Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Sohn des alten Volkes
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 689 - 690 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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M. H. van Campen: Sohn des alten Volkes. 690 Du tust es nicht allein aus Mitleid .... und Du verachtest mich nicht?" „Nein, mein Junge, wenn ich jetzt jemanden wegen "eines Irrtums, selbst wegen eines Vergehens verachten würde, dann wäre mein Leben unnütz gewesen, dann wäre es besser gewesen, ich hätte nie gelebt .... aber sage, wenn Du Dich jetzt ruhig genug fühlst, und heute nacht noch zurück willst, dann kannst Du jetzt gehen." ,Ja, Onkel, es muss so rasch als möglich sein .... o, es ist so entsetzlich .... all die Menschen .... die Gesichter .... wäre es nur schon vorbei, schon vorbei!" „Mut, Junge, Mut!" Dann schieden sie mit •einem Handedruck. Der Alte begleitete ihn bis zur Eingangstür, ging dann ins Zimmer zurück, setzte sich wieder an den Tisch unter die Lampe. In schweren Gedanken verlebte er die Stunden •der Nacht: Er hatte ein Menschenleben gerettet.... -er würde ihn jetzt immer bei sich haben ..... doch war es recht störend, einen alten Mann im Haus...... er würde sein Bestes tun, sie so wenig als möglich zu belästigen ...... es war nicht angenehm, dassmandenMenscheneineBürdewurde. . .. Aber schliesslich .... daran war nichts zu ändern. Das alte Leben muss dem jungen weichen .... das eine Geschlecht geht und das andere kommt .... Wenn er nur bis zum Ende seine Geisteskraft behalten würde .... denn kindisch sein . ... und abhängig von anderen .... Eben schnurrte heiser die Pendeluhr und schlug dann durchdringend die zweite Stunde. Der Alte strich sich über die Stirn, öffnete wieder das Buch und fing an zu lesen. Die Stille schien jetzt noch tiefer zu sein, da die Nacht sich auf das hastig jagende Leben draussenherabgesenkt hatte. Hier wachte jedoch die Vergangenheit mit dem Schein der Ewigkeit um sich. Das Licht nickte den Dingen zu, die sanft aufleuchteten unter seiner Umflutung. Ringsum an den Wänden standen Schatten, gleich Wachtposten, regungslos. DIE BIBLISCHEN GESTALTEN IN DER BILDENDEN KUNST. Nachdruck verboten. Die sittlich indifferente, artistische Fassung des Gegenstandes findet ihren freiesten Ausdruck bei den Venetianern, denen alle Bewegung und Daseinsrichtung nur Mittel ist zur Schilderung ungehemmter Menschenschönheit. Da steht der grünende Baum hinter dem Paar in der Mitte und gibt die neutrale Folie für die verschieden geartete, sich gegenseitig steigernde Schönheit von Mann und Weib. Der Inhalt, der Sinn und die Auffassung der Historie ist durch formale Elemente gegeben. En beherrschender Diagonale steht die Eva Tizians (Madrid) in dem Bilde. Sie neigt ihren majestätischen, vollerblühten Körper nach vorn; etwas schwerfällig lässig bewegen sich die vollen Formen, nur die graziös lebendige Stellung der Beine und die weiblich sinnliche Bewegung der Arme geben der Gestalt eine glaubhaft ungezwungene Anmut. Der Kopf und die Augen folgen der Bewegung nach oben zu dem Kinde, das den Apfel reicht. Ein schönes Weib von freier Würde und Lebenslust, nimmt sie in Adam und Eva. *) Siehe „Ost und West" Heft IX d. J. Von Dr. G. Kutna. Adam und Eva (Schluss).*) schuldlos kindlicher Weiblichkeit den lockenden Apfel aus der Hand des lockenden Kindes. Ein leiser Zauber zieht sie hin, und nur ein weicher Zug in dem verlangenden Blick verrät etwas von dem Wagnis, das ihr halb zum Bewusstsein kommt; — so langt sie nach oben. Sie hat die Direktive in Bewegung, Linie und Standort und beherrscht die Gruppierung. Adam sitzt; seine Aktionskraft ist nur halbwach, sein Wesen ohne festen Willensdrang, ohne Herrschaft über das schöne Weib, über Lust und Laune des Weibes. Mit einem ängstlichen Blick sieht er auf die Hand Evas, und ängstlich schwach fasst er ihren Arm. Er ist sitzend und nur bescheiden mahnend in seinem Eingreifen, weil es eine Stunde ist, wo das Weib zu schon ist und der Mann zu schwach, und beide werden essen und keiner Zukunft gedenken und keine Schatten sehen. Der Mann ahnt die Tragweite der Handlung, das Weib sieht sorglos nur die Stunde und ihre Lust; so hält er inne in seiner abwehrenden Bewegung und wird mit dem kindlichen Weibe zum Kind. Noch stiller ist die Betonung der Aktionsmotive bei Palma Vecchio (Braunschweig), wo alle gehaltliche Bedeutung durch formale Werte ausgedrückt wird. Adam steht in ruhiger Körperspannung da, lehnt den Oberkörper durch Einstemmen des Armes zur Seite, die andere Hand hält einen Zweig, dessen Blätter wie zufällig den Schoss bedecken. So lagert seine Erscheinung in ruhig, festem Dasein, architektonisch massvoll in der Lebendigkeit, organisch und frei schwebend in der Ruhe. Der linke Arm weitet die Persönlichkeit nach aussen — zu Eva hin. In stiller Berührung naht er ihrem Wesen, verlangend und suchend nach der zauberhaft lächelnden Erscheinung mit ihrer spielenden, sanften, rätselvollen Schönheit. Eva ist bewegter aufgefasst. Rhythmisch