Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 675 - 676 (sequence 6)
- Language
- German
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675 Dr. Isidor Singer: Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren. 676 wird, allmählich ihre lebendigen Wurzeln, und die stolze Errungenschaft des neunzehnten Jahrhunderts ist in Gefahr, im zwanzigsten Jahrhundert zu einem toten, in Büchern vergrabenen Schatze zu werden, für den sich auch Schatzgräber nur in spärlicher Anzahl rinden werden. Eine Hochschule, wie sie in New York erstehen soll, wird ein wirksames Mittel sein, um jene Gefahr abzuwenden. In dem Neulande jenseits des Atlantischen Ozeans, das nun auch vermöge der Anzahl der in ihm wohnenden Bekenner unseres Glaubens in der vordersten Reihe der Länder steht, die Israel zur Heimat geworden sind, wird durch das zu gründende grosse Institut die Wissenschaft des Judentums feste Wurzeln schlagen. Und vielleicht dürfen wir denen ihr Fortkommen und ihre Blüte besonders am Herzen liegt, ein Wort des deutschen Kaisers variierend, die Hoffnung aussprechen: Unsere Zukunft liegt jenseits des Meeres!" Seitdem diese Zeilen geschrieben wurden, traten in der gelehrten Welt der amerikanischen Judenheit ganz unerwartete Ereignisse ein, welche u. a. auch dem provisorischen Executive Comite der University ot Jewish History, Literature and Religion, das aus drei der hervorragendsten Rabbiner der Stadt New York, dem Vizepräsidenten der dortigen Unterrichtsbehörde und mir selbst bestand, eine gewisse Reserve auferlegte: Schechter erschien in New York, Kohler ging nach Cincinnati etc. etc. Das Erscheinen des letzten Bandes der Jewish Encyclopedia sollte nach meiner Vision von 1901 mit der Grundsteinlegung der von Ludwig Philippson, Abraham Geiger, Moritz Steinschneider und so vielen anderen Gedole Yisrael geträumten Fakultät für die Wissenschaft des Judentums zusammenfallen. Nur das Zentrum der eingeAveihtesten Kreise hierzulande Dr. Moses Mielziner, Cincinnati. ..^IP^Ä9' Dr. K. Kohler, Cincinnati. Präsident des Hebrer Union Kollege. spricht bereits seit einiger Zeit, aber natürlich nur noch in leisem Flüstertone, davon, dass das Jahr 1906 wiederum eine Krise, aber in einem ganz anderen Sinne als in 1902/03 markieren möge, welche meine Prophezeiung vom Judeanbankett mit den selbstverständlich durch die veränderten Zeitverhältnisse notwendig gewordenen Modifikationen, früher als meine skeptischen Kritiker von anno dazumal zuzugeben gewillt sein werden, der Realisierung zugeführt werden dürfte. Der alte Brummbär in der Wallnertheaterstrasse, ohne dessen riesige Vorarbeiten mein Lebenswerk schwerlich hätte begonnen werden können, ist nahezu 90 Jahre alt. Ich will mich daher beeilen, bevor er in die Yeshibah schel Maalah einlenkt, ihm die Kunde zu bringen, dass die Verleger der Jewish Encyclopedia unter gewissen Bedingungen bereit sind, den Abschluss des Riesenwerkes, dem sie, die Nichtjuden, 7V2 Jahre rastloser Arbeit und beinahe 1 500 000 Mark gewidmet haben werden, durch die Fundierung einer Lehrkanzel an der Columbia oder Harvard University für jüdische Geschichte und Literatur zu verewigen. Steinschneider hat in einem Anfalle schelmischer Laune die Jüdische Encyclopädie die Singersche Nähmaschine genannt; als Revanche wird die neue Lehrkanzel in New York resp. Cambridge den Namen des Verfassers des Catalogus Bodleianus zu führen haben. (Ein zweites Kapitel mit Illustrationen folgt.)