poet, denn er wendet fast alle bekannten modernen Versmasse der Poesie, wie Terzinen, Canzonen, Sonette etc.. an, und seine kunstgerecht gemeisselten Verse haben zuweilen etwas Bezauberndes. Wie dieser Wiederhersteller der hebräischen Poesie wurde auch der Regenerator der hebräischen Prosa, Isaak Abraham Euchel, in Kopenhagen geboren. Durch Mendelssohn und Wessely bildete er sich zum vortrefflichen hebräischen Stilisten heran und stach seine Schreibart wohltuend gegen die bis dahin gebräuchliche Sprachverderbnis ab. Ein geistiger Kulturträger ersten Ranges, übersetzte rr biblische Bücher und hebräische Gebete ins Deutsche, veröffentlichte in der von ihm 1784 gegründeten, zur raschen Berühmtheit gelangten und einflussreichen Zeitschrift „Der Sammler" (Meassef, hebräisch mit deutschen Beilagen) geistreiche hebräische Abhandlungen und erliess an seine Glaubensgenossen in Königsberg, wo er unter Immanuel Kant studierte, die dringende Aufforderung, eine zweckmässige Unterrichtsanstalt zu gründen. Sein grosser Lehrer, der Verfasser der „Kritik der reinen Vernunft", gab in seiner Eigenschaft als damaliger Dekan der philosophischen Fakultät zu Königsberg in einem Gutachten über seinen Schüler ein glänzendes Urteil über ihn ab, worin es u. a. heisst: „Die philosophische Fakultät, insbesondere der jetzige Dekan derselben, kann gedachtem Isaak Euchel ein rühmliches Zeugnis wegen seines guten Sinnes, seines Fleisses in gleichen allerlei in Wissenschaft erworbener Kenntnisse nicht verweigern." Die Judenemanzipation, die in vielen modernen Kulturstaaten selbst nach ihrer Durchführung nur eine schöne Theorie blieb, indem auf administrativem Wege die Wohltaten der Gesetzgebung und Verfassung auf L) Vergleiche meine „Geschichte der deutschen Juden", Berlin, Seite 512.

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