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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 677 - 678

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Sohn des alten Volkes
Date
1905-10-01
Page
Seite 677 - 678 (sequence 1)
Language
German
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677 678 SOHN DES ALTEN VOLKES. Von M. H. van Campen. *) Autorisierte Uebersetzurjg aus dem Holländischen von Frida von Rüden. der sich höher und In dem stillen Zimmer an dem späten Abend schien das Licht beseelt'zu sein und den Dingen, die es um flutete, und die dadurch schärfer sichtbar wurden, über den Kopt des Alten hinweg, der regungslos sass, leise ■ zuzunicken. Das Gemäch stellte einen zur Wirklichkeit gewordenen Traum von längst entschwundener Zeit dar und so mächtig, dass die flutende Gegenwart hier erstorben war, und man nicht recht an die Wirklichkeit draussen in dem lebhaften Treiben der grossen Stadt zu glauben vermochte. In der Verborgenheit der schützenden Mauern hatte die Vergangenheit durch viele Jahrhunderte hindurch ihre noch lebendig warme Hand ausgebreitet und den Schein der Gegenwart aus dem Wesen der Dinge entfernt. Nebelhaft und zum Teil in nächtlichen Schatten verschwommen, stieg der Traum in der tiefen Nische empor, wo fern von den Strassen des Lichtes der grünseidene Vorhang der Heiligen Arche dämmernd sichtbar wurde hinter dem Almemmor, dessen kupferne Buchstaben ein wenig schüchtern blinkten, so wie die matten Blicke halb geschlossener Augen vor einem Strahlenbronnen sich verstecken. Die hohen Bücherschränke, wo die schweren ledernen Rücken der Folianten von dem goldigen Schein der Lampe überstrahlt wurden, standen klarer da, mehr gewillt, zur Wirklichkeit zu werden. Aber im Antlitz des Alten, der mit stiller Liebe in einem Buch mit alten vergilbten Blättern las, war der Traum zu greifbarem Leben geworden, fremd in seiner Zeit, doch gross wieder auferstanden aus dem Tod der dahingegangenen Jahre, mit der Tragkraft steinerner Brückenbogen, gewölbt über der Flut des kommenden und gehenden Lebens. Und die gleichmässige Stille, die den Endlichkeitsbegriff auszuschliessen schien, schenkte diesem Leben einen Schein von Unvergänglichkeit. Doch plötzlich gellte durch die Zimmerwände und die Andachtssphäre, in welcher verklärt der Alte sass, ein schriller Klang, der, im Vorraum entstanden, langsam erstarb wie ein *) M. H. van Campen, ein junger Autor, ist durch sein Buch „Bikoerim", dem diese Skizze entnommen ist, in die erste Reihe der modernen holländischen Prosadichter eingetreten: Er ist Diamantarbeiter in Amsterdam. Nachdruck verboten. Dampf, der sich höher und höher zieht und endlich verschwindet. Der Greis lauschte: wer konnte das sein, der jetzt so spät zu ihm kam? Er legte die Hände, die gefaltet unter dem Licht auf dem schwarzen Tischrand weiss erschienen waren, aui die Lehne seines Stuhles und wandte sich nach der Tür. Sein machtvolles Gesicht hatte einen fragenden Ausdruck angenommen. Die Augenbrauen zogen sich zusammen über den dunklen Augen, in Missstimmung über die gefürchtete Störung. Ein müder Schritt schleppte sich die Treppe hinunter über die Marmorfliesen nach der Eingangstür .... ein Strom von Strassenlärm drang ein, der das Zimmer wie mit einem Wirbelwind erfüllte. .... einen Augenblick, dann war wieder alles still. Nur kaum merkliches Geflüster summte in dem Vorraum. Dann wurde die Tür geöffnet, und unangemeldet trat ein Mann ein mit rotem, schweisstriefendem Gesicht, die Augen gross und fragend wie in heftigster Erregung, in der Hand Reisetasche und Regenschirm, die er ins Zimmer mit hineinnahm, die tadellose Kleidung zerdrückt und bestaubt, über seinem ganzen Wesen eine Traurigkeit verfallener Eleganz. „O . . . . Du hier!" rief der Alte, der rasch aufgesprungen, den Besucher mit erstaunten Blicken ansah. „Ja .... Onkel." Er sank schwer nieder in einen Stuhl, als hätten seine Knie unwillkürlich sich gebeugt, liess Reisetasche und Regenschirm niedergleiten, die fast lautlos auf den dicken Teppich fielen. Schwer lag wieder die Stille über dem Zimmer, nur das vibrierende Licht lebte allein, gleichsam zitternd vor dem ersten Laut, der jetzt ertönen würde .... Einen Augenblick knarrte der Schrank. „Ist etwas geschehen .... Hanna . . . . den Kindern . . . frug angstvoll der alte Mann. „Es geht ihnen gut . . . . sie sind gesund." Er sass jetzt vorgeneigt, sah hinunter auf die krampfhaft greifenden Hände, während er sich fest in den Stuhl schmiegte, wie in dem Wunsche, sich klein, ganz klein zu machen. „Was sonst . . . . was ist es anderes . . y . etwas ist nicht in Ordnung bei Dir . . . ." / Der Mann neigte sich tiefer,, presste mit heftiger Gebärde die Hände an die Ausen und

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