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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 703 - 704

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Jüdische Nationalkunst
Date
1905-10-01
Page
Seite 703 - 704 (sequence 1)
Language
German
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703 704 JUEDISCHE NATIONALKUNST. (Gedanken eines gelehrten russischen Kritikers.) Mitgeteilt von Jlja Günzburg, Petersburg. Nachdruck verboten. Nationalität in der Kunst ist dasselbe, was Individualität beim Künstler. Im Grunde genommen sind alle sog. Schulen, Stile und Richtungen nichts anderes als eben die Individualität der Völker und Rassen. Soll der Künstler individuell sein? soll in der Kunst die Individualität zum Ausdruck kommen? — das sind Fragen, an deren Lösung ich mich nicht heranwage. Ob aber ein bedeutendes Talent seine Individualität verleugnen kann, ob eine Gruppe von Menschen, die unter gleichartigen Bedingungen leben, es vermögen, in der Kunst die Eigentümlichkeiten und charakteristischen Seiten dieser Bedingungen nicht zum Ausdruck zu bringen — diese Frage lässt überhaupt keinen Zweifel aufkommen. Wie abstrakt auch die Aufgabe der Kunst ist, wie allgemeinmenschlich und universell einige schöpferische Talente auch sein mögen, so geht doch stets die Schöpfungskraft dieser Talente durch den Filter des Zeitgemässen, der Summe derjenigen Lebensbedingungen, in denen der Künstler wirkt. Das Wesen, die Merkmale des Talents sind unerklärlich, doch ist in jeder Epoche die Abhängigkeit des Talents von den äusseren Bedingungen deutlich zu erkennen. Gleichwie einescharf ausgeprägte Individualität ein äusseres Merkmal des Talents bildet, so ist die Nationalität eines Volkes jederzeit der Massstab für alles Hohe, Wichtige in seiner Kunst. Wenn ich von Nationalität in der Kunst rede, so meine ich jene natürlichen d. h. physischen und geistigen Eigentümlichkeiten, welche unwillkürlich dem Leben eines jeden Volkes und infolgedessen auch der Kunst, dem Spiegel des Lebens, ihren Stempel aufprägen, nicht aber jenes künstliche, politische Element, welches, gleichwie der Egoismus im einzelnen, Selbstverherrlichung und Selbstliebe bezweckt. Es gehört eine grosse Liebe zur Menschheit dazu, um in jedem Volke das zu lieben, was seine Eigentümlichkeit, seinen Charakter bildet. Die wahre Aufklärung lehrt das lieben und achten, was manchem fremd und schädlich erscheint; die wahre Liebe lässt uns den Fremden als unseren Nächsten ansehen, und auch der wahre, hohe Nationalismus in der Kunst erweckt Interesse und Toleranz in bezug auf alles das, was in jedem Volke als charakteristisch, als ihm eigen gilt. Ein derartiger Nationalismus ist Kosmopolitismus im besten Sinne dieses Wortes, denn er erkennt in jedem Volke, je nach Charakter und Lebensbedingungen, die Freiheit des schöpferischen Geistes an. Solch ein Nationalismus bringt die Menschen einander näher, und diese einigende Wirkung beruht auf tiefer Erforschung, auf Achtung und Verständnis der an Charakter und Beanlagung verschiedenen Menschen. In Russland findet diese Anschauung; über den Nationalismus in der Kunst scharfen Ausdruck in der Persönlichkeit des bekannten Kritikers und Archäologen Wladimir Wassiljewitsch Stassow, von Abstammung Kernrusse, der seinem Vaterlande in heisser Liebe ergeben ist und ihm sein ganzes Leben, im Dienste der Aufklärung, gewidmet hat. In bezug auf die Kunst vertrat er von Beginn seiner publizistischen Tätigkeit an den Standpunkt, dass das Höchste in der Kunst eines jeden Volkes das ist, was aus den Tiefen des Volkes kommt, aus jenem' ewigen, fruchtbaren Boden, welcher zu allen Zeiten die Talente nährt. „Das, womit der Künstler geboren ist, die Eindrücke und Bilder, von denen er stets umgeben war, in denen er aufgewachsen und zum Manne geworden, an die sich seine Augen, seine Seele eng angeschmiegt — nur das kann er mit tiefem Ausdruck, mit Wahrheit und wahrer Kraft wiedergeben." („Nach der Weltausstellung", Gesammelte Werke von W. Stassow.) Im Hinblick auf die Vergangenheit der Kunst, auf ihr historisches Schicksal kommt W. Stassow zum Schluss, dass nur diejenige Schöpfungskraft gross ist, welche, gleich einer Pflanze, unter natürlichen Lebensbedingungen eines Volkes aufwächst, nicht aber in Orangerien und Treibhäusern, die einer besonderen Pflege bedürfen. „Wir leben im Zeitalter des Erwachens der /Nationalitäten. Kein Volk, keine Rasse will sich nunmehr mit allgemeinen, matten Zügen begnügen; ein jeder will in jedem wichtigen Falle seine besondere Physiognomie in Lebensweise, Eigentümlichkeit und Schönheit besitzen und zum Ausdruck bringen. Ueberall ist man scharf an die Erforschung alter, historischer Denkmäler der verschiedensten Art gegangen, und als Resultat dieser Forschungen sind mannigfaltige Schöpfungen der Kunst erschienen, von Kathedralen und fadenhohen Fresken bis zu Damenohrringen und Bracelets, modernen Einbänden und Titelbuchstaben — Schöpfungen, die von der Erforschung früherer nationalen Epochen eines jeden Volkes und vom Wunsche, sich ihnen anzuschliessen, zeugen." Auch in der Kunst der Jetztzeit ist nur das von historischer Bedeutung, macht nur dasjenige natürliche Veränderungen und eine wahre Entwicklung durch, was dem wirklichen Leben eines Volkes entspringt, nicht aber das, was dem Fremdartigen entnommen, das nicht so nahe ist wie das Eigene. „Ich wollte jedesmal laut, öffentlich jene Musikanten, Bildhauer, Architekten, Maler bedauern, welche ihr möglichstes tun, um in der Manier der Italiener zu malen, oder jene Franzosen und Deutschen, welche ihre Seele dafür hingeben möchten, um Kirchen und Paläste in der Art der Griechen und Römer zu bauen.

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