Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 673 - 674 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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673 Dr. Isidor .Singer: Eine Vogelschau über die Entwickeltmg der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren. 674 Dr. Isaac M. Wise. den kurz zuvor eingetretenen Tod ihrer Begründer beide Seminarien sich in einem kritischen Stadium befanden — die Unterhandlungen mit Schechter waren noch nicht gereift, und in Cincinnati dachte noch niemand an Kohler, der damals selbst fest überzeugt war, dass er seine Karriere als rabbi emeritus des Temple Beth El abschliessen werde —, veranstaltete der vornehmste jüdische Club von New York, The Judeans, ein glänzendes Bankett anlässlich des Erscheinens des 1. Bandes der Jewish Encyclopedia zu Ehren von dessen Redakteuren und Verlegern. In dem Schlusstoaste, der mir reserviert worden war, schlug ich die Begründung einer in der Stadt New York zu errichtenden vollständigen Fakultät für die Geschichte, Literatur und Religion des jüdischen Volkes vor, welche neben neuen die besten Elemente der beiden bestehenden jüdisch - theologischen Schulen Amerikas in sich fassen sollte. Meine später im Druck erschienene Rede bildete den Gegenstand lebhafter Diskussion in der hiesigen Tages- und religiösen Presse, auf die hier einzugehen nicht der Ort ist. Auch Professer Wilhelm Bacher, der jetzige Redakteur des talmudischen Departements der Jewish Encyclopedia, besprach sympathisch den Plan in der Allgemeinen Zeitung des Judentums (1901) in einem längeren Artikel, dessen Schluss die Leser dieser Zeitschrift wahrscheinlich interessieren dürfte: „Wer die Gründungsgeschichte unserer europäischen Rabbinerbildungsanstalten und die engen Schranken ihrer Budgets im Auge hat, dem muss der Plan der neuen Gründung Singers den Eindruck des Abenteuerlichen und geradezu Unglaubhaften machen. Auch ihm gegenüber ist die Skepsis am Platze, und zwar noch in höherem Grade, als sie seinem Encyklopädieplane gegenüber berechtigt war, der nun dennoch zur Wirklichkeit geworden ist. Aber auch die Zweifler werden der Idee einer Hochschule für die Wissenschaft des Judentunis weder die Berechtigung noch die Grösse der Konzeption versagen können. Wer mit offenen Augen die gegenwärtige Lage unserer Wissenschaft betrachtet, wird die Gefahr nicht verkennen, welche ihrem Bestände, ihrer Fortentwickelung schon lange droht. Die einzige Institution, welche der modernen jüdischen Wissenschaft als Heim zu dienen hat, die Rabbinerbildungsanstalt, ist durchaus nicht genügend, um die Erhaltung und Erweiterung derselben zu sichern und sie vor Verfall zu bewahren. Die wenigen Lehrstühle derselben, deren Inhaber zumeist verschiedene Fächer zu bekleiden und auch andere, ihrem wissenschaftlichen Arbeitsfelde ferner stehende Aufgaben zu erfüllen haben, stehen in keinem Verhältnis zu den zahlreichen Aufgaben und Zielen der jüdischen Wissenschaft. Ausserdem legt die Rabbinerschule vermöge itu-er eigentlichen Zwecke der Forschung gewisse Schranken auf, und nur ein Teil der an ihr geleisteten Arbeit kann, der reinen Wissenschaft dienstbar gemacht werden. Die in den Rabbinerschulen zur Pflege der jüdischen Wissenschaft und zur Liebe für sie Herangebildeten aber werden durch die Pflichten ihres Amtes immer weniger in der Lage sein, auch die grosse Pflicht zu erfüllen, die ihnen, als den leider immer mehr ausschliesslichen Träger der jüdischen Gelehrsamkeit, obläge. Wie gering ist die Zahl der Rabbiner in Deutschland und anderwärts, die trotz innerem Drange und trotz tüchtiger Befähigung Müsse finden, sich selbsttätig an dem Ausbau, an der Weiterentwickelung der ihnen so teuren und gewissermassen ihrer Obhut anvertrauten Wissenschaft zu beteiligen! So verliert die Wissenschaft des Judentums, wie man sich dessen zuweilen mit Grauen inne Josef Blumenthal. Derzeitiger Präsident des "N"ew Yorker theologischen Seminars.