Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Die russischen Judenmorde
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 617 - 618 (sequence 4)
- Language
- German
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Franz Oppeubeimer: Die russiscbcn Judenmorde. G1S Die Newa jauchzt empor, und sieh! Abwärts in brausendem Erguss, Abwärts durch Schnee und Schollenwerk drängt sich und macht sich Bahn der Fluss! Die letzten Spuren seiner Schmach malmt er und knirscht er kurz und klein Und flutet gross und ruhig dann ins ewig freie Meer' hinein!" Mehr als sechzig Jahre sind darüber hingegangen, seit Deutschlands Freiheitssänger, Ferdinand Freiligrath, auch ein „Schnorrer und Verschwörer" gegen sein Vaterland, so lange es noch russisch war, diese flammenden Strophen niederschrieb. Und wie damals Deutschlands beste Männer im Kampfe voranstanden, duldeten, litten uncl starben, so stehen heute Russlands beste Männer im Kampfe voran, dulden und sterben, um seinen hohen Traum zu erfüllen. Und derselbe Schmutz aus denselben schmutzigen Händen fliegt hinter ihnen her, ohne sie erreichen zu können, der damals hinter Deutschlands besten Männern herflog. Lasst sie schelten, die polizeifrommen Seelen! Wir aber wollen uns nicht irre machen lassen. Nicht Verbrecher sind die Blutzeugen des grossen Freiheitskampfes, sondern Helden, die wir mit Ehrfurcht und Stolz nennen, weil sie die unseren sind. Haben wir Westeuropäer häufig mit Spott und Missachtung auf die hosenverkaufenden Jünglinge geblickt: heut beugen wir tief unseren Nacken vor ihnen; sie haben den Adel unseres Blutes bewiesen, den wir, so oft!, verleugnet haben. Heil und Ehre ihnen; wir zollen ihnen heute nur, was eine nahe Zukunft ihnen im Uebermass zollen wird; das befreite Russland wird ihre Gräber mit Lorbeern überschütten, und noch die fernste Zukunft wird den Harmodios und Aristogeitos, den Mandelstamm und Silberfarb, den Schnorrern und Verschweren!, ihre Kränze winden. Wenn s i e im Kampfe fallen: wir werden nicht klagen, so wenig wie sie selbst sich beklagen. Sie stehen im Felde, und sterben selbst am Galgen den ehrlichsten Soldatentod. „Und wenn das tapfere Aug' auch bricht, die tapferen Herzen verzagen nicht, das Vaterland ist ja gerettet," singt ein anderer Dichter deutscher Freiheit, auch ein Edelster, der zu sterben wusste, Theodor Körner. Wenn aber unsere christlichen Mitbürger die Heldentaten dieser Männer zu Verbrechen stempeln, wenn sie den Mut haben, die grauenhaften Massenmorde in Südrussland damit entschuldigen zu wollen, dann sollen wir Juden denn doch unsere Humanität so weit vergessen, c ass wir für unseren gerechten Zorn und unsere gerechte Empörung die rechten Worte finden. Ein dritter Dichter deutscher Freiheit, auch ein Edelster, Detlev von Liliencron, hat solch tin Wort an die Adresse der polizeifrommen Kurszettelanbeter gefunden: „Und könnt' ich alle Pfeffersäcke henken! Pfeffer in euren Schlund! Und meine Faust!'' „Aber man wusste doch lange, dass beim Ausbruch der Revolution in Russland die Wut der Volksmasse auf die Juden gelenkt werden würde! Konnten da nicht die jüdischen Revolutionäre sich zurückhalten? Mussten sie in den vordersten Reihen stehen?" Ja, sie wussten es lange, und wir in Westeuropa wussten es lange! Wir wussten freilich, dass die Juden bei Ausbruch einer Revolution auch dann gemetzelt werden würden, wenn kein jüdischer Bundist, kein jüdischer Intelligenter sich den Umstürzlern angeschlossen hätte. Wir kannten russische Regierungsweisheit gut genug. Sie weiss, Ventile zu öffnen, wenn der Manometer gar zu hohen Dampfdruck anzeigt! Und es kommt ihr so wenig darauf an, ein paar hunderttausend! Juden auch dann schlachten zu lassen, wenn sie ganz unschuldig polizeifromm sind, wie es Se. Majestät dem Sultan darauf angekommen ist, seine getreuen Armenier vom Mob mit Knüppeln totschlagen zu lassen. Der Absolutismus und der Mob verstehen sich überall; sie sind von gleichem Blute. Aber zugegeben: die Pogroms in Südrussland seien die Rache der zarischen Regierung für die offen revolutionäre Haltung vieler Juden gewesen; angenommen, die Schnorrer und Verschwörer hätten glauben dürfen, durch vorsichtige Zurückhaltung das entsetzliche Schicksal von den Ihren abwenden zu können — ein Glaube, den sie nicht hatten, nicht haben konnten —: selbst dann hätten sie getan und tun müssen, was sie taten! Selbst dann! Denn das Grässlichste, was geschehen ist, und was noch geschehen wird, wie gefürchtet werden muss. ist doch nur ein kleiner Einsatz gegen das, was mit Sicherheit erreicht werden wird. Und das ist ein starker Trost in all dem unsagbaren Jammer! Die Opfer sind nicht umsonst verblutet. Mit der russischen Barbarei fällt der erste — und der letzte Feind der Freiheit und Gesittung, das letzte Hindernis des Glücks und der Wohlfahrt der Völker. Aus den gewaltigen Steppen an den Grenzen Europas und Asiens sind jene kriegerischen, rohen Hirtenstämme hervorgebrochen, die die friedlichen Bauern der reichen Schwemmebenen an den grossen Heerströmen unterwarfen und auf ihren Nacken die „Staaten" aufrichteten, in denen die Hirten zum grossgrundbesitzenden Adel wurden. Das war der Anfang der Hörigkeit und Knechtschaft, der Anfang der grossen Raub- und Eroberungskriege, die die Welt mit Flammen und Eisen verwüsteten, freilich auch der Anfang aller höheren Gesittung. Denn in der furchtbaren Schule ihrer Herren lernten die Unterworfenen zum ersten Male das