Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 693 - 694 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583941-2592737--05623-2592855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
693 Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. 694 Menschenpaares,, in welcher die biblische Erzählung auf ihre tragischen Momente hin angesehen wird. Die ADOLF BRÜTT. SKULPTUR. Eva mit ihren Kindern. (Im Besitz der Kgl. Nat.-Gal. zu Berlin.) ganze Erzählung wird zu einem Bilde von der mühseligen und schuldvollen Wanderung des Menschengeschlechts; und was hierbei die eindringliche Wirkung ausübt, ist nicht der Wohlklang formaler Verhältnisse, sondern der ethische Akzent. In der „Sünde" selbst kann das tragische Motiv weniger betont werden, und es bedurfte dazu gewisser ausserhalb gegebener Voraussetzungen. Die Kirche gab diese in dem Gedanken des seelischen Todes und der ewigen Verdammnis, die neuzeitliche Anschauung in pessimistischen Gedanken von der Macht und den Wirrnissen der menschlichen Triebe. In mittelalterlichen Darstellungen sündigen Adam und Eva oft in tiefer Wehmut des Ausdrucks und der Bewegung, was nicht aus der dargestellten Aktion selber erklärlich wird, sondern aus den unheilkündenden Zitaten auf den Spruchbändern der Unterschriften und Ueberschritten. Auf anderen Darstellungen stehen beide in starrem Schrecken da, halten die Hand mit dem Apfel wie gelähmt vor den Mund, während die Schlange ihnen lauernd den Hals entgegenreckt. Von einem ungeheuren schlangenartigen Drachen umwunden, ist das knieende Paar auf den Externsteinen in Westfalen (um 1115) dargestellt. Die Darstellung soll hier dem Zwecke dienen, die Bedeutung des Erlösungswerkes in der darüber befindlichen Kreuzabnahme zu veranschaulichen, und dennoch macht sie auch für sich einen gewaltigen Eindruck; sie gibt das Bild einer unentrinnbaren Fesselung durch eine unheimliche Macht. In der Renaissance hören Darstellungen solcher Art nicht auf. Der Tod ist noch immer eine Vorstellung, die mit der von Verdammnis und Hölle zusammenhängt, wenngleich die Renaissance auch die Auffassung ausbildet, in welcher der Tod eine dem Leben feindliche Schicksalsmacht ohne transzendente Beziehung bedeutet. Mehrfach sind die Darstellungen von solcher Art, dass sie beiden Vorstellungen entsprechen können. Der Baum in der Mitte ist ein Gerippe, dessen Arme sich als Zweige ausbreiten und um dessen Hals sich die Schlange ringelt. Das diabolische Grinsen des Schädels und der Schlange macht die Szene unheimlicher. Die dogmatische Vorstellung begünstigt dadurch die künstlerische Wirkung, Schauer zu erwecken und die warme Schönheit der Körper zu betonen. Doch hat daneben die Einbeziehung des Todes häufig genug vornehmlich didaktische Bedeutung. In einem Missale des 15. Jahrhunderts steht die nackte Eva vor dem Baum, nimmt von der Schlange Früchte und reicht sie den Sündern, die ihr ein grinsender Teufel zuführt; oben blickt ein Totenschädel mit höhnendem Lächeln herab. Auf der linken Seite des Baumes dagegen hängt ein Kruzifixus, und darunter steht die Jungfrau mit Krone und Heiligenschein und reicht frommen Betern, die ein Engel ihr zuführt, Oblaten vom Baume. Adam sitzt schlafend am Boden. Auch Lukas Cranach hat „Ein schön tröstlich Bild: aus dem heiligen Bernhardo genommen — wie Adam und Eva — nachdem sie in die Sünd gefallen — und von Gott zum ewigen Tod verurteilt waren — dennoch wunderbarlich durch Gottes Sons vorbitt widerumb zu gnaden angenomen sein." Hinter einer Barriere ist die Dreieinigkeit, umgeben von Engeln mit Inschriften bezüglich Sünde und Vergebung. Vorn führt ein Teufel Adam und Eva vor, die durch eine Schlange aneinander gebunden sind. Des Teufels Zunge ist weit nach aussen gestreckt und mit den Worten beschrieben: „Herr der Richter ich schreie Zeter über Adam und Heva." Im Hintergrunde ist einerseits der Sündenfall, andererseits das Erlösungs-