Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Jüdische Nationalkunst
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 707 - 708 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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707 Jlja Günzburg: Jüdische Nationalkunst. 708 den rechten Weg der Entwickelung und der Vervollkommnung einzuschlagen, wenn es sich endgültig von ihrem Drucke, von ihrer steten Einmischung freimachen wird". („Aus Anlass des Baues einer Synagoge".) Jedoch die Tatsachen, die historischen Dokumente zeugen von etwas ganz anderem, und jede Feindseligkeit in der Anschauung über die Befähigung der Juden fällt, sowie man die "Wirklichkeit näher kennen lernt. Stassow schreibt über dieses Thema folgendes: „Seit den fünfziger Jahren ist auch für die jüdische alte Kunst die Zeit der Forschungen und Entdeckungen angetreten, wie sie früher für das bis dahin noch unerforschte Aegypten, Indien, Assyrien, Kleinasien, Phönizien gekommen war. Eins nach dem andern erstanden unter den tausendjährigenErdschichtenganzeReiche, Länder, i Völker, mit ihrem gesamten häuslichen, religiösen r und sozialen Leben, mit ihren Wohnungen und Kirchen, mit ihrem Hausgerät, ihren Kostümen und Waffen, Kolossale Statuen — und Frauenringe und Nadeln, ganze Wände mit Fresken — und Spiegel längst verwester Schönen, Altäre, an denen Blut geflossen, Bronzegötzen — und Gefässe, in denen der Tischwein geschäumt; daneben die kleinsten Ringe des Pferdegeschirrs — alles das wurde nun von der Schaufel aus der Erde gehoben, die sich tausend Jahre hindurch friedlich darüber geschichtet hatte. Auch an das israelitische Volk war endlich die Reihe gekommen, aus der Finsternis ans Licht zu treten und unser Wissen mit tausend neuen Tatsachen zu bereichern. Erst unlängst entstand eine neue Wissenschaft — die Wissenschaft des jüdischen Kunstaltertums, und schon hat sie reiche Früchte getragen; die Museen von Paris und London haben sich mit einer neuen, unerwarteten Abteilung geschmückt — einer jüdischen. Hier sieht man eine reiche Sammlung von Erzeugnissen der Skulptur, der metallurgischen und der Emaillekunst, der Schnitzerei, der Geldprägung, der Glasfabrikation, verschiedene Gefässe, Wertgegenstände und Verzierungen. Sind das etwa nicht Schöpfungen der Kunst, kann man noch einem Volke künstlerischen Geschmack, künstlerischen, schöpferischen Geist absprechen, welches imstande war, dies alles zu schaffen?" (Daselbst.) „Man hat wieder begonnen, alle in der Bibel an verschiedenen Stellen enthaltenen Hinweise auf die künstlerische Tätigkeit der alten Juden zu sammeln; es waren ihrer viele und wichtige, und endlich erstand ein Ganzes, welches, nunmehr in der Beleuchtung eines frischen, schon nicht mehr feindlichen Gedankens, jede Möglichkeit eines Zweifels an dem Vorhandensein der Kunst bei den Juden aufhob." „In der letzten Zeit hat sich in London eine ganze Gesellschaft zur Erforschung Palästinas (Palestine Exploration Society") gebildet, und schon in kurzer Zeit sammelte sich eine grosse Menge der bedeutendsten Fakta, welche die alten Vorurteile widerlegen. Ihr Museum und ihre Zeitschriften weisen mit jedem Tage immer mehr und mehr den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der althebräischen künstlerischen Tätigkeit nach.'' „Gegenwärtig steht also die Existenz einer jüdischen Kunst ausser Zweifel. Das alte Vorurteil ist geschwunden; es ist, wie eine unnütze Hülse, abgefallen. Die Juden sind nicht mehr Ausgeburten, Krüppel in der Kunst, sie bilden nicht mehr eine nie dagewesene Ausnahme unter den verschiedenen Völkern. Niemand bestreitet die Befähigung zur Kunst bei den wilden Bewohnern von Ozeanien, bei den alten, verwilderten Asiaten und Amerikanern, ja, bei den Rothäuten — und nur die Juden galten als ein ungestaltes Ungetüm, die Juden, deren Geschichte so reich ist, deren jahrtausendelanges Leben bald von wilder, grausamer Tragödie, bald von malerischer, duftiger Poesie, bald von wildem, fanatischem Aberglauben und grenzenlosem Despotismus, bald von Schäfermilde erfüllt ist. Derartige mannigfaltige Züge und Elemente sind noch nie bei einem Volke ohne Spur vorübergegangen: stets warfen sie einen Abglanz auf die Schöpfungen der Kunst, stets Hessen sie in ihnen einen gewissen Bodensatz zurück. Selbst wenn kein einziges Wort der Bibel auf uns gekommen wäre, keine einzige tatsächlich erhalten gebliebene Schöpfung jüdischer Plastik, so würde schon ihre grandiose, tiefe lyrische Poesie, die Ueberreste ihrer heiligen Lieder, die in zahlreichen religiösen Melodien der gesamten Christenheit fortleben, genügen, um uns von der tiefpoetischen, künstlerischen Begabung des ganzen jüdischen Volkes zu überzeugen." (Daselbst.) (Schluss folgt.) DAS GEISTIGE UND KULTURELLE LEBEN DER JUDEN IN DAENEMARK. Von Dr. Adolph Kohut (z. Z. Kopenhagen). Nachdruck verboten. Der Hauch der Grüfte, der in so vielen Kulturländern Europas das geistige und sittliche Leben der Völker durchwehte und Unheil und Verderben im Gefolge hatte, drang nie oder doch nur selten hinauf in die frischen Lüfte Skandinaviens. Die konfessionelle Verhetzung der Gemüter, die Einteilung der Bevölkerungsklassen in Staatsbürger erster und zweiter Güte, das ganze System der Bevorzugung beziehungsweise der Zurücksetzung der religiösen Abstammung wegen — alle diese traurigen Ergebnisse einer Welt- und Lehensanschauung, wie sie in so vielen Staaten des Abendlandes noch im 20. Jahrhundert herrscht,