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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 705 - 706

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Jüdische Nationalkunst
Date
1905-10-01
Page
Seite 705 - 706 (sequence 2)
Language
German
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705 Jlja Günzburg: Jüdische Nationalkunst. 706 Wie hier, so dort, ist der gleiche Widersinn. Allerdings wird das Vergebliche des Wahnes, das neue Europa dem alten Italien und Griechenland anzupassen, schon oft ziemlich klar empfunden." (Daselbst.) „Womit begann in der letzten Hälfte oder im letzten Viertel des Jahrhunderts die Anerkennung von Volksstil und Volkskunst, welche im Laufe von langen Jahrtausenden, zu Ehren eines allgemeinen Europäismus, im Namen einer wahnsinnigen Verehrung des seit lange schon verblühten Griechenlands und Roms verfolgt, eingeschüchtert und zur Hälfte verwischt waren? Stets begann sie, diese Anerkennung, vom kleinen Ende, gewissermassen vom hinteren Aufgange, wohin keiner auch nur hineinschauen wollte; sie begann von unwichtigen, wertlosen Gegenständen, die vom Volke benutzt werden und welchen keiner der wahren Kenner und Würdiger der Kunst seine Aufmerksamkeit schenken mag. Nach kurzer Zeit jedoch, da erwies es sich, dass das, was durch diese Hintertüren kam, unverhältnismässig wuchs, erstarkte, die ungesetzlichen Herren verdrängte und ihren Platz einnahm. Auf solche Weise entstand bei uns überall die nationale Kunst." (Daselbst.) Und in der Tat, wenn man auf das Geschick verschiedener historischen Erscheinungen in der Kunst näher eingeht, so sieht man, dass gerade diejenigen Erscheinungen von ungeheurer Bedeutung waren und in den folgenden Epochen eine Rolle spielten, welche auf Nationalität und Eigenartigkeit der Volksschöpfung beruhten. Solche Talente wie Poussin, Torwaldsen, Winkelmann, Ssemiradsky, Rossetti suchten Inspiration in der Vergangenheit fremder Völker und imitierten das, was gross war, was aber bereits von der Szene der Weltgeschichte geschwunden war; — und gerade sie haben, während sie viele Zeitgenossen mit ihrer Richtung ansteckten, der Kunst nicht das gegeben, was andere Künstler gaben, welche seinerzeit weniger populär waren, jedoch ihr Talent in jener Atmosphäre grossgezogen hatten, in der sie lebten und die ihnen verwandt war — wie Rembrandt, Dürer, Millet, Neuville, Shermite und andere. Im Laufe von mehr als einem halben Jahrhundert verfolgte W. Stassow den Entwickelungsgang der Kunst in Europa und vermerkte stets diejenigen Momente in der Kunst eines jeden Volkes, welche ihm im Sinne der Unabhängigkeit und des Nationalismus als wichtig erschienen; und mit hoher Freude begrüsste er stets das Vorhandensein des tief-wahren, nationalen Elements in der Kunst, gleichviel, ob er es in der russischen Kunst oder in derjenigen anderer Völker fand. Stassow, welcher die Juden als für einige Gebiete der Kunst, zum Beispiel für Poesie und Musik, besonders befähigt hält, beschäftigte sich mit der Frage, warum die Juden wenig Genie in bezug auf die bildenden Künste, auf Malerei, Skulptur und Architektur aufgewiesen haben, und warum ihnen in dieser Richtung jedes Talent abgesprochen wurde. Letzteres erklärte er teilweise durch die Gehässigkeit der Nicht-Juden, der Antisemiten, welche absichtlich alles das mit Schweigen übergehen, was das jüdische Volk schaffen kann und geschaffen hat. „Schon seit langer Zeit heisst es in der Aesthetik, in der Kunstgeschichte, dass die Juden, trotz all ihrer Begabung, trotz all ihrer vielseitigen Befähigung, der Welt nie Maler, nie Bildhauer geschenkt haben; dass ihre Natur, ihr Charakter und ihre Stimmung, die sich im Laufe langer Jahrhunderte gebildet, solche Eigenschaften erworben haben, welche dieser Art der künstlerischen Schöpfung widersprechen. Nie hat jemand daran gedacht, den Juden Befähigung zur Wissenschaft, zur Medizin, zur Musik, zur Bühnenkunst, zu Handel, Industrie und verschiedenen geringen Industrieerzeugnissen abzusprechen, doch auch niemand wollte, zu gleicher Zeit, in der jüdischen Rasse eine ebensolche Dose Talent für die bildenden Künste anerkennen. Dieser historische Fatalismus, welcher den einen Völkern diese, den anderen jene Fähigkeiten zuschreibt, ist mehr als sonderbar; als ob der Mensch nicht immer und überall Mensch ist, als ob seine Natur nicht stets dieselbe ist von oben bis unten, auf allen Stufen und in allen Zonen der Entwicklung, und als ob ihre Mängel, sowohl moralische als auch künstlerische, etwas anderes sind als die Spuren ungünstiger, zufälliger Umstände, welche nur zeitweilig den menschlichen Geist in seinem Wuchs, in seinem Fluge aufhalten?" . . . (,,Die jüdische Rasse in der Kunst", gesammelte Werke von W. Stassow.) „Das Recht, den früheren Unsinn über den mangelnden Kunstsinn bei den Juden, über ihre gleichsam von der Natur diktierte Beiseiteschiebung in der Arbeit aller in bezug auf die Kunst zu wiederholen, dieses Recht steht in der Jetztzeit nur denen zu, die entweder völlig blind und unwissend sind, oder die von eben der Intoleranz, dem Hass und Fanatismus erfüllt sind, welche sonst den Juden zugeschrieben werden. Leider gibt es deren noch genug. Unter ihnen zeichnet sich besonders eine unserer gegenwärtigen europäischen Berühmtheiten, der deutsche Komponist Richard Wagner, aus. In seiner Broschüre „Das Judentum in der Musik" (1869) wiederholte er alle früheren gegen die Juden gerichteten Beschuldigungen, zu denen er in seinem beispiellosen Hass noch viele neuen hinzufügte. In dieser Rasse sieht er den absoluten Mangel alles Edlen, Reinen, Hohen, Fähigen. Selbst das physische Aeussere der Juden erscheint ihm widerwärtig, abstossend und jeden künstlerischen Elementes bar. Er findet, dass das jüdische Volk Europa in allen möglichen Beziehungen nur die schlechtesten Dienste geleistet, ihm eine Menge der unliebsamsten Eigenschaften zugetragen hat und dass Europa dann erst imstande sein wird,

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