Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Sohn des alten Volkes
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 679 - 680 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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679 M. H. van Campen: Sohn des alten Volkes. 680' flüsterte, die Laute durch die Lippen stossend: „Ich bin bankrott." Am den Zügen des Greises erschien ein heftiger Schrecken. Der geöffnete Mund blieb eine Weile in einem Ausdruck des Entsetzens erstarrt und alles schien erloschen. Doch dann entrangen sich ihm Worte, während seine Wangen plötzlich rot erglühten. „Bankrott." „Ja ... . ich flehe Dich an ... . frage nichts .... ich wollte, dass ich tot wäre!" 'Wie ein verzweifeltes Flehen entrang sich ihm dieser Wunsch. Es war, als ob rasender Kummer vor seinen Augen in der Dunkelheit seiner Hände flammte. Der Alte trat auf ihn zu, versuchte ihn mit einer Bewegung zu beruhigen und sagte nachdrucksvoll: „Sage das nicht .... das ist schlimmer als alles .... das ist Sünde .... und hier! Werde jetzt erst ruhig, Du siehst, ich bin auch ruhig .... und wenn Du ruhig bist, dann wirst Du mir wohl erzählen .... warte ruhig . . . Dann setzte er sich wieder vor das vergilbte Buch .... Wirbelnd kreuzten sich die Gedanken in seinem Kopf .... Schwer fühlte er das Dröhnen seiner dahinstürmenden Gedanken, die ohne Zügel weiterrasten: bankrott .... bankrott .... Mein Gott! wie war das möglich .... alles war so gut gegangen .... seit er begonnen hatte .... wie kam das so plötzlich .... Vielleicht übertrieb er wohl, er hatte ihn zu sehr in Ueppigkeit erzogen, der Junge verzweifelte so leicht .... es Hess sich vielleicht doch noch etwas machen .... es kam darauf an ... . wie viel es wohl war .... aber wenn es wirklich wahr wäre .... die Hälfte seines Vermögens war dabei .... dann musste er fort aus dem Haus, dem alten Haus .... was sollte aus ihm werden .... ins Leben zurück, das ihm fremd geworden war . , . .? Mein Gott, ich rufe zu Dir, lass es nicht so sein, nicht so sein .... er hat noch nicht gesprochen .... ich will es nicht hören, das Unwiderrufliche, das nicht wieder gut zu machen ist ... . Egoist, Egoist, fünfzig Jahre heiliger Studien, der Beherrschung der Leidenschaften, der Selbstprüfung .... und das ist die Frucht .... er sollte sich schämen, alter Tor, der er war .... Sein junges Leben, das ist schlimmer, seine Frau und seine Kinder .... Ich flehe für ihn, Ewiger, ich flehe für ihn .... ist das^ was geschehen, nicht wieder gut zu machen durch Dich . . . . ein Tor war er, ein Tor .... sollte seinetwegen die Erde und der Lauf der Dinge anders werden .... Warum nicht .... Gott kann ein Wunder tun und es mit dem Schein des logisch Notwendigen und Natürlichen bedecken .... Es steht geschrieben: Ihm, der für einen anderen betet, dem soll zuerst geholfen werden .... Egoist, jämmerlicher Egoist .... ach, seine Gedanken verwirrten sich .... er sündigte .... er wollte nicht mehr denken .... Gott sollte tun, was ihm als recht erschien .... jetzt würde er ruhig sein . . . . warten .... ohne zu denken .... wie erstarrt.... Es war jetzt in dem Zimmer, als ob kein Stoss des schwer vorwärts rollenden Lebensdieses Traumleben berührt hätte, als ob kein schriller Klang durch die Stille gegellt hätte, die hier herrschte, wie das Schweigen in tiefschattigen Wegen, wo kein Wanderer geht. Beide Männer sassen jetzt bewegungslos, jeder hielt seine Gedanken in sich verborgen, in beiden war ein grosses Bangen, das mit hoher Stimme in ihren Seelen kreischte und nicht ruhen wollte. Und das Leben der Vergangenheit, das um sie wogte, war wie eine steinerne Wölbung, starr und kalt herniedersehend auf die angezündete Lunte, die darunter glimmt, starr und kalt, als ob alles durch Jahrhunderte so bleiben würde und nicht zerstört werden würde — im nächsten Augenblick ...... Doch endlich bewegte sich der Alte, blickteauf..... Wie lange war es wohl, dass er so wartete und nicht denken, hoffen, flehen wollte, und doch gedacht, gehofft, gefleht hatte? Vor ihm, abgezeichnet von der dunklen Tapete, aisschwarzes Gebilde, von dem sich die Hände, die das Gesicht verbargen, wTie weisse Flecke abhoben, die zusammengesunkene Verzweiflungsgestalt. Er fühlte es so E tief, wie in diesem Menschen die schmerzvollen Gedanken wühlten und ein Verlangen nach dem Nichts sich steigerte, und in der Erschöpfung das Sehnen, den Kampf aufzugeben, auftauchte, so dass der Alte nicht zu sprechen wagte, in der Angst all das Schreckliche klar zu hören und in das Gesicht zu sehen, das vielleicht eine schmerzverzerrte Larve war. Aber musste es nicht sein? Vielleicht war doch noch zu helfen, wenigstens zu trösten...... So in der dumpfen Verzweiflung wollte er ihn doch nicht lassen .... wie hatte er noch an sich selbst denken können . . . war er nicht so viel wie sein eigener Sohn .... der Sohn seiner verstorbenen Schwester.....