Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 695 - 696 (sequence 4)
- Language
- German
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695 Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. Die Vertreibung aus dem Paradies. (Oelgemälde im Besitze der Galerie Henneberg in Zürich, vollendet 1897.) werk dargestellt. Das erste Menschenpaar unter den Erlösten in der Vorhölle erscheint in der deutschen Renaissance wiederholt bei Dürer und auch bei Schongauer auf einem Stich von der innerlichen, sinnigen Schönheit seiner Kunst. Die menschliche Tragik als Vorwurf künstlerischer Darstellung ergibt sich am unmittelbarsten bei der Erzählung von der Vertreibung des ersten Menschenpaares. Hier ist das tragische Motiv in dem einfachen Sinne schon gegeben. Aus dem Garten der Lust vertrieben, soll das Paar hinaus ins Ungewisse, wo ihm aus dunkler Ferne die Not entgegenstarrt. Und doch müssen sie hinaus. In unbezwinglichem Drange stürzen sie nach vorn, wie tosende Wellen stürzen die Linien dahin, und gewaltsam schnell durchschneiden die Leiber die Luft. Dadurch entsteht ein Zwang und eine Enge in der Bewegungsrichtung, dass sich eine Strasse auftut, die Auge und Sinn mit sich fortzieht. Hohl und eng, schaurig und endlos scheint diese Strasse ihrer Wanderung, und am Gezäune zur Seite stehen Angst und Not und treiben weiter in endloser Reihe. Diese Pathetik der Körperlichkeit ist eine der italienischen Kunst geläufige Kunstform, und gleich an der Schwelle der Renaissance steht ein solches vertriebenes Stammelternpaar, das eine hohe Bedeutung hatte für die gesamte Renaissancekunst. Mit den Gestalten Adams und Evas von Masaccio (Florenz, Brancaccikapelle) beginnt in der florentinischen Kunst der hohe Stil der menschlichen Erscheinung und das klassische Pathos. Im Hintergrunde ist ein Tor lapidar angedeutet, daraus kommen sie. Adams Fuss erhebt sich eben von der Schwelle. Die Toröffnung gibt ihnen die erste Direktive der Bewegung. Eva hebt jammernd den Kopf nach oben, den Mund ofifen, schon müde am Beginne; die Augen sind in tiefe Schatten hin eingelagert, das ganze Gesicht ist von lautem Schmerzensausdruck. Die eine Hand bedeckt die Brust, die andere die Scham, und in Angst und Jammer, in Scham und Reue treibt es sie nach vorn — hilflos und nackt. Adam bedeckt das Gesicht, er hat im Oberkörper eine Neigung nach unten und schreitet breiter aus als Eva. Ihr Körper gibt die dringliche Richtung, auf dem seinen liegt die Schwere und eine stumme Mühsal. Beides ergänzt sich, und sc entsteht der Eindruck des Wanderns und Zagens und der Eindruck des büssenden Leidens. Das wird verstärkt durch den Engel über ihnen, der in schräger Richtung über ihnen schwebt, mit der Hand über sie nach vorn hinausreicht. Seine drängende Bewegung macht ihre Vertreibung unmittelbarer glaubhaft und gibt der bündigen Kürze des Vortrags die bezwingende Wucht. Ohne diese lapidare Kürze, aber mit gewaltig erregtem Pathos hat um dieselbe Zeit Jacopo della Quercia eine Vertreibung auf einem Relief (Bologna, San Petronio) dargestellt. Eine ries enhafteEngelsgestalt steht vor dem angedeutetenPortal und deckt die ganzeOeffnung mit dem Körper. Mit beiden Händen stösst der Engel Adam hinaus und blickt ihn mit antikem Ausdruck der Entschlossenheit an. Adam wendet sich um, reckt seine Glieder und will sich wehren. Eva ist schon weiter vorne; wehmütig neigt sie ihren Kopf, und hilflos ist ihre Gebärde. Und auch Adams Körper hat diese Richtung nach aussen; schon beginnt er seine Ohnmacht zu fühlen gegen Macht und Notwendigkeit, und dann beginnen sie beide die Wanderung, auf die die linearen Verhältnisse schon gestimmt sind. Bei Lorenzo Ghiberti an seiner Erztür wird auch dieses Motiv — zumal bei der aufwärtsblickenden Eva — dazu benutzt, formale Werte in ihrem dekorativen Effekt zu zeigen, weshalb der ganze Aufbau der Gruppe ein anderer ist. Ihren höchsten formalen und dynamischen Ausdruck hat die Vertreibung beiMichelangelo gefunden auf dem rechten Teile des Sündenfallfreskos an der Decke der Sixtina-Kapelle. Ein heroisch schöner Körper ist von Bewegung durchbebt, in unwilligem Vorwärtsschreiten schiebt er sich in geneigter Vertikale vor. Alles an ihm hält scheu zurück vor dem, was dort draussen unbekannt droht. Die Arme wehren passiv dem Engel, ohne ihn und sein zwingendes Schwert zu erreichen. Weder hin noch her, hier Weh und dort grösseres Weh, das ist das Motiv der Bewegung. Noch deutlicher drückt dies Eva aus. Sie duckt sich nach vorn, eilt hinweg und fasst wild in ihrer Angst nach dem Kopfhaar. Und wie sie so flieht und schaudernd zurückblickt zu dem Engel mit dem Schwerte, da ist in ihrem Wesen zugleich eine Angst ausgedrückt vor der Rettung, die sie in ihrer Flucht finden soll. Die Weite und Bedeutung von Generation liegt in diesen Gestalten; als hätten die höchsten Mächte lange gekämpft um ihre Majestät, nun ist der Kampf zu Ende, und Gott und Mensch gehen feindlich voneinander. Mit Michelangelo ist die heroische Darstellung der Vertreibung erschöpft. Die Virtuosen und Manieristen der Spätrenaissance und des Barock über-