Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Die russischen Judenmorde
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 619 - 620 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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619 Fjanz Oppenhcimer: Die russischen Judenmorde. 620 schwerste und höchste : anhaltende, unverrückt auf ihr Ziel gerichtete Arbeit. Stets weiter nach Westen zu griffen die immer zerfallenden, immer wieder neu zusammenschiessenden Gewaltreiche aus und kamen mit immer neuen, freieren und daher glücklicheren Gemeinwesen, die sie selbst zum grossen Teil geschaffen hatten, in kriegerische Berührung. Denn die Flüchtlinge aus den neu eroberten Ländern setzten sich immer wieder an den Westgrenzen fest und schufen Städte und Staaten mit freierer Verfassung. Aber, ob Sieger oder Besiegte: sie verloren im Kampfe mit den Gewaltstaaten des Ostens immer wieder grosse Teile ihrer Freiheit und Gleichheit: besiegt, verschwanden sie in der dumpfen Masse der ausgebeuteten Knechte, Sieger, lernten sie gar bald die Macht missbrauchen. Dennoch vollzog sich ein langsamer Aufstieg zu Freiheit und Macht. So wich die Kultur allmählich nach Westen vor der Barbarei zurück, immer wieder besiegt, und dennoch immer erstarkend. Vom Indus, Euphrat und Nil floh sie zum Tiber, zum Rhein, zur Seine und Themse; Flüchtlinge trugen sie vor Jahrhunderten über das Weltmeer, wo sie ihre sturmfreie Heimat fand, in dem grossen Freistaat Nordamerikas. Das ist der Hauptinhalt der Weltgeschichte, wie Theodor Mommsen ihn deutet: der Kampf des östlichen „Sultanismus" mit westlicher Bürgerfreiheit. Es war im Grunde nichts anderes, wenn Hegel als das Wertresultat der Weltgeschichte den Aufstieg von der Knechtschaft zur Freiheit bezeichnete! Und wieder weiter nach Westen drang die Kultur, jetzt nicht mehr gescheucht, sondern als Angreifer; sie überschritt den zweiten grossen Ozean, und öffnete mit den Donnerschlünden der nordamerikanischen Flotte die verschlossenen Tore des feudalen Gewaltreichs Japan. Sie fand hier neuen Sitz und neue Kraft; und als sie jetzt, wieder erstarkt, den Weg nach Westen fortsetzte, da stiess sie auf den ältesten und furchtbarsten Gegner, auf das blutige Barbarenreich, das noch immer auf der alten Stätte gegründet stand, ein Alp der Welt, über der es hing wie eine düstere Hagelwolke. Sie hatte ihren langen, tränenreichen Weg rund um den Planeten vollendet, in Jahrtausenden, immer erstarkend, immer gewaltiger gerüstet — und jetzt war die Zeit erfüllt; der Koloss brach beim ersten Stoss zusammen, das letzte Zwing-Uri der Freiheit stürzte schmetternd in Trümmer, und die befreite Welt darf aufatmen, ihres ersten — und ihres letzten Gegners ledig. Ihres letzten! Nirgend mehr ist ein Volk, ein Staat auf der Erde vorhanden, der nach Russlands Fall die Macht oder Möglichkeit hätte, ein neues Gewaltreich des Sultanismus zu errichten. Nie mehr kann der Bürgerfreiheit ein neuer starker Gegner erstehen. Auch nicht aus ihrer eigenen Mitte! Nun erst, nachdem der Riese gefallen ist, wird auch der Blödeste erkennen, dass alle jene Unvollkommenheiten, die dem Spiessbürger Westeuropas, dem allzuleicht vergessenden, seine Freiheit missliebig machen, nur dadurch entstehen konnten, dass über seinen Grenzen jene düstere Hagelwolke hing. Sie rechnen es der Freiheit als Schuld an, wenn z. B. in dem grossen Freistaat Nordamerikas die unerhörte Geldmacht einzelner Dollarkaiser Verwirrung stiftet, das Recht beugt und den Staat beherrscht; dass aber diese unerhörte Geldmacht nur entstehen konnte, und nur Bestand hat, weil und s o - langeaus den Reihendes europäischasiatischen Sultänismus alljährlich Hunderttausende von Armen ohne Kultur, ohne Erziehung, ohne B ü r - gerbe wusstsein und Bürgerehre dorthinflüchteten und flüchten, die clenLohn und damit die soziale Stellung der Volksmasse niederhalten,, davon wissen sie nichts. Jetzt, avo Russland befreit ist, wo sich die Freiheit ohne grossen Kampf auch der kleinen Gewaltreiche bemächtigen wird, die nur dank seinem Bestände sich noch hielten, der Donaufürstentümer samt Galizien und Ungarn und der Türkei : jetzt wird die Wanderbewegung schnell versiegen, die Löhne in Westeuropa und Amerika werden reissend steigen, die Lebenslage der Volksmasse in Stadt und Land wird aufhören proletarisch zu sein, und wird bürgerlich werden, und jene ungeheuren Vermögen werden allmählich zusammenschmelzen, weil der Profit fällt, wenn der Lohn wächst; und die Pfund-, Mark- und Dollarkaiser werden ihre arge Macht verlieren, noch ehe sie ihren Reichtum verloren haben. Denn ein wohlhabendes Volk lässt sich nicht kaufen, und ein erzogenes Volk lässt sich nicht durch Demagogen betrügen und verführen! Russland war die letzte Barre, die die Gewalt quer durch den Strom der Kultur gebaut hatte. Oben versumpften die Aecker, unten verdorrten sie. Jetzt ist die Barre gesprengt. In scheuer Ehrfurcht sehen wir zu, wie der starke Strom herniederbraust; noch schäumt er wild und donnernd und die aufgestauten Wasser finden keinen Platz in dem zu engen Bett; noch flutet er trübe, denn er hat den aufgesammelten Schutt und Schmutz der Jahrtausende abwärts zu führen: aber nur eine kurze Zeit der Geduld! Und der wilde Schwall wird ebben, der Strom wird in sein Bett zurückkehren, rein und ruhig wird er dahinfliessen und: „Unaufhaltsam rauscht er weiter Lässt der Türme Flammengipfel, Marmorhäuser, eine Schöpfung Seiner Fülle, hinter sich.