Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 697 - 698 (sequence 5)
- Language
- German
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697 Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. 698 treiben die von Michelangelo auf's höchste gesteigerte Bewegung und werden unwahr, oder sie interpretieren sie auf das Anmutige und werden süsslich. Von solchem Charakter ist die Vertreibung Cesaris (Louvre). Weichlich und gekünstelt ist Bewegung und Geste Adams, geziert und von erlogener Schamhaftigkeit ist Eva, und von hermaphroditischer Sinnlichkeit der Engel. Der Affekt ist ohne glaubhafte Wirklichkeit, die Bewegung ohne innere Berechtigung, und dem Ganzen fehlt die Würde des Stils. Auch in neuester Zeit fehlt es nicht an Manierismus bei der Darstellung des Motivs. Mit rhetorischem Schwall lässt A. Gabanel Gott herabkommen mit den Racheengeln, in leerer Pathetik markieren Adam und Eva ihre tragische Reue, und ein grossrednerisches Heldentum charakterisiert die ganze schwüle Szene. Weit bedeutender an gehaltlichem Eindruck, trotz Vorherrschens künstlerischer Qualitäten, ist die Vertreibung Franz Stucks. Das Werk hat als erste Wirkung, die glänzende Pracht menschlicher Leiber zu zeigen und die dämonische Gewalt der menschlichen Erscheinung im Gegensatz dazu. Aber daneben fühlen wir einen tiefen Bann ausgehen von der Engelsgestalt, schwere Reue beginnt sich auf das beschämte Menschenpaar zu lagern, und durch all das Wohlgefallen an den satten Farben und der leuchtenden Menschenschönheit mengen sich starke Schauer und ziehen lange durch Gemüt und Stimmung. Eigenartig modern ist die Darstellung bei Max Klinger. Im Vordergrunde (Eva und die Zukunft V) stürmt ein Mann mit einem Weibe auf dem Arm dahin. In stolzem Eigenwollen, trotzig und voll Empörung trägt der Mann sein Weib hinaus in Wagemut, allen Schicksalen entgegen, von Lust entbrannt, von trotziger Lust. Rücksichtslos zieht er weg von Gott und Gnade zur öden Tiefe des Abhangs hinunter, und gehorchen mag er nicht. Krampfhaft fest hält er das Weib, sein Besitztum und seine Qual. Sie ist ganz eingebettet in seine Erscheinung, ganz hingegeben in Willen und Dasein; ohne eigene Existenz, nur Besitz seiner Kraft und Teil seines Wesens. Hinter dem Eingangsfelsen zum Paradiese steht der lichte Engel, in ruhiger, untätiger Haltung; fast scheint es, als blicke er von seinem ruhigen Gottesheim in Wehmut und Sehnsucht dem Manne nach, der dort hinauswandert zu Oede und Arbeit und Härte und Schicksal, aber zu eigenem Werk, zu eigener Qual und eigener Lust. Klinger führt den Menschen weiter diesen Möglichkeiten entgegen,über Zäune hinweg und üb er Nähen hinweg lässt er ihn blicken, und Zukünfte lässt er ihn schauen, dunkle Lebensmächte und Vergänglichkeit. Unter leicht bewegtem Schatten steht Eva in „Ein Leben" an den Baum gestützt und schaut in eine weite Ferne. Lange und erstaunt schaut sie auf etwas Unsichtbares, geheimnisvoll Flüsterndes. Einsam ist die Weite, und alles, alles ist still geborgen. Unmittelbar vor ihr liegt eine ferne Dehnung in lichter Klarheit, unbeschrieben und erwartend; ein schweigsames Wetterleuchten zieht über den Plan. Nichts geschieht, und viel Scheu und Ernst liegt darin, und soviel Schicksal und Notwendigkeit in diesem erwartenden Staunen. Als Intermezzo in „Eine Liebe" erscheinen Adam und Eva dem Tod und Teufel gegenüber. In dürren, weithin stillen Räumen sitzt der Mensch, und da er um sich schaut am öden Gestade, sieht er Gebieter dort sitzen, die er nie gekannt. Da knieen sie beide nieder und strecken in wahnsinniger Angst den Unholden die Hände betend entgegen. Diese sitzen auf ihrem Gestein und höhnen; sie triumphieren boshaft kalt und mit zynischer Genugtuung. Und Adam und Eva knieen und blicken auf sie hin, wie blühendes Leben der Verwesung entgegenblickt. In diesem Blatte hat Klinger einen tiefen Ausdruck gefunden für die Betrachtung des ersten Menschenpaares, in welcher der Gedanke vom Beginne menschlichen Daseins und seiner Geschichte vorherrscht. Das Leben tritt den beiden entgegen mit seinen Forderungen und Drohungen, da sie führerlos ihren Weg beginnen. Die Kultur und die Geschichte beginnt, und es reizte die Kunst, den Menschen und seine Mittel an dem Punkte zu zeigen, wo die Vorstellung diese Entwickelung einsetzen läfst. Der primitive Mensch wird dargestellt in der Mühsal seines Daseins und der tastenden Unsicherheit seines Lebensgefühls. In einer mit Wasser gefüllten Muschelschale spiegelt sich Eva aufeiner Zeichnung Klingers in Dresden. Sie lächelt in kindlicher Neugierde, da ihr Adam dieses „Speculum prirnum" hinhält; auch Adam lächelt, sie zärtlich anblickend, und in der Beschränktheit ihres Ausdrucks spricht sich zugleich naive Freude aus über die Entdeckung einer Naturerscheinung. In krassem Naturalismus ist der Charakter primitiven Lebens bei Remb ran dt ausgedrückt. In Vorahnung heutiger Erkenntnisse vom primitiven Menschen gab er Adam und Eva urzeitliches Gepräge in ihrer elenden Menschenart mit tierisch dumpfer Leidenschaft. Auf einem Felsgestein stehen sie neben dem Baume, hässlich und blöde im Gebaren. Die Augen liegen tief und blicken ohne Helligkeit stumpf aus der Tiefe hervor, die Lippen schmal und platt übereinander liegend; die Gesichtsanlage kleinlich und unruhig, ohne Einheitlichkeit in der Knochenlagerung. Die Körper sind schlotternd, ängstlich schleichend in der Haltung; der Geschlechtscharakter von alternder Hässlichkeit und alles Gebilde ohne Ebenmass höherer Formentwickelung. Auf dem Baume ist ein ungeheuerliches Drachenungetüm; Tiere und Pflanzen sind von der Ueppigkeit frühzeitlicher Formationen. In empfindsamer, zarter Schönheit dagegen drückt ein erstes Menschenpaar Reue und sorgenvolles Ausschauen nach der Zukunft aus auf einem schönen, seltenen Stiche von Michel Honore Bounieu. Eva, eine schöne Gestalt mit modernem Ausdruck und edlen Zügen, lehnt die feinen Glieder an einen Baum. Mit ihren grossen Augen schaut sie weich träumend ins Ferne. Das Haar fällt von beiden Seiten um den Busen; dies macht die edlen Formen schlanker und schmiegsamer, es belebt den stillen Wellenfluss des Körpers, der in lichtem Helldunkel schimmert. Adam ist nach vorn geneigt, bedeckt das Gesicht mit der rechten Hand, die linke ist leicht geballt. Es ist der schöne Mensch, der in sentimentaler Reue dasteht und fragt, wie er nun leben soll in der Härte des neuen Daseins, für das er und seine Schönheit nicht geeignet ist. Eva hat in ihrer Wehmut fast etwas Sorgloses; es ist die Wehmut eines schönen, verweichlichten Weibes, dem ein trauriges Dasein noch nichts anderes bedeutet als eine traurige Melodie. Adam erkennt die Not, sich das Leben zu erkämpfen — sich und seiner schönen Frau mit dem zarten, schlanken Leib, mit den träumenden weichen Augen. Ohne diese Gefühlsweichheit, in natürlicher Schönheit drückt ein Werk neuester Zeit solche Gedanken aus, die Eva von A. Brütt in Berlin. Ein aufgeblühter Mensch, voll schöner Wirklichkeit, in nackter Unschuld, hält sie ihre beiden Kinder auf den Armen. Von beiden Seiten beschwert, ist sie ihnen Mutter; eingebettet in die Heimat des mütterlichen Leibes, liegen sie da und wachsen an