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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 671 - 672

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren
Date
1905-10-01
Page
Seite 671 - 672 (sequence 4)
Language
German
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671 Dr. Isidor Singer: Eine Vogelschau über die Entwicklung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren. 672 das Kerbholz der amerikanischen Literatur geschrieben werden können. Was die poetische Sektion betrifft, so gehört auch hier die überwiegende Majorität — wenn man nebst der Zahl auch den literarischen Wert in Betracht zieht — dem englischen Zweige des Judentums an: Aguilar 3 Zangwill und 2 Gordon. Die logische und für die Kulturentwickelung des amerikanischen Judentums höchst interessante Schlussfolgerung aus dieser literarischen Statistik ist die Tatsache, dass weder die Sefardim, welche bis 1848, noch die deutschen Juden, die bis 1882 hier die Oberhand hatten, imstande waren oder sich die Mühe nahmen, die jüdische Literatur durch originelle Beiträge zu bereichern. Im Jahre 18S0 gab es ungefähr 250 000 Juden in den Vereinigten Staaten, so dass, deren natürlichen Zuwachs und die Immigration aus Zentraleuropa mit eingerechnet, in runden Ziffern 2/3 der 1 500 000 Juden dieses Landes in dem grossen osteuropäischen Ghetto ihren Ursprung hat. Was diese Neuankömmlinge auf dem Gebiete der hebräischen und Jargonliteratur in dem letzten Vierteljahrhundert geleistet haben, werden wir an einer anderen Stelle dieses Essays untersuchen. Dasselbe Verhältnis der absoluten Abhängigkeit vom europäischen Mutterlande zeigt die Geschichte der theologischen Seminare. Im Jahre 1875 gründete Dr. Isaac M. Wise, . aus Böhmen gebürtig, das Hebrew Union College in Cincinnati; nach dessem Tode (26. März 1900) wurde Dr. Moses Mielziner aus Posen sein Nachfolger, und als dieser liebenswürdige Talmudgelehrte am 13. Februar 1903 im Alter yon 75 Jahren seine Augen schloss, trat nach einem mehrwöchentlichen Interregnum des Professors Gotthard Deutsch aus Mähren der Bayer Dr. Kaufman Kohler ans Ruder der grossen amerikanischen Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Nur 2 Mitglieder des Lehrstabes in Vergangenheit und Gegenwart (Dr. L. Magnes, gegenwärtig Rabbiner in Brooklyn - New York, und Dr. David Philipson, Rabbiner in Cincinnati) gehörten Tempel Beth El, New York. resp. gehören bereits der amerikanischen Generation Israels an. Aehnlich steht es mit dem konservativen New Yorker Seminare, das im Jahre 1886 als Protest gegen das radikale Reformprogramm der Rabbinerkonferenz in Pittsburg (16. bis 18. November 1885) von dem Italiener Dr. Sabato Morais ins Leben gerufen und nach dem Tode des Präsidenten Josef Blumelhal aus München (2. März 1901) von dem Frankfurter Bankier und Philanthropen Jacob PI. Schiff reorganisiert wurde und dem Rumänen Dr. Salomon Schechter seit 2*4 Jahren mit Hilfe eines Kollegiums von vier russischen, je einem deutschen und englischen und zwei amerikanischen Professoren geleitet wird. Da der Historiker nicht bloss das Privilegium geniesst, die Ereignisse der Gegenwart zu interpretieren., sondern auch das Recht besitzt, den Schleier der Zukunft zu lüften, so möge es mir gestattet sein, zur Belehrung derjenigen theologischen Kreise Europas, welche goldlüstern nach dem amerikanischen Eldoradoblicken, zum Schluss dieses einleitenden Aufsatzes für einige Augenblicke die amüsante, aber oft undankbare Rolle des Propheten zu spielen. Am 21. Mai 1901, zu einer Zeit also, wo durch

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