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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 699 - 700

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
Date
1905-10-01
Page
Seite 699 - 700 (sequence 6)
Language
German
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699 Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. 700 ihrem Körper, an ihrem Wesen wachsen sie. Der Schwung der Linie wird dadurch unterbrochen, der Wohllaut ist gestört, und alles wird schöner noch darum, so geeint scheinen die drei Wesen, und so natürlich notwendig scheinen die Bande der Liebe. Vertraut und heimatlich scheint uns die fernste Zeit, und alles Wohlgefallen mündet endlich in das Gefühl: Mein ist das Weib, mein sind die Kinder. Des sind wir eine Weile voll. Dann sehen wir, wie sich der Fuss langsam vom Boden hebt, der erdenschwere Körper bezwingt die lastende Richtung, und wir belauschen den Beginn einer endlosen Bewegung. Eva beginnt ihre Wanderung. Und sie wandert fort und fort, Jahrtausende und Länder wandert sie hindurch, und hält die Kinder an sich gepresst, die wandernde Mutter. In diesen Darstellungen ist die Charakteristik allgemein. Adam und Eva sind ihrem ganzen Charakter nach als Anfänger und Begründer von Kultur und Geschichte aufgefasst. Häufiger aber ist eine Form der Schilderung der nachparadiesischen Zeit, in welcher Adam und Eva gezeigt werden, wie sie sich mit der Arbeit mühen, die bei den quietistischen Strömungen in der religiösen Vorstellung vielfach als Fluch aufgefasst wurde. In mehr oder weniger pessimistischer Auffassung der Arbeit gehen sie ernst oder traurig ihrem Erwerb nach und mühen und freuen sich mit ihren Kindern. Von frühchristlichen Miniaturen bis zu den Werken der Gegenwart gibt das Motiv Gelegenheit zu Genreszenen und novellistischen Schilderungen mannigfacher Art. Diese sind meist voll köstlicher Anachronismen und archäologischer Naivität. Die Form wird beibehalten, wie sie schon früh in der kirchlichen Zeit vorgeschrieben war. Adam bearbeitet den Boden, Eva spinnt und säugt ein Kind. Wie populär diese Vorstellung war, beweist ja das verbreitete Sprichwort und Kampf wort: „Als Adam grub und Eva spann, wer war denn da der Edelmann?" Bei den Schöpfungen kirchlichen Geistes hat die Szene den didaktischen Zweck, auf Mühsal und Fluch des Erdendaseins hinzuweisen. Eifrig holt Adam aus mit seiner Harke auf der Bernwardstür in Hildesheim (11. Jahrhundert), da gerade ein Engel oben ermahnend erscheint. Freier und naiver trotz der starken Befangenheit ist der arbeitende Adam auf dem Fresko des Piero di Puccio im Camposanto zu Pisa, noch natürlicher die sitzende Eva mit dem Kinde an der Brust. In der folgenden Zeit gibt es Schilderungen von tielem, menschlich ergreifendem Eindruck. Ein Druck lastet auf Adam und zieht ihn hinunter zur Erde. Eine Schwere liegt auf dem Boden, gleichgültig träge scheint er gegenüber der Anstrengung des Menschen, und Adam arbeitet traurig und mühevoll immer weiter. So ist es schon vor Piero bei Giotto am Campanile in Florenz. Mit tief ernstem Bedacht gräbt Adam die Erde auf. In der Wiedergabe der Bewegung ist ebenso die spezifische Zweckmässigkeit betont wie die unwillige, mühevolle Tätigkeit. Befangener ist Eva mit ihrer Spindel in der Hand; doch gerade dieses befangene Stehen, in der mangelhaften Umhüllung ihres Ueberwurfs, das Spinnen mitten auf dem Felde, wo sie wie im Vorübergehen stehen geblieben scheint, das alles weckt ungezwungen den Eindruck von Arbeit und Not auf heimatferner Erde^ Dramatisch bewegter und im einzelnen ausdrucksvoller ist „Das Erdenleben" auf einem Relief des Jacopo de IIa Quercia am Portal von S. Petronio in Bologna. Mit heroischem Missmut gräbt Adam, in grossartiger Linienbewegung drückt sein Körper das anstrengende Arbeiten aus, zu freiem Schwung entfaltet sich die Erscheinung. Das Gewand ist wie eine kühne Welle nach hinten übergeschlagen, das Haar in wild bewegter Unordnung. Da kommt über die stark bewegte Erscheinung heimlich ein Bann, ein Bann der Schwere. Nach unten drückt der Körper, auf den trägen Boden drückt er das stumpfe Gerät; der frohe Drang ist niedergehalten, und nach unten hin beschattet sich das Gesicht. Links steht Eva mit dem Spinngerät; sie neigt den Kopf und blickt Adam wehmütig an. Aber zu ihren Füssen stehen die Kinder; sie fassen ihr Bein und bergen sich bei ihr. In lieblichem Kindesdasein bewegen sie sich um sie her, drall und frisch; und da ist's mit einem Male, als höre man in verlassener Dürre ein trauliches Geläute. Die Freude und den Trost an den Kindern hat auch Jacopos Zeitgenosse, Lorenzo Ghiberti, dargestellt. Dies Motiv lag ihm nahe. Auf dem obersten Felde der rechten Erztür sitzt im Hintergrunde Adam vor einer Hütte und spielt mit seinem Kinde, ihm gegenüber sitzt Eva spinnend, und hat das andere Kind zur Seite. Beliebt ist dieses Motiv einer Familienszene auch in der niederländischen Kunst, die es gern zu Idyllen und novellistischen Schilderungen ausmalt. Eva sitzt mit ihren Kindern am Herd und besorgt ihre Hausfrauenpflichten, Adam bearbeitet mit allerlei unbeholfenem Gerät das Feld. Bei M. de Vos versucht er es mit einem Knochen, den er an einen Stecken gebunden hat. Ein schwertartiges Werkzeug hält er in der Hand bei Lucas van Leyden auf einem Stiche (1510) von ganz eigenartiger Auffassung. Das Blatt gibt die Familienszene mit herbem Pathos und naturwüchsiger Gewalt. Der ungeschlachte Adam redet leidenschaftlich auf Eva ein, sie hält das Kind auf dem Arm und blickt traurig verdrossen drein. Die Gegend ist öde, rechts steht ein verdorrter Baum. Von bedeutendem Eindruck sind solche Darstellungen des arbeitenden Menschen, in welchen nicht die Mühen der Arbeit als das tragische Geschick aufgefasst sind, sondern die immanente Tragik menschlicher Arbeit und menschlichen Strebens gezeigt wird: die Unsicherheit des Lebens und der Lebensziele. Während Arbeit und Kampf den Schweiss hervoitreiben, die Pulse einem Ziele nachjagen und in der Ferne ein Erfolg sichtbar wird, da kommt der Tod um die Ecke und winkt. Holbeins Totentanz schildert so mit schauerlicher Gedankengewalt, „wie der Tod in die Welt kam", und der bitter satirische Zug verstärkt noch die Wirkung. Erst zieht der Tod bei der Vertreibung mit ihnen hinaus. Von oben treibt ein Engel das flüchtende Paar, und Adam wendet sich doch voll Schrecken zur Seite und streckt schaudernd die Hände nach vorn; denn dort geht der Tod ihnen voran. Ein klappernd Gerippe tanzt vor ihnen her, klimpert auf einer Geige und grinst aus breiter Mundhöhle, als krächze es ihnen ein hässliches Spottlied zu. Darauf folgt das Blatt: Adam bei der Arbeit. In ein dürftiges Fell gekleidet, arbeitet er an der Wurzel eines alten Baumes. Neben ihm bewegt sich etwas seltsam unsichtbar, ein unheimliches Geräusch hat ihn scheu gemacht. Die Augen sind weit geöffnet und starren irgendwohin, der Mund ist geöffnet zu einer staunenden Frage. Er hält inne in der Arbeit. Neben ihm macht sich der Tod an demselbem Baum zu schaffen und kichert zu den . dürren Wurzeln hinunter. Dem Hintergrunde zu sitzt Eva und säugt ihr Kind. Auch Aldegrever hat

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