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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 681 - 682

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Sohn des alten Volkes
Date
1905-10-01
Page
Seite 681 - 682 (sequence 3)
Language
German
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661 Er war ja immer ein tüchtiger Mensch gewesen, hatte ihm auch stets eine Liebe bewiesen, die sonst kein Kinderloser zu erwarten hat..... Ein Sohn würde ihm nicht mehr gewesen sein.....er schien nicht für das Glück bestimmt .....so früh schon die Eltern verloren ..... Vielleicht wohl hatte er stets ihr Fehlen, namentlich das der Mutter, tief empfunden und jetzt .... jetzt sicher..... Und doch, es war ein Glück, dass sie nicht mehr lebte, dass sie ihn nicht so sah..... Es war wohl seine teure Pflicht ihm ein Vater zu sein, solange Gott ihm das Leben schenkte . . . . . und mit der Sanftheit einer Mutter.....wie jetzt be- , ginnen, was sollte er sagen....." „Liebes Kind, guter Junge, willst Du mir nicht ein wenig sagen.....was Du jetzt denkst, sage mir das.....sind wir nicht eins?..... Du machst mir solchen Kummer, wenn Du denkst, dass ich nicht genau so mit Dir fühlen kann, wie Du selber fühlst..... Oder denkst Du, dass ich streng sein werde..... liebes Kind, ich bin ein alter Mann.....ich weiss.....ich weiss....." Ein Zittern ging jetzt gleich einem Schluchzen durch die dunkle Gestalt, doch es kam keine Antwort. .Junge, willst Du so in die Nacht eintreten, in die lange Nacht, allein mit Deinem Kummer .... schämst Du Dich vor mir? .... Welche Torheit..... Bin ich mehr als Du? .... Sollte ich niemals gesündigt haben in einem Leben von siebzig.....siebzig Jahren?" „Nein, nein!" antwortete er jetzt heftig, mit rascher Bewegung die Hände von seinem Antlitz reissend. „Erniedrige Dich nicht selbst, um mich zu erhöhen .... ich bin ein Elender, ein Schurke .... ach, Du weisst es nicht .... ich habe spekuliert .... ich habe Gelder aufnehmen müssen .... ich war überzeugt, dass die Papiere steigen würden .... und wozu hatte ich es nötig .... ich habe mein Glück mit Füssen getreten .... ich habe nicht an die Folgen denken wollen .... ich habe die Gedanken vertrieben .... so wie jemand sich betrinkt, ehe er einen Mord begeht .... und jetzt .... jetzt denke ich, denke ich. Jetzt werde ich mich verwünschen und verfluchen bis zu meinem Tod . . . . o Gott, Gott, wäre ich nur tot ... . wäre ich nur erlöst!" Aber der Alte mit der unbewussfc feierlichen 6S2 Sprache eines Menschen, der immer, vom Morgen bis zum Abend und oft vom Abend bis zum Morgen die Bibel und den Talmud studiert: „Mein armes Kind, Du sprichst wieder harte Worte .... aber Gott wird nicht hören, was Du jetzt sagst in der Bitterkeit Deiner Seele .... Wie eine rote Wolke umgibt Dich jetzt Deine Sünde, und Du siehst nicht die Reinheit Deiner rein durchlebten Jahre, und Du denkst, Du bist ein Gefallener, der sich nicht wieder erheben wird. Aber ich werde Dir jetzt sagen, wer Du bist, und ich werde Dir jetzt zeigen, was Du dazu getan hast. Als Du vom Knaben zum Mann wurdest, dachte ich, welche Verdienste wird er sich erwerben, wenn ich ihn stets führe und ihm nicht die Gelegenheit selbständig zu handeln gebe? .... Ich werde mich jetzt weniger mit ihm beschäftigen, ihm die freie Verfügung über Geld geben .... tun, als ob ich nichts sehe, aber in Wahrheit wohl darauf achten, welchen Weg er einschlagen wird .... Aber als ich sah, dass Du Dich nicht verändertest und grösser wurdest als Mensch . . . . mein Junge, welche Freude hast Du mir damals bereitet. Ich habe Dich damals wachsen gesehen im vollen Leben ohne Schutz; ich sah, wie das Schlechte und Niedrige in Dich eindringen wollte, sich ohnmächtig in dem guten Kern Deines gesunden Denkens verlor. Wie anders wäre mein Alter gewesen, wenn ich Dich nicht gehabt hätte .... leer .... zwecklos. Du bist mir ein Kind gewesen .... Du hast mich stets wie einen Vater hochgehalten . . . . mir tausendfach vergolten, was ich für Dich getan habe, was ich zu tun verpflichtet war, denn sonst wäre ich ein Ungeheuer gewesen .... Halte Dir das vor Augen und denke nicht, dass ich nur etwas sage, um Dich zu trösten, denn ich schwöre, dass es die Wahrheit ist . . . . Ich will Dir sagen, dass Du in der Jugend schon so gelebt hast, wie ein anderer erst in hohem Alter, wenn die Leidenschaft vorbei ist .... dass du wohl mit Dir selbst gekämpft haben musst wie ein Mann .... Jemand gleich Der fällt nicht für immer, der hat die Kraft, sich wieder aufzurichten .... Wende Dich nicht ab vom Leben .... das Leben ist der Freund jener, die es zu tragen wissen .... Es kann noch schön werden und klar für Dich, noch viele, viele Jahre .... Du bist ja erst am Anfang. Ich sage Dir, glaube es, es geht ein grosses Erbarmen durch das scheinbar harte M. H. van Campen: Sohn des alten Volkes.

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