Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 687 - 688

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Sohn des alten Volkes
Date
1905-10-01
Page
Seite 687 - 688 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583941-2592736--05618-2592852
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M. H. van Campen: Sohn des alten Volkes. 688 der Natur, und so blieb er dieser Natur gehorsam, ein echter Mensch, frei von jeder Unwahrheit .... o, jetzt begann er zu sprechen .... armer Junge .... würde er sich seiner Heftigkeit schämen . . . wenn er nur nicht diesen schrecklichen Gedanken hatte .... an Selbstmord .... das war die grosse Gefahr .... Jetzt stand er auf aus dem Schatten der dunklen Mauer, trat in den Lichtkreis der Lampe, eine ruhige Entschlossenheit auf seinem Antlitz. Seinem Onkel die Hand entgegenstreckend, sagte «r sanft: „Du vergibst mir, nicht wahr .... ich wusste nicht, was ich sagte .... ich gehe jetzt .... glaube mir, ich ehre und achte Dich mehr, als ich es jemals sagen kann .... sei nicht verbittert gegen inich, habe mich noch lieb, so wie früher .... Gott gebe, dass ich auch so wäre wie Du .... aber was kann ich jetzt noch dazu tun .... es ist alles vorbei .... es ist geschehen .... lebe wohl .... was ich noch sagen wollte .... nein .... ich habe nichts mehr zu sagen .... Warum zitterst Du .... guter, bester Onkel; Du bist gut gegen mich gewesen, gut, hörst Du, immer .... kränke Dich nicht allzusehr .... so .... so, ja, das Geld werde ich mitnehmen .... jetzt .... lebe wohl . . . ." Und er wollte sich nach der Türe wenden, aber der Alte erfasste seinen Arm und sagte befehlend: „Nein .... so lasse ich Dich nicht gehen .... komme her, damit ich Dein Gesicht sehen kann .... jetzt habe ich noch etwas zu sagen. Ich durchschaue Deine Pläne, ich sehe die Feigheit in Deinen Augen .... Du möchtest mich umarmen .... zum letzten Mal! Aber Du wagst es nicht, um keine Vermutungen zu erwecken .... ich sehe Dein Sehnen, um von allen erlöst zu sein, aber wisse wohl, wenn Du das tust, dann wird Dein Andenken verflucht sein, auch Deine Kinder werden mit Abscheu Deinen Namen nennen, werden sich des Vaters schämen, der nichts anderes, nicht mehr war als ein Mörder! Jede Erinnerung an Dich werde ich aus meinem Herzen reissen und denken: Deine Mutter hat keinen Sohn gehabt. Das Zimmer, wo Du geschlafen, die Plätze, wo Du gegessen hast, werde ich meiden wie die Pest. Die Bücher, aus denen ich Dich gelehrt habe, sollen mir nicht mehr unter die Augen kommen, ich werde sie nicht mehr berühren, weil so ein Elender sie berührt hat. Dein Name wird ein Gegenstand des Abscheus sein in meinen Ohren, und in meinem Gebet wird Deines Namens nicht gedacht werden. Für mich wird es sein, als wärst Du nie gewesen. Erfüllt ist die Welt von den Tränen um die Verstorbenen — wer wird Dich beweinen?..... Wie eine Missgeburt, um welche niemand trauert, wirst Du dahingegangen sein .... für Dich wird im Weltall kein Platz mehr sein, bis in alle Ewigkeit .... Bebend stand er jetzt, tief getroffen, vor dem alten Mann, der mit der Kraft eines Sehers, mit grosser Gebärde in seiner Bibelsprache gesprochen hatte, die um und in ihm jeden Tag seines Lebens erklungen war. Aber dann wurden die Züge des Greises weicher, und sanft fuhr er fort: „Komm zur Einkehr, mein Kind, ich habe Dich so lieb, folge meinem JRat, und sieh, wie Gott Dir wieder helfen wird. Beharre nicht bei Deinem törichten Trotz. Das, was Dich jetzt trifft, das ist so oft geschehen. Die Menschen werden Dich mit Verachtung ansehen. Lasse es sie tun. Sie sind dann geringer als Du, und Du wirst Dir in Deinem Innern sagen: ich werde stark sein und ich werde das alles geduldig tragen, bis ich meine Fehler soviel als möglich wieder gut gemacht habe. Sieh, ich habe einen Plan: wenn in Paris alles geordnet ist, dann kommst Du mit Deiner Frau und Deinen Kindern zu mir und Du gründest mit dem Kapital, das mir bleibt, ein neues Geschäft, hier in Amsterdam. Das ist. auch besser, in dem guten, alten Amsterdam, das Du nie hättest verlassen sollen .... Und wir bleiben zusammen, und wenn meine Zeit kommt, dann habe ich Dich bei mir .... davor hatte ich wohl zuweilen Angst, habe ich es auch nie gesagt .... so kommt alles wieder zum alten .... siehst Du es ein?" Schwer atmend starrte der junge Mann vor sich hin, dann fasste er heftig den Kopf seines Onkels mit beiden Händen und küsste ihn auf die Stirne, leidenschaftlich .... Der Alte machte sich jetzt lächelnd los und sagte zufrieden: „So, Junge, jetzt bist Du wieder der alte. Sind jetzt die bösen Gedanken weg?" „Ach, weg .... ja weg .... ach mein Gott . . . stöhnte er in neuem heftig aufwallenden Schmerz der Reue, und dann: „Aber ich danke Dir, ich danke Dir, ich kann Dir nie genug dafür danken . .. . o, wenn Du wüsstest „Ich weiss es ... . ich kenne Dich besser, als Du selbst Dich kennst." „Also Du glaubst noch an mich .... und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.