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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 683 - 684

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Sohn des alten Volkes
Date
1905-10-01
Page
Seite 683 - 684 (sequence 4)
Language
German
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683 M. H. van Campen: Sohn des alten Volkes. 684 Leben .... Es gibt unsichtbare Hände, die retten, stützen .... Ich weiss wohl, Naturen gleich Dir ist es eigen: in der Freude wissen sie, dass sie kurz dauern wird, im Kummer glauben sie, dass er ewig ist; und dann wollen sie sich in der Nacht begraben und ihre Tränen trinken und so lange ihr Leid fühlen, bis es zu einem stillen Geniessen wird .... Nichts bleibt, alles verändert sich, verbessert sich, wenn man den Dingen nur die Zeit gibt und geduldig ist . . . „Onkel, Du bist kein Mensch .... wie ich .... Deine Worte gehen über mich hinweg, ich fühle sie nicht .... wenn ich in mich blicke, sehe ich nichts von all dem Schönen .... Bin ich jetzt wie ein Pfeiler gestanden der Versuchung gegenüber? .... Das eine Mal, da ich es hätte beweisen können .... habe ich es nicht getan .... Ich bin jetzt ein Schurke geworden, ein ganz gewöhnlicher Schurke, und Du, der Idealist, der Heilige, verstehst das nicht .... das ist ja ganz begreiflich .... ach, ach, wenn ich daran denke .... wie wir hier früher zusammensassen .... Warum ist mir jetzt alles so fremd .... die Menschen sollten nicht die Fähigkeit haben, sich zu erinnern. „Die Menschen — sich nicht erinnern? Einst wird Dir die Erinnerung ein Born des Trostes sein, dann wirst Du an heute denken und in Deinem Innern sagen: mein Onkel war ein strenger Mann, der strenge Begriffe über das Leben hatte, und dennoch stiess er mich damals nicht von sich, sondern tröstete mich und gab mir wieder Selbstvertrauen. Sicher war ich damals nicht so verderbt als ich dachte..... und, törichter Junge, glaubst Du jetzt wirklich, dass ich zu hoch stehe, um diese Dinge zu begreifen, und dass ich ein Heiliger bin?..... Da, gerade vorhin, als ich es so plötzlich hörte, da dachte der Heilige zuerst an sich selbst! .... Nein ... . glaube mir, ich bin nicht mehr als ein Mensch, deinesgleichen, nichts, nichts mehr. Komm, wir wollen jetzt einmal sehen..... ist wirklich nicht mehr zu helfen?..... Ich will das nicht so einfach glauben......" „Onkel, ich flehe Dich an, lege mich nicht wieder auf die Folterbank. Ich habe Tage und Nächte gerechnet, bis ich ganz stumpf geworden bin und mir alles vor den Augen tanzte. Gestern Nacht, in meinem Bureau, wollte ich mir selber einreden, dass ich irrsinnig sei .... Jemand, der so etwas ohne Notwendigkeit täte, müsste doch wohl irrsinnig sein.....und ich habe mich so aufgeregt, dass ich wirklich einen Augenblick die Seligkeit empfand, mich in einem Nebel wahnsinniger Gedanken schweben zu fühlen..... Aber dann dachte ich wieder, dass jemand, der es weiss und froh darüber ist, dass er verrückt ist, doch nicht verrückt sein kann, und an diesen einen logischen Gedanken klammerten sich wieder andere fest, bis alles wieder in schrecklicher Klarheit vor mir stand .... Nein, da ist nichts zu tun .... Hunderttausende betragen die Passiven . . . . Aber das ist meine Sache .... Dich kümmert es nicht .... all das Schmutzige .... ich bin noch nicht bankrott .... morgen .... morgen erst .... jetzt noch nicht .... jetzt verfüge ich noch .... Dich habe ich gerettet." „Mich gerettet?! . . . ." „Um Gotteswillen, Onkel, sei still, frage nicht mehr .... es ist alles gut so, es ist richtig .... hier habe ich es mitgebracht .... ich fand es besser so .... hier, da ist es . . . ." Hastig nahm er ein Paket aus der Innentasche seines Rockes, stand auf, legte es auf den Tisch, ging wieder zurück, wie schwankend unter dem schweren Druck der Gedanken, und fiel matt, ganz matt wieder auf seinen Stuhl; er wollte seinen Onkel nicht sehen und war bange vor dem, was er jetzt hören würde. Der Alte starrte entsetzt auf das Päckchen, das unter der Lampe grell weiss glänzte und wie eine Störung in das nebelhafte Traumleben des Zimmers hineinfiel. Mit einer fast unwillkürlichen Bewegung entfernte er es von dem Buch, in dem er gelesen hatte. „Das ist Geld .... das ist Geld . . . ." sagte er stotternd, „gestohlen von den andern Gläubigern." „Sei still, Onkel, sei still. Du weisst das nicht .... Du brauchst das nicht zu wissen .... morgen bin ich erst bankrott .... denke nicht zu weit .... ich tue das . . . „Still, Jakob, still, komme nicht als ein Versucher zu mir, das Geld .... nimm es fort .... augenblicklich .... nimm es fort." „Höre jetzt zu, Onkel, ganz ruhig, und dann entscheide Dich. Wenn Du es nicht nimmst, dann gehe ich als ein Verzweifelter aus Deinem Haus, dann wird mich der Gedanke verfolgen, dass ich Dich, meinen Wohltäter, arm gemacht habe .... dass ich vor mir selbst verdammt sein werde für alle Zeit .... dann will

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