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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 685 - 686

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Sohn des alten Volkes
Date
1905-10-01
Page
Seite 685 - 686 (sequence 5)
Language
German
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685 M. H. van Campen: Sohn des alten Volkes. 686 ich nicht mehr leben. Lade das nicht auf mich, dass ich über Dich das Unglück gebracht habe. Lade das nicht auf Dich .... denn ich kann diesen Gedanken nicht ertragen .... denke daran .... ich drohe nicht, aber ich spreche die Wahrheit." „Du weisst nicht, was Du sprichst .... Wenn ich durch das Geld vor Armut geschützt bin, dann darfst Du nicht das Bewusstsein haben, dies getan zu haben, sondern diejenigen, denen es gebührt hätte, haben es dann getan, und selbst diese haben damit keine gute Tat getan, denn die Tat war nicht gewollt .... im Gegenteil, sie würden mich fluchen, wenn sie es wüssten; wir beide würden elende Schurken, und Du erkaufst Dir mit Deiner scheinbaren Wohltat keine Befriedigung, denn Du opferst nicht Dich selbst — es ist ja doch nicht mehr Dein Geld. Nur wird ewig das Bewusstsein an Dir nagen, dass nicht Du allein eine schlechte Tat begangen hast, sondern auch einen anderen, der fast am Ende seines Lebensweges angelangt war, zu Deinem Mitschuldigen gemacht hast, und ein langes Leben, in dem er wenigstens gestrebt hat, gut zu sein, jammervoll und verloren werden liessest .... willst Du das . . . .? „Mein Gott, mein Gott! Du machst mich rasend, Du bist kein Mensch .... so würde ein Mensch mit Gefühl nicht sprechen .... es ist unbarmherzig .... wo soll ich jetzt hin .... was muss ich tun . : . . hast Du denn gar kein Mitleid mit mir .... Du bist schlecht .... schlecht, mir so das letzte zu nehmen .... Du bist ein Egoist .... ein Egoist, hörst Du, der selbst gut bleiben will, und kommt ein anderer dadurch auch in die tiefste Hölle .... Gut! Gut! was ist gut . . . .! Alles schwankt und löst sich los .... sage mir, was ich fassen soll. Der eine ist gut und der andere ist schlecht, und beide aus Egoismus .... und Du sprichst mit Festigkeit und Ruhe, als ob für Dich alles sicher wäre .... Ha, ha! Glaubst Du wirklich, das absolut Gute zu kennen, dass Du so alles abwägst und erforschest, und so entschieden annimmst oder es verwirfst .... Glaubst Du wirklich den Massstab zu haben . . . .? Und wenn das nicht so ist, quäle mich dann nicht und sitze nicht so ruhig, alles zergliedernd, als ob es Dich nichts anginge . . . ." „Ja, mein armes Kind, ich glaube das bestimmt." Der andere brach jetzt plötzlich in nervöses Schluchzen aus. Die Hände aui seine Knie gepresst, schrumpfte sein Körper in heftigem Seelenschmerz zusammen. Es schien dem Alten, als ob das Zimmer von dieser Verzweiflung ertöne, denn der matte, dumpfe Klang seiner Stimme durchzitterte den Raum, als ob er von allen Seiten käme. Scheu blickte er in den Alkoven, wo der grünseidene Vorhang der Arche im Schatten verdämmerte und das matt beleuchtete Traumleben seinen sanften, schwebenden Schritt ging. In den Gedanken, die sich ihm plötzlich aufdrängten, pressten sich jetzt seine Lippen aufeinander, seine Augen wurden tieier von dem suchenden Sinnen: „Es war hoffnungslos .... wenn er auch den anderen Teil seines Vermögens opferte, würde es doch nichts nützen .... der Junge war jetzt ganz von Sinnen .... das tat gut, das Weinen .... vielleicht wurde er ruhiger .... aber was dann sagen, um ihn zu trösten, wenn er sich etwas beruhigt hatte . . . .? Er erkannte es nur zu gut: die Philosophie hilft nichts bei Gläubigern .... Aber auf den Trümmern des alten konnte ein neues Gebäude erstehen, das musste er ihm klar, greifbar machen .... auf dass er fühlen würde, dass das Leben weiterging, und, bei guter Führung, wieder neu erstand .... und dass er jetzt die Grenze seines Lebens noch nicht erreicht hätte .... dass es nur eine wirkliche Grenze gab: den Tod. Jetzt wurde er ruhiger .... wie der Kummer einen Menschen altern lässt, der arme Junge, seine Wangen waren eingefallen .... was er auch getan hatte, er büsste es schwer .... die unselige Spielsucht .... wohl musste er ganz ausser sich sein, um so mit ihm zu sprechen, wie soeben .... und doch war vielleicht ein Kern von Wahrheit in dem, was er gesagt .... waren seine Tugenden und Fehler wohl allgemein menschlich, oder hatte er durch sein streng religiöses Leben, das stete Streben, sich zu vervollkommnen, sich selbst so unter Zucht gestellt, dass er der gewöhnlichen menschlichen Fehler, aber auch des Wohltuns aus innerem Trieb nicht mehr fähig war, sondern das alles, alles geleitet wurde von dem Grundsatz: Will das die Thora oder nicht? Ja ... . so war es .... so ... . aber auch dann blieb doch sein Denken und Fühlen menschlich, ja, es wurde immer menschlicher, nicht im gewohnten, aber für ihn im höchsten Sinn, denn für ihn war die Thora die Offenbarung des höchsten Seins, also auch des höchsten Seins-

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